Es war ein Aufbruch ins Ungewisse. In die Fremde. In ein ganz anderes Leben. Die fünf Frauen haben ihn dennoch gewagt: Seit 2025 leben und arbeiten fünf Franziskanerinnen mitten in der Dortmunder Innenstadt. Die ersten Monate haben die Ordensschwestern genutzt, um die Stadt und ihre Menschen kennenzulernen. Aber jetzt steht ein erstes richtig großes Fest an.

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Als der Erzbischof von Paderborn im Mutterhaus im baden-württembergischen Sießen anfragte, ob sich die Franziskanerinnen nicht vorstellen könnten, einige der 160 Sießener Schwestern ins Ruhrgebiet zu entsenden, war Schwester Annette schnell Feuer und Flamme für die Idee. Nach einer Zeit im Kloster, reizte es sie, noch einmal mitten unter den Menschen zu sein. „Es war einfach in meinem Herzen, noch einmal den Aufbruch zu wagen“, sagt die 60-Jährige. „Die Anfrage war wie eine Antwort darauf.“ Die Energie, die sie antreibt, ist bei diesen Worten beinahe zu spüren.

Schwester tauschte ländliche Ruhe gegen Trubel in Dortmund

Zusammen mit zunächst zwei Mitschwestern wechselte sie kurz darauf vom beschaulichen Landkreis Sigmaringen in die Dortmunder City, zog mit ihnen in eine Wohnung im Propsteihof und tauschte Kloster-Ruhe gegen den Trubel des Westenhellwegs. Ob sie die Entscheidung nicht doch schon mal bereut hat? Schwester Annette schüttelt lächelnd den Kopf: „Nein, überhaupt nicht – auch wenn ich manchmal den Blick über die Felder vermisse.“

Dafür hat sie jetzt einen Blick auf Dortmund. Ihr Auftrag dabei: „franziskanischen Geist“ in die Stadt bringen. Wie die Schwestern das machen, ist ihnen weitgehend selbst überlassen. Fest steht jedoch: Es findet nicht hinter Klostermauern statt. „Franziskus hat gesagt, wir müssen die Menschen nicht in die Kirche hineinholen, sondern zu ihnen rausgehen“, sagt Schwester Annette. Die Kirche müsse dort sein, wo die Menschen sind. In der City, in der Nordstadt, im Stadion.

„Ich glaube, Franziskus wäre hier mittendrin, hätte sich eingesetzt.“ 

Franziskanerinnen in Dortmund
Sr. Annette, sieht viel Not und Armut in der Stadt.

Für die Franziskanerinnen heißt das: Raus aus der Komfortzone, raus aus der gewohnten Bubble. Hinschauen auch dort, wo nicht heile Welt ist. „Ich sehe viel Not und Armut in der Stadt“, sagt Schwester Annette. „Ich glaube, Franziskus wäre hier mittendrin, hätte sich eingesetzt.“ Damals sei er zu den Leprakranken gegangen. „Für mich sind das heute etwa wohnungslose oder drogensüchtige Menschen.“ Auch den Kontakt zu Andersgläubigen habe der Heilige gesucht, der bis heute für seine Lehren nicht nur von Christen verehrt werde. Gemeinsames finden, Brücken bauen: So zu leben, sei heute so aktuell wie damals und vielleicht wichtiger denn je.

Die Franziskanerinnen von Sießen

Das Kloster der Franziskanerinnen von Sießen steht im baden-württembergischen Landkreis Sigmaringen. Insgesamt gehören 160 Frauen dieser Gemeinschaft in Deutschland an.

Insgesamt gibt es rund 8770 Ordensfrauen in der Bundesrepublik (Stand Ende 2025), die in knapp 800 Klöstern leben. Vor 25 Jahren waren es noch 29.000. Die meisten Gemeinschaften sind benediktinischer, franziskanischer oder vinzentinischer Prägung.

In Sießen ist das ursprünglich gewählte Aufgabengebiet der Bildung und Erziehung der weiblichen Jugend seit der Gründung der Ordensgemeinschaft kontinuierlich ausgeweitet worden. Heute arbeiten die Schwestern z.B. in der Pastoral, also dem kirchlichen Dienst, in Schulen, mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben, sowie in der Krankenpflege.

Schwerpunkt im Mutterhaus ist Jugendarbeit mit einer Vielzahl von Angeboten wie Kloster auf Zeit, Besinnungstagen, Wallfahrten, Exerzitien und Jugendfesten.

