Wer als Pendlerin oder Pendler regelmäßig im Duisburger Hauptbahnhof unterwegs ist, gewöhnt sich mit der Zeit an die vielen Schwächen des Verkehrsknotenpunktes. Einige fallen Menschen ohne Behinderung und Ortskundigen überhaupt nicht auf. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) weist nun aber auf den beschwerlichen und langen Hindernislauf hin, den Menschen mit Behinderung und Senioren im und am Hauptbahnhof bewältigen müssen. Ein Video führt die Betriebsblindheit und Kundenferne von Bahn und Duisburger Verkehrsgesellschaft (DVG) vor Augen.

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Zu sehen ist darin, wie sich Antje Ahlbrecht, eine der beiden Duisburger VCD-Vorsitzenden, mit Ilona Hermann auf den Weg von der Gleishalle nach Buchholz macht. Die Seniorin ist auf einen Rollator angewiesen. Die beiden spielen für das von ADFC-Mitglied Wolfgang Dewald gedrehte und geschnittene Video durch, was all jene mobilitätseingeschränkten Personen erleben, die sich im Bahnhof nicht auskennen und zur U-Bahn müssen.

Hauptbahnhof Duisburg: Am Ende des Bahnsteigs keine Rolltreppe zur U-Bahn

Ilona Hermann kommt um 9.10 Uhr mit einem Regionalzug am Bahnsteig 11 an, folgt dort den Hinweisschildern zur U-Bahn. Am Ende des Bahnsteigs im Norden aber steht sie vor einer Treppe. Eine Rolltreppe vom Bahnsteig hinunter zur Unterführung, zu Bussen und U-Bahnen – gibt es nicht. Die Seniorin mit dem Rollator kehrt um.

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Nach dem Rückweg funktioniert in der Mitte des Bahnsteigs immerhin der Aufzug. Im Fußgängertunnel unten (Ankunft um 9.26 Uhr) zeigen die Hinweisschilder zur U-Bahn allerdings wieder hinauf auf den Bahnsteig. Was tun? Ein anderes Schild weist den Weg zu einem „Servicepoint“ Richtung Empfangshalle. Am Ausgang dort entdecken sie endlich das erste Schild, das sie nicht wieder hinauf auf den Bahnsteig schickt. Es hat die Aufschrift „Tram/U/Bus“ – der Pfeil darauf zeigt nach rechts.

1,4 Kilometer Fußweg fürs Umsteigen

Draußen geht es über den Portsmouth- zum Harry-Epstein-Platz. Weitere Wegweiser: Fehlanzeige. Um 9.37 Uhr steht die Seniorin am U-Bahn-Abgang der Station „Duisburg Hbf“, erst dort entdeckt sie ein halb zerstörtes Hinweisschild mit einem Fahrstuhl-Symbol: „am Zugang in der Unterführung Busbf.“. Nach weiteren 200 Metern hat sie den Aufzug zur U79 um 10.47 Uhr gefunden.

Standbilder aus einem Video zur fehlenden Barrierefreiheit im Hauptbahnhof Duisburg
Ein erster Hinweis © Wolfgang Dewald | Wolfgang Dewald

Vom Regional- und Fernverkehr zu Bus und Bahn der DVG hat die gehbehinderte Seniorin etwa 40 Minuten gebraucht. Sie war 400 Meter auf dem Bahnsteig und fast einen zusätzlichen Kilometer Fußweg unterwegs. „Das ist unzumutbar für Menschen, die auf einen barrierefreien Weg angewiesen sind“, kritisiert Dewald. Die Beschilderung nennt der VDC „sehr mangelhaft“. Der kürzeste und sinnvollste Weg vom Bahnsteig zum U-Bahn-Fahrstuhl – die Route durch den Ostausgang und entlang der Neudorfer Straße – ist gar nicht ausgeschildert, kritisiert VCD-Vorsitzende Gabriele Siegert.

„Die meisten, die in Duisburg planen, fahren nicht mit dem ÖPNV“

Das Anschauungsmaterial stellten VCD und das Bündnis Sozialverträgliche Mobilitätswende NRW am NRW-Aktionstag Barrierefreier Nahverkehr am 5. Mai vor, dem europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Der Einladung zur Diskussion waren zwar einige Duisburger Vertreter der Parteien gefolgt, nicht aber Deutsche Bahn und DVG.

„Der Film zeigt, was Zehntausende jeden Tag erleben“, sagte Ratsherr Matthias Schneider (Grüne). Er sieht im Kleinen und Großen vor allem die politische Mehrheit in der Pflicht: „Das Problem ist doch, dass in den Aufsichtsräten größtenteils Autofahrer sitzen. Die meisten, die in Duisburg planen, fahren nicht mit dem ÖPNV.“ Er appellierte, die Betroffenen sollten sich über Missstände häufiger offiziell bei der DVG beschweren.

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Die mangelhafte beziehungsweise fehlende Wegführung im Hauptbahnhof ist für OB-Kandidat Oliver Beltermann (Junges Duisburg) vor allem Zeichen eines „katastrophalen Qualitätsmanagements bei der DVG. DVG und Bahn leiten ihre Kundenströme nicht und kommunizieren wahrscheinlich nicht“.

DVG: nur 521 der 1426 Haltestellen barrierefrei

Die besonders betroffene Gruppe der Mobilitätseingeschränkten sei größer als die meisten denken, sagte bei der Diskussion Dr. Michael Spörke, beim Sozialverband Deutschland in NRW Leiter der Abteilung Sozialpolitik und Kommunales. Zu diesen zehn Prozent der Bevölkerung zählen auch Familien mit Kindern, erinnerte Spörke. Zur Umsetzung müsse Barrierefreiheit „in einer Kommune auf allen Ebenen ernst genommen werden, sonst hat sie keine Chance“.

[Großbaustelle und Verkehrsknotenpunkt, Geschäftspassage und Einsatzort der Bundespolizei: Auf unserer Themenseite finden Sie Artikel über den Duisburger Hauptbahnhof.]

Für den Verkehrsclub sind Duisburg und die DVG ein Negativ-Beispiel dafür, etwa beim Ausbau barrierefreier Haltestellen. „Die DVG könnte und müsste viel weiter sein“, kritisiert auch Ratsherr Herbert Fürmann (Linke).

Bis Ende 2024 wurden in Duisburg 521 der insgesamt 1426 Haltestellensteige barrierefrei ausgebaut, erklärt DVG-Sprecherin Kathrin Naß. Dabei ist seit 2013 klar: Nach dem Beförderungsgesetz sollten bis Anfang 2022 alle Bus- und Bahn-Haltestellen barrierefrei sein.

„Alle Menschen, die in Duisburg den ÖPNV nutzen, haben eine schlechte Lobby, sonst hätten wir eine bessere DVG“, meint Britta Söntgerath (Volt). Sylvia Linn, Oberbürgermeisterkandidatin der CDU, diskutierte beim VCD ebenfalls mit. Die Beschilderung im Hauptbahnhof könne man „an einem Tag leicht ändern“, meint sie. In Duisburg müsse die Rolle der Fußgänger aber auch grundsätzlich gestärkt werden.

 Wie die Deutsche Bahn und die DVG auf die Kritik reagieren, lesen Sie in diesem Artikel.