„Wer hier ein Geschäft aufmachen will, muss mit den Hells Angels reden.“ Diesen Satz hörte Alexander Dierselhuis immer wieder, als er Polizeipräsident von Duisburg wurde und im Norden der Stadt mit Geschäftsleuten sprach. Schutzgeld, Einschüchterung, eine Atmosphäre des Misstrauens – und Männer aus der Rockerszene, die ohne erkennbare legale Einkünfte in den dicksten Autos durch den Stadtteil fuhren. Doch sobald Dierselhuis nachhakte, wurden die Aussagen dünner. Die Menschen fürchteten, die Rocker würden erfahren, was sie der Polizei erzählten.

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Fünf oder sechs Wochen nach seinem Amtsantritt knallte es auf dem Hamborner Altmarkt. Rund einhundert Menschen aus dem Umfeld der Hells Angels und einer türkisch-libanesischen Großfamilie lieferten sich eine Straßenschlacht und schossen 28-mal aufeinander. Darauf ließ Dierselhuis gezielt nach einem Ermittlungsansatz suchen. Vier Jahre und fünf Monate später, am Mittwoch dieser Woche, durchsuchten rund 1700 Einsatzkräfte rund 140 Häuser, Wohnungen, Lagerhallen und Büros – in NRW, vier weiteren Bundesländern sowie in Belgien, Bulgarien und den Niederlanden (wir berichteten).
Stand heute haben wir die Führungsriege vom Netz genommen.
Alexander Dierselhuis, Polizeipräsident Duisburg
Zwei Jahre dauerte es, bis die Ermittler einen Anpack fanden, weitere zwei Jahre durchdrangen sie verdeckt ein Schattenimperium der Organisierten Kriminalität. So erzählen es die Ermittler und zwei Landesminister bei einer Pressekonferenz am Folgetag in Duisburg. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) beschreibt es so: Die Ermittler hätten „einen kleinen Faden gezogen und plötzlich hatten sie ein ganzes Knäuel in der Hand“.
Al Capone und die Spur des Geldes
Einer dieser Fäden war Bargeld. Bei einer Verkehrskontrolle fanden Ermittler rund 120.000 Euro. Das Geld sollte verschiedenen Unternehmen gehören, ein Herkunftsnachweis fehlte jedoch, berichtet Stephanie Thien, Leiterin des Landesamtes zur Bekämpfung der Finanzkriminalität NRW. In der Sicherheitskonferenz Ruhr wurde der Fall an die Finanzermittler gegeben. Der Verdacht auf bandenmäßigen Umsatzsteuerbetrug erhärtete sich. Der bislang gesicherte Steuerschaden liegt bei 1,6 Millionen Euro – und dürfte nach Einschätzung Thiens noch deutlich steigen.
Vor allem wollen wir mit unserer Expertise Strukturen zerschlagen.
Stephanie Thien, Leiterin des Landesamtes zur Bekämpfung der Finanzkriminalität NRW
Thien spricht vom „Al-Capone-Prinzip“: Das Eingangstor in die Organisierte Kriminalität seien häufig die nicht gezahlten Steuern. Es gehe nicht nur darum, Geld zurückzuholen. Über Steuerdelikte ließen sich Strukturen sichtbar machen und zerschlagen.
Was die Ermittler nach eigener Darstellung fanden, ist weit entfernt vom alten Bild des Rockers vor dem Clubhaus. Solvente Kapitalgesellschaften sollen aufgekauft worden sein. Zwischen den Firmen wurden demnach Waren und Dienstleistungen hin- und hergeschoben, Scheinrechnungen geschrieben und Millionenbeträge durch ein künstliches Wirtschaftssystem gewaschen. Reul fasst zusammen: „Da gibt es nicht nur die auf der Straße, da gibt es auch die Krawatte im Büro.“ Die einen hätten Gewalt und Angst erzeugt, die anderen gewusst, wie man schmutziges Geld durch Firmen und Konten schleust, bis es sauber aussieht.
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Die Staatsanwaltschaft sieht dahinter mehr als bloß einzelne Geschäfte. Einige Beschuldigte hätten das Ziel verfolgt, „wirtschaftliche und territoriale Dominanz im Raum Duisburg“ zu erlangen, sagt der Leiter der Duisburger Staatsanwaltschaft, Gunnar Greier. Dazu sollen Schutzgelderpressungen gehört haben, die Durchsetzung von „Forderungen“, berechtigt oder unberechtigt, mit Gewalt und eben das Firmengeflecht.
Motorräder nur am Rande
Offenbar hat es sich gelohnt, und die Rocker zeigten es auch nach außen – was Teil ihrer Einschüchterungsstrategie ist. Die Ermittler zeigen Bilder von teuren Uhren und 16 Luxuskarossen. „Interessant“, sagt Reul: Motorräder haben die Ermittler nur zwei gefunden. Das alte Symbol der „Szene“ steht neben einem Lamborghini Urus und einem Bentley am Rand.
Für die Rocker sind diese Autos mehr als Vermögenswerte. „Das schmerzt sie schon“, sagt Ermittlungsleiterin Lilli Jahnke. Es seien Statussymbole. Dierselhuis erinnert daran, welche Wirkung solche Bilder im Stadtteil entfalten können: Männer mit wenig Bildung und ohne erkennbare legale Arbeit, die in sehr teuren Autos herumfahren und damit zu negativen Vorbildern für Jugendliche werden.

