Selten sind zwei Euro so viel wert wie mittwochmittags an der Ehrenstraße 14. Brötchen vom lokalen Traditionsbäcker, Obst und Gemüse für rund eine Woche, sogar Tulpen und einen Topf Petersilie bekommen heute 100 Kunden – alles für eine einzelne Münze.

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Tüten, Trolleys und Tragetaschen sammeln sich an den Händen ihrer Besitzer vor dem Laden. Die ersten kommen um kurz nach neun. Eineinhalb Stunden zu früh, aber wer will schon zu spät kommen, wenn das Essen auf dem Tisch steht, wenn der heimische Kühlschrank nichts mehr hergibt und wenn ein Blick ins Portemonnaie verrät, dass ein Großeinkauf im Supermarkt wieder nicht drin ist.
Initiative im Problemviertel: „Hochheider Tasche“ ist mehr als eine Lebensmittelhilfe
Die Ehrenstraße 14 im linksrheinischen Duisburg ist inzwischen eine bekannte Anlaufstelle für alle, die nachweislich mit ihrem Geld kaum über die Runden kommen. Hier ist die „Hochheider Tasche“ zu Hause, hier kämpfen gut 20 Helfer gegen die Not in einem der besonders armen Viertel der Stadt an.

Seit 23 Jahren sammeln die Ehrenamtler nun schon Lebensmittel von den Märkten der Umgebung, um sie jeden Mittwoch an Menschen aus Hochheide zu verteilen. Im Vergleich zu den mächtigeren Tafeln ist die „Hochheider Tasche“ ein kleines Projekt. Doch für die Armen ist es eine große Hilfe – und für‘s Viertel längst mehr als eine Lebensmittelausgabe.
„Wir kennen viele Kunden, die seit Jahren kommen, und auch ihre Geschichten“, sagt Silke Horstmann aus dem dreiköpfigen Leitungsteam. Wie sie berichtet, suchen hier viele nach einer seelischen Stütze. Sie reden offen darüber, wie sie zum Beispiel durch eine Erkrankung plötzlich ihren Job verloren haben oder mit mehreren Kindern auf einmal alleine dastanden.
Bedürftige teilen auch schöne Momente – manche Kunden schämen sich
„Wir teilen viele Momente, dazu gehören aber auch schöne Fälle“, meint Horstmann. Sie erinnert sich an eine Mutter, die während der Schwangerschaft zur Ehrenstraße kam und nach der Geburt ihr Baby mit zur Ausgabe brachte. Und sie weiß noch von einer Familie, die monatelang verzweifelt nach einer Wohnung suchte und eines Mittwochs begeistert erzählte, dass sie ein Zuhause gefunden hat.
Andere Kunden sind verschlossener und schämen sich anfangs, dass sie auf die Hilfe der Initiative angewiesen sind. Das sei vor allem bei Rentnern so, die sich ihr ganzes Leben selbst versorgen konnten, aber plötzlich von der schmalen Rente nicht leben können. „Wir verstehen das, aber natürlich sind Rentner hier herzlich willkommen“, versichert Silke Horstmann.

Rentner sind bei der „Hochheider Tasche“ in guter Gesellschaft. Neben den Kunden sind auch die meisten Ehrenamtler im Ruhestand, zumindest im beruflichen. Dafür investieren sie umso mehr Zeit in die Lebensmittelausgabe.
Allein acht Helfer fahren mit einem alten Transporter alle Märkte in der Gegend ab, und zwar an allen Wochentagen. Wenn mittwochs um 10.30 Uhr die Ausgabe startet, sind viele Helfer schon seit zwei oder drei Stunden damit beschäftigt, zum Beispiel die Lebensmittel zu sortieren.
Lebensmittel landen nicht im Müll, sondern im Wildgehege
Für die Kunden sieht die Ausgabe so aus: Sie werden aufgerufen, treten durch die Tür, geben zwei Euro ab und öffnen ihre Taschen. An einer ersten Station bekommen sie eine Literpackung Saft und ein Grundnahrungsmittel wie Milch, Reis, Knödel oder Püree.
Ein paar Schritte weiter warten pro Haushalt zwei Eurokisten mit Obst und Gemüse sowie einige Produkte aus dem Kühlschrank, zum Beispiel Joghurt, Wurst und Käse. Wer ein bestimmtes Lebensmittel braucht, bekommt es auf Nachfrage. Lieber Brokkoli als Spitzkohl? Kein Problem.
Auf dem Weg zum Ausgang greifen die Kunden beim Stand mit Brot, Brötchen und Baguettes zu. So machen sie bis spätestens 12.30 Uhr einen Rundgang durch die Räume. Was danach noch übrig ist, landet übrigens nicht im Müll: „Meistens beliefern wir damit das Wildgehege in Rheinhausen oder wir geben es über Foodsharing weiter.“
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Märkte kalkulieren knapper – Initiative braucht Hilfe
Wie viele einzelne Produkte oder Kilogramm Ware an einem solchen Mittwoch die Ehrenstraße 14 verlassen, können die Helfer nicht abschätzen. Die Mengen schwanken. „Es kommt immer drauf an, ob wir zum Edeka-Zentrallager fahren konnten und wie viel die Supermärkte abgeben.“
Letzteres werde leider immer weniger, sagt Silke Horstmann. „Seit Corona kalkulieren die Märkte deutlich knapper. Das merken wir extrem.“ Außerdem buhlen neben der „Hochheider Tasche“ noch andere Hilfsprojekte um die Lebensmittel.

Doch die Ehrenamtler haben selbst einige (finanzielle) Helfer, zum Beispiel die Grafschafter Diakonie, Aumund-Stiftung und das Chemieunternehmen Ineos. Sie haben die katholischen und evangelischen Gemeinden im Rücken, die das Projekt 2002 ins Leben gerufen haben. Schulen sammeln für die „Tasche“. Auch Privatpersonen, lokale Betriebe und Vereine spenden fleißig.
Die Räume bekommen sie vergünstigt von der Gebag. Die gelbe und schwarze Tonne spendiert die Stadt. Lebensmittel stiften große Supermärkte, kleine Gemüselädchen und Frischedienste aus der Umgebung. Auch Bäckereien fahren die Engagierten an. Und natürlich das Edeka-Zentrallager in Oberhausen, das die Kisten so richtig füllt.
Armut in Hochheide: Lebensmittel reicht nicht für alle Bedürftigen
Trotzdem ist nicht genug für alle Bedürftigen da. Das liegt auch daran, dass besonders in der benachbarten Hochhaussiedlung viele arme Menschen leben. Fast ein Drittel aller Haushalte erhält dort Wohngeld oder Leistungen der Mindestsicherung, wie der Sozialbericht der Stadt zeigt. Nur in zehn von insgesamt 108 Quartieren in Duisburg ist die Quote noch höher.
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Damit die Menschen, die zur Ausgabe kommen, mit genug Lebensmitteln für rund eine Woche nach Hause gehen, sagen die Ehrenamtler bei 100 registrierten Besuchern zurzeit Stopp. Und sie arbeiten mit einer Warteliste, auf der gerade knapp 30 Personen stehen.
„Der Andrang ist groß, aber wir können nicht alles mit unseren Mitteln stemmen“, sagt Horstmann. Um noch mehr Menschen versorgen zu können, ruft sie dazu auf, sich beim Projekt zu engagieren. „Wir sind ein bunter Haufen und uns macht die Arbeit riesigen Spaß. Wir können nur jedem empfehlen, hier mitzumachen.“
>> Ausgabe der „Hochheider Tasche“: Infos zur Anmeldung
- Wer Kunde der „Hochheider Tasche“ werden möchte, muss sich vorher bei der Initiative melden und sich auf die Warteliste eintragen lassen.
- Alle Kunden müssen nachweisen, dass sie bedürftig sind. Bei der Anmeldung müssen sie daher einen Bescheid vorlegen, dass sie Bürgergeld, Wohngeld oder andere Leistungen der Grundsicherung bekommen.
- Die Initiative nimmt Anmeldungen entgegen unter der Telefonnummer 0152 05 72 43 93 und per Mail an kontakt@hochheider-tasche.de.
- Die Ausgaben findet jeden Mittwoch von 10.30 bis etwa 12.30 Uhr statt. Die Adresse lautet Ehrenstraße 14, 47198 Duisburg-Hochheide.






