Ukrainische Soldaten sterben für ihr Land. Sie verteidigen es, geben ihr Leben, damit Freunde, Verwandte und Familien eine Welt ohne den Krieg erleben können. Im Stadtbild von Schytomyr, der Partnerstadt von Dortmund, fällt genau das auf: Unterwegs sind vor allem ältere Menschen, Frauen, Kinder und Jugendliche. Männer treten fast nur in höheren Positionen auf – oder in Uniform. Quasi auf dem Sprung in den Krieg. Zurück bleiben ihre Familien, die bangen und hoffen, dass die Ehemänner und Väter heimkehren.

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Wer zurückbleibt, braucht enorme Anpassungsfähigkeit und Widerstandskraft. Für die Mütter und ihre Kinder entsteht eine grausame Ausnahmesituation, die in Deutschland kaum jemand nachvollziehen kann. Zum Glück. Während einer Reise in die Dortmunder Partnerstadt erfährt unser Autor immer wieder, wie tief der Krieg im Leben der Kinder verankert ist. Sie leben zwischen Ablenkung und Konfrontation. Aber immer mit dem Krieg.
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Dortmunds Partnerstadt „Schytomyr“
Schytomyr ist eine der ältesten Städte der Ukraine und wurde um 884 gegründet. Die Regionalhauptstadt liegt rund 135 Kilometer westlich von Kyjiw und zählt 2025 etwa 262.900 Einwohnerinnen und Einwohner. Als Verkehrsknotenpunkt mit Straßen-, Bahn- und Flughafenanbindung ist sie ein wichtiges Zentrum in der Nordwestukraine. Die lokale Wirtschaft wird vor allem von Maschinenbau und Lebensmittelindustrie getragen.
Seit dem russischen Angriffskrieg steht Schytomyr zusätzlich unter Druck. Die Stadt muss mit Kriegsschäden umgehen und viele Binnenvertriebene unterbringen. Zahlreiche Wohngebäude sind zerstört oder beschädigt. Bombardiert wurde in der ersten Kriegswelle auch eine Klinik und die Schule Nr. 25, die dadurch zerstört wurde.
Zugleich wächst der Bedarf an sozialem und bezahlbarem Wohnraum. Beim Wiederaufbau setzt die Stadt auch auf internationale Partnerschaften und Projekte im Bereich Smart City. Kulturell bleibt Schytomyr dennoch ein bedeutender Standort mit Museen, Bibliotheken, Theater, Planetarium und Philharmonie.
Die traurige Gewissheit kommt kurz vor der Reise
Beides ist wichtig: sich ablenken und den Gefühlen stellen. Doch die Flucht aus der Kriegsrealität fällt schwer. Eine zeitweise Option hat die Stadt Dortmund einigen Kindern geboten. Eine Gruppe reiste im vergangenen Jahr in die Westfalenmetropole. Ihre Väter sind im Krieg gefallen oder verschwunden, wahrscheinlich in Gefangenschaft. Im Rathaus von Schytomyr trifft sich die Gruppe ein Jahr später wieder und berichtet vom Auslandsaufenthalt.

„Die Kinder wiederzusehen, war eines der vielen emotionalen Highlights für mich“, sagt Fabian Zeuch, Mitarbeiter im Team Internationale Beziehungen der Stadt Dortmund. Auch bei den Kindern wühlt das Wiedersehen Erinnerungen auf. Einige trauen sich, in großer Runde von der Reise zu erzählen. „Die Kinder sind zu einer Gruppe zusammengewachsen, und wir haben Freunde gefunden“, sagt eine Mutter.
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Viele der Kinder wirken gelöst, lachen, strahlen bei den Erzählungen vom Movie Park, dem Zoo und dem Stadionbesuch beim BVB. Der Jugendliche Daniel erzählt, der Trip habe ihn so begeistert, dass er anfing, Deutsch zu lernen. Auch dem Jüngsten in der Runde, Dima (9), hat es sehr gut gefallen. Es war seine erste Reise ins Ausland. Angst hatte er nur am ersten Tag. In diesem Sommer sollen 15 Kinder dieselben Erfahrungen machen dürfen.

Aber alle können sich an diesem Tag im Rathaus nicht freuen. Manchen steht die Trauer ins Gesicht geschrieben. Ein Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, sitzt mit hängenden Schultern neben seiner Mutter. Für sie kam kurz vor der Reise die schreckliche Gewissheit: einen Tag vor der Abfahrt erfuhr die Familie, dass der Vater im Krieg gefallen ist. Zuvor galt er als vermisst. Das ist die Realität für diese Kinder. Sie versuchen zwar, auf andere Gedanken zu kommen, doch der Krieg hat sich in ihr Leben gefressen. Bis in den Sportverein und die Schule.
„Einer der am besten ausgestatteten Bunker der Ukraine“
In der Ukraine tragen die Schulen Nummern. Das ist ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Im „Lyzeum Nr. 28“ bekommt der Krieg eine tiefergehende Ebene. Im wörtlichen Sinne. „Dieser Bunker gilt als einer der am besten ausgestatteten in der ganzen Ukraine“, erklärt Vyacheslav Glazunov, Leiter der Abteilung für Großbauprojekte bei der Stadt Schytomyr. Dann steigen die Mitglieder der Delegation einer nach dem anderen hinab in die Schutzräume.

Was sich dort autut, gleicht einer kompletten unterirdischen Schule. Sie ist darauf angelegt, dass alle Kinder und Lehrkräfte bei Luftalarm in Sicherheit kommen, was seit Jahren immer wieder vorkommt. Das Licht ist kühl, überall stehen Einzeltische aus hellem Holz, die Einrichtung wirkt modern. Doch obwohl der Bunker vor Angriffen schützt, ist der Krieg dort allgegenwärtig.

„Das hier ist ein Symbol für die Tiere im Krieg“, übersetzt eine junge Dolmetscherin und zeigt auf das Wandbild eines kleinen braun-weißen Hundes, der eine ebenso kleine Weste trägt. „Dieser Hund hat an der Front ganz viele Bomben gefunden und damit Leben gerettet.“ In einem anderen Raum hängen Bilder ukrainischer Heldinnen im japanischen Anime-Stil. „Sie alle stellen im übertragenen Sinne die starken Frauen unserer ukrainischen Städte und Regionen dar.“

Bomben an der Wand im Schutzkeller der Schule
Der Bunker selbst steht symbolisch für den Krieg. Doch die Schule will gar nicht suggerieren, dass der Krieg nicht stattfindet. Im Gegenteil. Nur einige Tapeten, die wie Fenster gestaltet sind, vermitteln ein Gefühl von Normalität unter der Erde. Gleichzeitig gibt es im Bunker gezielten Sicherheitsunterricht. Auch zu den martialischen Kriegsmethoden der russischen Armee.

„Wir bringen unseren Kindern mittlerweile als erstes bei, dass sie nichts vom Boden aufheben dürfen“, erzählt ein Ukrainer während der Führung. Genau das vermittelt auch der Sicherheitsunterricht: An der Wand hängen Bomben und Granaten. Sichtbar, aber außer Reichweite. „Die Kinder sollen jeden Tag vor Augen geführt bekommen, dass sie nicht danach greifen dürfen“, sagt Glazunov.

Eine eingezäunte Ecke im hinteren Bereich des Zimmers stellt eine Gartenlandschaft dar und verdeutlicht das noch einmal. „Manchmal benutzen die Russen Bücher, um darin Sprengstoff zu verstecken“, erklärt Glazunov und hält ein ausgehöhltes Buch in die Höhe. „Und es gibt immer wieder Fälle, in denen Bomben als Kinderspielzeuge getarnt wurden“, ergänzt die Dolmetscherin.
„Eines der wichtigsten Mittel, mit dem Krieg umzugehen“
Kaum zu glauben, dass die jüngsten Kinder in Schytomyr keine Welt ohne Krieg in ihrer Stadt kennen. Wie sollen sie aus einer Welt flüchten, die sie nie anders erlebt haben? In der Fußball-Akademie des lokalen Klubs „FK Polissja Schytomyr“ können alle Kinder kostenlos trainieren und spielen. „Fußball ist für mich ein Teil meines Lebens“, sagt die kleine Sascha (11). Sie kommt aus einer Nachbarstadt, steht aber trotzdem regelmäßig in Schytomyr auf dem Platz. Ihr gefalle der Sport, weil alle in einem Team zusammenspielen.

Einer der Trainer erklärt, wie wichtig der Fußball für die Kinder im Krieg ist. „Es ist eines der wichtigsten Mittel, mit der Kriegssituation umzugehen. Die Kinder können hierherkommen und ihre freie Zeit mit etwas verbringen, das sie lieben.“ Das Schwerste seien die Luftalarme, besonders dann, wenn das Training bereits läuft, sagt der junge Mann, den der Trainerjob vom Wehrdienst befreit.

„Manchmal gibt es mehrere Alarme am Tag, und das ist natürlich sehr belastend. Aber selbst dann finden wir einen Weg: Wir gehen in den Schutzraum und warten, denn die Kinder wollen unbedingt trainieren. Wir können das Training nicht einfach absagen“, fügt er hinzu. Das Wohl der Kinder steht in Schytomyr für viele ganz oben auf der Liste der Prioritäten.
Kinder spielen den Krieg – Tränen in den Augen der Zuschauer
Julia Kuzminska (33) leitet die öffentliche Musikschule in Schytomyr, ist Lehrerin und Mentorin. Sie betreut auch die „Richter Kids“, ein 2024 gegründetes Jugendorchester, dessen Mitglieder bereits in Dortmund zu Gast waren – und das Kindertheater. In einer eindrucksvollen Darbietung präsentierten die Kinder den Verlauf des Krieges aus ihrer Sicht.

Ein emotionales Highlight der Delegationsreise. Auch ohne die Sprache zu verstehen, ist die Geschichte eindeutig: Alles beginnt bei der Natur, dem friedlichen Land und Leben. Doch dann kommt der Feind. Das Stück habe gezeigt, sagt Kuzminska, dass Russland ihnen dieses Land genommen hat.
Worum ging es in dem Theaterstück?
Es ging um den starken Wechsel: tragische Momente, Dunkelheit und Schmerz. Und dann wieder Licht, Hoffnung und Widerstandskraft. Am Ende stand ein Aufruf: Wir können das überwinden. Wir werden standhalten.
Was ist die Idee hinter dem Projekt?
Weil das Projekt des Orchesters und der Theatergruppe während des Krieges entstanden ist, war es für uns besonders wichtig, einen Raum zu schaffen, in dem Kinder Gemeinschaft finden, kreativ sein, sich gegenseitig inspirieren und emotional entlasten können.
Es war bestimmt schwierig für die Kinder, sich emotional darauf einzulassen.
Die Theateraufführung behandelt genau das Thema, das uns alle heute schmerzt: Kinder, die im Krieg leben. Viele der Emotionen, die sie da gezeigt haben, waren echt. Sie mussten vieles nicht spielen – sie fühlen es tatsächlich. Aber die Kinder lernen auch voneinander und tauschen sich aus. Früher waren Orchester und Theater unterschiedliche Gruppen. Jetzt stärken sie sich gegenseitig
Wie schaffen Sie eine sichere Umgebung, einen sicheren Raum für die Kinder?
Kultur und Bildung tragen heute eine große Verantwortung für Kinder. Wir leben und arbeiten zwischen Luftalarmen. Und selbst in Schutzräumen arbeiten wir weiter. Gerade in dieser Zeit versuchen wir, den Kindern über die Kunst etwas mitzugeben: ein Gefühl für Identität, ein Bewusstsein für die eigene Geschichte und eine Verbundenheit mit der eigenen Kultur. Die Kinder von heute sind anders. Durch die Kunst suchen sie nach ihrer Identität, lernen ihre Geschichte wertzuschätzen und tragen die Kultur weiter, für die heute das ganze Land kämpft.
Wie wirkt sich das auf die Eltern aus?
Eltern sind immer stolz auf ihre Kinder. Und wir haben gestern gesehen, dass viele Eltern sehr emotional waren. Es ist nicht leicht für Eltern, ihre Kinder solche schweren Gefühle ausdrücken zu sehen. Die gestrige Aufführung war bewusst so angelegt, dass Europa sehen kann, in welchen Zeiten wir leben. Aber natürlich haben wir auch viele andere Veranstaltungen und Inszenierungen. Es geht nicht immer nur um Krieg.
Was können Erwachsene von diesen Kindern lernen?
Ich habe ihre Proben gesehen: Für die Kinder ist vieles im Probenprozess auch ein Spiel. Während ich als Zuschauerin manchmal Tränen in den Augen hatte, haben die Kinder zwischen den Szenen gelacht und gescherzt. Sie nehmen es auch als Theaterarbeit wahr. Erwachsene können vor allem Mut und Entschlossenheit von ihnen lernen.
Unser Leben war früher viel stärker von Angst und Begrenzungen geprägt. Die heutige Jugend ist viel selbstbewusster. Das ist großartig. Unsere Kinder sind heute eine echte treibende Kraft. