Die Sekten-Info NRW aus Essen versteht die Zeugen Jehovas als „christliche Sondergemeinschaft“, weil sie keinen ökumenischen Dialog (mit anderen Kirchen) hat. Kirchliche und neutrale Weltanschauungsbeauftragte sprechen nach einer Empfehlung des Bundestages 1998 nicht mehr von Sekten, sondern von „neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“.

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„Wir haben viele Beratungsfälle, bei denen ehemalige Zeugen Jehovas unter Kontaktverboten leiden“, berichtet Christoph Grotepass, Leiter der Sekteninfo NRW. „Sie berichten, dass sie quasi von einem Tag auf den anderen geächtet, teilweise sogar aus Familien ausgeschlossen wurden.“

Sektinfo NRW zu Zeugen Jehovas: „Starke Form der Sozialkontrolle“

Attraktiv seien die Zeugen für manche Menschen, „weil sie auch Fremden und Einsamen Zusammenhalt bieten und vorgeben, die alleinige Wahrheit zu kennen in einer Welt, in der es drunter und drüber geht“, so Grotepass. Es gebe in den Gemeinden „strenge Regeln und Verhaltensnormen, eine freie Diskussionskultur über Glaubensinhalte aber eher nicht“. Die „starke Form der Sozialkontrolle“ werde von einigen als „stützend wahrgenommen, für andere ist es ein sehr enges Korsett“.

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Jeder Zeuge Jehovas sei zur Verkündigung aufgerufen: „Das ist erwünscht, missionarische Aktivitäten werden teils statistisch erhoben“. Einige Ehemalige empfanden das Von-Tür-zu-Tür-gehen als besonders stressig. Kontakte nach außen sollen missionarisch geprägt sein, erklärt Grotepass.

Christoph Grotepass von der Sekteninfo NRW
Christoph Grotepass leitet die Sekteninfo NRW. Diese berät viele ehemalige Zeugen Jehovas.© Sekteninfo NRW | Sekteninfo NRW

Der Verein „JZ Help“ bezeichnet Jehovas Zeugen als „menschenrechtsverletzende Organisation“ – unter anderem, weil sie Bluttransfusionen ablehnt, weil Frauen sich ihren Ehemännern unterordnen müssten und weil sie dazu aufrufen, das eigene Wahlrecht nicht wahrzunehmen.

Sprecher: „Unsere religiösen Überzeugungen und Praktiken sind völlig gesetzeskonform“

Ein Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas entgegnet, dies seien „falsche und verleumderische Anschuldigungen, verbreitet von aktivistischen Vereinigungen. Jehovas Zeugen achten die Menschenrechte.“ Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und der UN-Menschenrechtsausschuss hätten „wiederholt festgestellt, dass unsere religiösen Überzeugungen und Praktiken völlig gesetzeskonform sind.“

Es sei ein „grundlegendes Menschenrecht, persönliche Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung“ und politisches Engagement zu treffen, argumentiert der Sprecher. Und zum Vorwurf fehlender Gleichberechtigung: „Jehovas Zeugen glauben an die Gleichwertigkeit von Mann und Frau vor Gott. Die Bibel weist zwar unterschiedliche Rollen in der Familie zu, wobei der Mann eine Führungsrolle einnimmt, aber das mindert nicht die Würde der Frau.“

Kritiker werfen der Gruppe eine sektenähnliche Struktur vor. Die Zeugen Jehovas sollen durch psychische Abhängigkeitsverhältnisse eine freie Persönlichkeitsentfaltung behindern. Der Sprecher der Gemeinschaft antwortet: Die mehr als 177.000 Zeugen Jehovas in Deutschland empfänden „anders als die kleine Gruppe von Kritikern, die Sie erwähnen. Der Vorwurf entspricht weder dem biblischen Muster, an dem wir uns orientieren, noch dem Klima, das in unseren Gemeinden herrscht.“