Sie hallen durch den düsteren Tunnel: 21 Glockenschläge für die Opfer der Loveparade-Katastrophe, ein weiterer symbolisch für hunderte Betroffene, Verletzte, Traumatisierte, und ein letzter „für die Hilflosigkeit gegen all den Terror und die Kriege in der Welt“, so erklärt es Jürgen Thiesbonenkamp vom Kuratorium der Stiftung Duisburg 24.07.2010. In Duisburg wurde im und am Tunnel zum 15. Mal an all jene gedacht, deren Leben hier in einer Massenpanik zu Ende ging oder deren Leben schlagartig eine Wendung nahm. Zu ihrem Gedenken hält er eine Ansprache, Jupp Götz und Minerva Diaz untermalen die kleine Andacht musikalisch.
Weil es in dieser Form das letzte Mal sein wird, sind beinahe mehr Medien vertreten als Betroffene. Die Zusammenkunft am Denkmal im Karl-Lehr-Tunnel ist in den letzten Jahren immer mehr auf einen harten Kern zusammengeschmolzen. Oft dabei sind die Angehörigen aus Spanien, Italien, Deutschland, auch aus China. Der 15. Jahrestag hat auch Scott Ridley, den älteren Bruder der verstorbenen Clancie Elizabeth Ridley, dazu bewogen, den 24-Stunden-Flug aus Australien anzutreten.
„Lila war ihre Lieblingsfarbe“
Er trägt ein lila Hemd, „das war ihre Lieblingsfarbe“, sagt er und blickt Richtung Stahlplatte, an der auch Clancies Foto angebracht ist. Mit einem bezaubernden Lächeln schaut sie darauf in die Kamera. Ridley ist sichtlich bewegt, viele Erinnerungen werden hier wach, sagt er. Auch nicht so schöne, denn Duisburg besuchte er erstmals, um den Leichnam seiner Schwester heimzuholen und ihren Freundinnen zu helfen, nach dem Schock nach Hause zu kommen.
Ihn rührt die deutsche Art, Anteilnahme zu zeigen. Die Gedenkstätte sei für australische Verhältnisse „zu knallig, zu viel“, ihm gefällt die kleine Gartenanlage besser. Schön findet er auch die Vorstellung, dass aus den 21 Magnolien auf der Hauptbahnhof-Platte einst ein kleiner Wald werden könnte. Vielleicht mit Platz für einen Palisanderholzbaum, weil der auch so schön lila blüht? Die Asche seiner Schwester haben sie in einem Garten verstreut. Natur sei der Familie wichtig, obwohl - oder gerade weil sie in der Sechs-Millionen-Stadt Sidney leben.
Die regelmäßige Zusammenkunft vieler Angehöriger soll es auch in Zukunft geben. Es ist ein Ritual zum Festhalten für die Gemeinschaft derer, die das Schicksal so hart getroffen hat. Sie halten sich in den Armen, legen Blumen nieder, zünden Kerzen an. Und nach 15 Jahren zeigen sie auch ihre Freude, einander wiederzusehen, erlauben sich buntere Kleidung, eine größere Zugewandtheit.
Duisburg-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!
Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Thiesbonenkamp betont: „Diese Gedenkstätte ist eine der größten in der Stadt. Sie wird hierbleiben, erinnern, mahnen, auch wenn sich das Gelände einmal verändert. Was hier vor 15 Jahren geschah, ist nicht Geschichte, sondern vergegenwärtigt unsere Erinnerung.“ Er berichtet, dass Oberbürgermeister Sören Link den Hinterbliebenen zugesichert hat, dass es auch künftig einen Moment des Gedenkens an der Gedenkstätte geben wird, die Andacht in der Salvatorkirche ist längst abgesprochen. Der Abschied heute sei kein Abschied für immer: „So Gott will, sehen wir uns wieder.“
Gabi Müller, deren Sohn Christian ebenfalls hier starb, ist es weiterhin wichtig, jedes Jahr zu kommen, „auch wenn das Leben weitergeht und ich gelernt habe, damit umzugehen“. Wie die Menschen künftig der Opfer gedenken, sei nicht so wichtig, „da gibt es kein Richtig und kein Falsch, der Tag darf nur nicht vergessen werden“. Künftig müssten es keine 1000 Lichter mehr sein, „ein paar Kerzen tun es auch“. Wichtiger sei ihr die Begegnung mit jenen, denen sie sich durch den Verlust ihres Sohnes verbunden fühlt. Von der Stadt erwarte sie allerdings „gar nichts, da kommt nichts von Herzen, das ist nur aus Verpflichtung“.
+++ Folgen Sie dem Kanal der Duisburger Lokalredaktion bei Whatsapp +++
Oberhalb der Gedenkstätte, auf dem damaligen Festivalgelände, steht ein großes türkisfarbenes Schild. „Zukunft“ steht darauf. Es ist überwuchert, mit Graffiti beschmiert. Hier oben sollten längst die Duisburger Dünen entstehen, aber das wird noch dauern und Zukunft ist hier noch ein sehr leeres Wort. Unten wird sich auch eine neue Perspektive finden, muss die Stadt einen langfristigen Umgang finden mit dem Schmerz, der hier seinen Anfang nahm.