Noch längst ist nicht alles ausgewertet. In nur einer Halle stießen die Fahnder auf rund 600 Europaletten mit Waren. Viele Kisten waren am Tag nach der Razzia noch ungeöffnet. Auf Fotos der Ermittler sind Modeartikel mit „Love Moschino“-Aufschrift und Burberry-Muster zu erkennen – gefälschte Markenware, so die Ermittler. Es zeigt, wie weit die wirtschaftlichen Aktivitäten des Netzwerks über klassische Rockerkriminalität hinausreichten. Genauer noch sind es mehrere Banden, die hier mit den Rockern zusammengearbeitet haben. 71 Personen werden insgesamt beschuldigt. Wie viele von ihnen den Hells Angels angehören, ist noch unklar.
Die offenen Ermittlungen beginnen erst
Mehrere hundert Kräfte waren auch am Donnerstag noch damit beschäftigt, Asservate auf Lastwagen zu laden. Auch Waffen wurden gefunden: zunächst 21, darunter fünf Schusswaffen, mindestens zwei davon scharf. Die Zahlen können sich mit der weiteren Auswertung noch verändern. Die offenen Ermittlungen beginnen erst. „Kriminalpolizeiliche Ermittlungen kommen nicht von der Stange“, sagt Innenminister Reul. „Dafür braucht es Geduld, Einsatz und viel, viel Zeit.“
NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) macht deutlich, wo der Staat ansetzen will: „Wer Verbrechen organisiert, dem nehmen wir alles.“ Und weiter: „Denn Geld ist der Motor der organisierten Kriminalität.“ Vermögensarreste über 48,6 Millionen Euro sind angeordnet, Konten eingefroren, mehrere Grundstücke beschlagnahmt.

Brisant ist, dass sich ein Verdacht aus den frühen Gesprächen von Dierselhuis zumindest teilweise im Verfahren erhärtet hat. Ein Duisburger Polizeibeamter und drei Beschäftigte der Stadt sind ins Visier der Ermittler geraten. Drei von ihnen sollen sensible dienstliche Informationen nach außen gegeben haben. Ein städtischer Mitarbeiter soll Geld angenommen haben, um Vorteile in Verwaltungsverfahren zu gewähren oder zu versprechen. Der Polizeibeamte befindet sich vorläufig nicht mehr im Dienst.
Informationslecks in den eigenen Reihen sind offenbar immer wieder aufgefallen. Dierselhuis berichtet: Aufklärungskräfte hätten gesehen, wie sich Hells Angels in einem Laden versammelten. „Fünf Minuten, bevor wir eintreffen, sind alle weg.“ Entsprechend vorsichtig musste der Einsatz mit so vielen Kräften vorbereitet werden. „Kenntnis nur, wenn nötig“, lautete das Prinzip. Papier und Dateien wurden außerhalb eines kleinen Kreises über Jahre vermieden. Dierselhuis schaut zu seinem Chef neben ihm: Er habe selbst Innenminister Reul zunächst lediglich gesagt, es gebe ein großes Verfahren. Mehr nicht. Der gab sein Okay, den Kreis der Mitwisser so klein wie möglich zu halten.

Ein ungewöhnlicher Aufruf
Dann richtet sich der Polizeipräsident an jene Menschen, mit denen diese Geschichte für ihn begonnen hat. Wer Schutzgeld gezahlt habe, bedroht worden sei oder Betroffene kenne, solle sich melden. „Wir können und werden Sie schützen“, sagt Dierselhuis. „Die Zeit der Angst ist vorbei. Der Staat ist hier, der Staat greift durch.“ Die Polizei hat eigens ein Hinweistelefon eingerichtet: 0203 280 3333. Wer dort anrufe, lande bei jemandem, der die Dringlichkeit und Bedürfnisse der Anrufenden verstehe.
Auf die Nachfrage, ob die Macht der Hells Angels im Duisburger Norden nun tatsächlich gebrochen sei, wird Dierselhuis vorsichtiger: „Stand heute haben wir die Führungsriege vom Netz genommen.“ Ob die Strukturen dauerhaft geschwächt seien, werde man erst später sehen: „Da können wir in ein, zwei Jahren drüber reden.“