Was die Schwestern freut: Ablehnung erfahren sie bislang in Dortmund selten. Und das, obwohl sie durch die Ordenstracht, das graue Kleid, nie inkognito unterwegs sind. „Im Auftrag der Firma Gott & Sohn – wir sind immer ein bisschen auf Empfang.“ Die Menschen seien sehr offen in der Stadt. Immer wieder gebe es nette, überraschende Begegnungen.

Gebet und Segen bei À la carte

Eine Frau habe neulich ihr Auto gewendet, nur um kurz zu sagen, wie sehr es sie freut, sie zu sehen. „Viele haben offenbar gute Erinnerungen an Ordensschwestern“, so erlebt es die 60‑Jährige. Ein Moslem habe sie in der Nordstadt angelächelt und gesagt: „Wie schön Sie aussehen!“ Und auch diese Frage gibt es immer mal wieder: „Bist du wirklich eine echte Nonne?“

Franziskanerinnen in Dortmund
Die Franziskanerinnen fühlen sich in Dortmund willkommen: Schwester Klara, Sr. Annette, Sr. Maria, Sr. Franja und Sr. Marilen im Klostergarten des Propsteihofs.© Funkemedien NRW | Kloster Sießen

Ein Abend ist Schwester Annette besonders in Erinnerung geblieben. Zusammen mit einer ihrer Mitschwestern ist sie zu „Dortmund à la carte“ gegangen, um sich den Trubel anzusehen. Sofort seien sie von einem Gastwirt zum Essen eingeladen worden. Als sie ablehnten, habe er sie um ein Gebet für die Mitarbeiter gebeten. „Dann haben wir die Leute da gesegnet.“

Ordensschwester lernt jetzt BVB-Gesänge

Ganz weit raus aus der eigenen Bubble ist auch Schwester Klara. Die Theologin ist im November letzten Jahres zur franziskanischen Wohngemeinschaft hinzugekommen. Sie arbeitet für das Projekt BVB-Gründerkirche, bei dem Bistum und Verein den historischen Ort in der Nordstadt zu einem Begegnungszentrum umgestalten wollen. „Muss ich da Fußball spielen?“, sei ihre erste bange Frage gewesen, erzählt die 62-Jährige schmunzelnd. Muss sie nicht.

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Stattdessen lernt sie jetzt Borussia-Lieder und ganz viel von einer Fankultur, die ihr bislang fremd war. „Und ich muss sagen: Da stecken eine Menge christliche Werte drin.“ Die Gemeinschaft, der Zusammenhalt. „Zusammen lachen, weinen, sich vertragen.“ Doch es gebe auch das andere Gesicht des Fußballs: Gewalt, Alkohol, Kommerzialisierung. „Genau da wollen Kirche und BVB zusammenwirken, damit die anderen Dinge stärker ins Licht gerückt werden.“

Großes Franziskusfest steigt am 12. September

Doch jetzt müssen die fünf Schwestern erst einmal ein ganz anderes Projekt stemmen. Am kommenden Samstag (12.9.) soll nämlich ein großes Fest steigen. Auf der ganzen Welt wird in der katholischen Kirche in diesen Tagen der Höhepunkt des Jubiläumsjahres von Franz von Assisi gefeiert, dessen Todesjahr sich 2026 zum 800. Mal jährt. Gemeinsam mit allen franziskanischen Ordensgemeinschaften im Erzbistum Paderborn laden auch die Dortmunder Franziskanerinnen zum Franziskusfest unter dem Motto „einfach leben“ ein.

Alle Dortmunderinnen und Dortmunder seien dabei im Propsteihof willkommen, versichern die Schwestern. Egal ob katholisch oder evangelisch, christlich oder nicht gläubig. Es soll ein Theaterstück geben, in dem Stationen aus dem Leben des Heiligen vorgestellt werden, dazu Musik, Workshops, verschiedene Kreativ- und Gesprächsangebote. Auf einem kleinen Fußballfeld kann sogar gekickt werden. Essen gibt es für „kleines Geld“, wie Schwester Klara versichert. Das meint sie im doppelten Sinne: „Kartenzahlung ist nicht möglich.“

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Um 11 Uhr geht‘s los, zum Abschluss um 16 Uhr gibt es einen offenen Gottesdienst. Auch der Erzbischof hat sich für das Fest angekündigt. Paderborn und Dortmund feiern also gemeinsam. Nur im Stadion geht es dann am Nachmittag um 15.30 Uhr gegeneinander. Für Schwester Klara kein Grund zur Sorge: „Auf dem Weg zum Spiel kann man prima erst einmal bei uns vorbeikommen.“

Alle Infos zum Franziskusfest im Dortmunder Propsteihof gibt es auf erzbistum-paderborn.de/franziskusfest.