Für viele junge Erwachsene ist es ein Abenteuer, aber auch eine Chance. In Marxloh tun sie Gutes, erleben große Dankbarkeit und begegnen ihren Vorurteilen. Der preisgekrönte Verein „Tausche Bildung für Wohnen“ sucht jetzt wieder neue Bildungspaten. Sie wohnen mietfrei im Stadtteil, helfen dafür Mädchen und Jungen bei Hausaufgaben und fördern sie beim Lernen. Kurzentschlossene können sich noch bis einschließlich Samstag, 31. Mai, für den Bundesfreiwilligendienst 2025/26 bewerben.

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„Für mich war Marxloh ein echter Kulturschock“, sagt Bildungspatin Leonie Graupner aus Leipzig. Über den berüchtigten Stadtteil im Duisburger Norden hatte sie viel Negatives gehört, selbst in ihrer fast 500 Kilometer entfernten Heimatstadt. Sie war vorher noch nie im Ruhrgebiet, war aber sofort tief beeindruckt von der Brautmodenmeile.

Bewerben können sich Interessierte fürs Ruhrgebiet nicht standortscharf, das geht nur für Hamburg. Der Verein hat die junge Leipzigerin dann Marxloh zugeteilt. Dort ist der erste und der größte Standort, „das Mutterschiff“, erläutert die stellvertretende Vereinsvorsitzende Marie Angerer. Die Teams werden demnach nach Fähigkeiten und Persönlichkeit zusammengestellt, aber Standortwünsche werden möglichst berücksichtigt. Vereinzelt gebe es Bedenken gegen den Duisburger Norden, weil sein Ruf in Deutschland so mies sei. Doch diese Bedenken würden schnell ausgeräumt. Tatsächlich sei in Marxloh gerade bei Bildungspaten aus gutsituierten Familien sehr beliebt, um „andere Lebensrealitäten kennenzulernen“ und daran zu wachsen.

„Für mich war Marxloh ein echter Kulturschock“: Bildungspatin Leonie Graupner (links) aus Leipzig, hier mit Standortleiterin Jessica Becker, kannte das Ruhrgebiet vor ihrem Bundesfreiwilligendienst nicht. Doch sie hat sich schnell eingelebt.
„Für mich war Marxloh ein echter Kulturschock“: Bildungspatin Leonie Graupner (links) aus Leipzig, hier mit Standortleiterin Jessica Becker, kannte das Ruhrgebiet vor ihrem Bundesfreiwilligendienst nicht. Doch sie hat sich schnell eingelebt.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

So war Marxloh auch zunächst für Leonie Graupner als Dienstort eine Überraschung, aber schon nach kurzer Zeit im Stadtteil und in der Wohngemeinschaft mit den anderen Bildungspaten an der Wiesenstraße habe sie sich eingelebt. Alle ihre Vorurteile über Duisburg seien jetzt längst fortgewischt. Sie ist überzeugt: „Viel mehr Großstädte brauchen eine Tauschbar“, wie die Lernstandorte des Vereins heißen. Neben Duisburg gibt es sie mittlerweile in Gelsenkirchen, Essen, Dortmund, Witten und in Hamburg.

Preisgekröntes Projekt: Kostenloses Wohnen in Marxloh gegen Lernhilfe für Kinder

Als Bufdis organisieren die jungen Erwachsenen in allen Städten die Lernförderung und Hausaufgabenhilfe für die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler aus der ersten bis zur siebten Klasse, die zwischen sechs und 14 Jahre alt sind. Gleichzeitig sind sie aber auch Freizeitbetreuer, nicht nur während der Ferienprogramme. „Unser Hauptziel ist Bildung. Aber wir sind für die Kinder auch ein sicherer Ort“, sagt Bildungspatin Emilia Seidel. „Die Kinder schenken uns so viel Vertrauen.“

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Wenn sie erst einmal warm werden mit den Bufdis und sich wohlfühlen, dann erzählen sie „viel Privates“ – vom Liebeskummer über Konflikte in der Schule, im Freundeskreis oder in der Familie. Entsprechend baut sich über das Jahr eine „enge Beziehung“ zu den Mädchen und Jungen aus Marxloh auf.

Dass sie durch ihren Wohnort in armen Duisburger Norden, durch einen Migrationshintergrund oder eine Muttersprache abgehängt seien, ist ein Vorurteil, gegen das „Tausche Bildung für Wohnen“ tagtäglich ankämpft. Viele der betreuten Schüler seien durchaus „sehr leistungsstark“, betont Emilia Seidel. Allerdings wird in der Tauschbar längst nicht nur gebüffelt, es gibt auch andere Angebote wie Kunst, Lernspiele, Gartenarbeit, gemeinsames Kochen, Sport und Ausflüge. Eltern melden ihre Kinder gezielt beim Verein und für feste Gruppen an. Dabei kommen vier Kinder auf einen Bildungspaten.

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Alle Bufdis bei Tausche Bildung für Wohnen müssen erwachsen sein und ein gehobenes Deutsch sprechen können (Niveau B2). Fremdsprachenkenntnisse sind hilfreich, aber keine Voraussetzung. In Duisburg ist aktuell Arabisch sehr gefragt. Zusätzlich müssen alle ein sauberes Führungszeugnis haben, einen vollständigen Masernschutz, eine Aufenthaltsgenehmigung und eine Arbeitserlaubnis. Die offenen Stellen zu besetzen, ist aktuell nicht einfach. Denn viele Abiturienten haben ihre Abschlussnoten erst Ende Mai bekommen.

Kurzentschlossene können sich noch für diesen Sommer bewerben: Frist endet am 31. Mai

Kurzentschlossene sollen sich aber trotzdem gerne bewerben, betont Pressesprecherin Valérie Hasenmayer. Das freiwillige Jahr beginnt schon im August und endet im Juli 2026. Insbesondere Bewerbungen von Männern seien derzeit sehr gefragt, so die Sprecherin weiter, denn „momentan sind hier die Frauen noch weit in der Überzahl“.

Grundsätzlich setze sich der Verein dafür ein, „die Geschlechterdiversität in Erziehungsberufen zu stärken und stereotype Rollenbilder abzubauen“ und auch im eigenen Team „mehr Balance“ zu schaffen. Daher sind nun Männer, queere und non-binäre Menschen bewusst dazu aufgerufen, sich zu bewerben. Wem das zu spontan ist: Die Bewerbungsphase für das Freiwilligenjahr von August 2026 bis Juli 2027 beginnt bereits im kommenden Oktober.

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Jedoch sollten alle Bewerberinnen und Bewerber sich auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen freuen. Sie sollten ihren Einsatzorten und der Nachbarschaft der Tauschbars offen gegenüberstehen. In Marxloh liegt das Haus des Vereins an der Paulskirche 9, gegenüber der Grillo-Gesamtschule. Die Interessierten sollten zuverlässig sein und eigenverantwortlich arbeiten können. Neben einem kostenfreien WG-Zimmer bekommen alle Bildungspaten ein monatliches Taschengeld von 420 Euro.

„Die meisten Bildungspaten sind sehr begeistert“, wirbt Valerie Hasenmeyer im Gespräch mit der Redaktion. Auch die Bildungspatinnen Leonie Kraupner und Emilia Seidel können den einjährigen Bundesfreiwilligendienst in einer Tauschbar und besonders in Marxloh nur empfehlen. Dort arbeiten sie mit Kindern aus dem Viertel und erleben hautnah, wie wertvoll ihr Engagement ist.

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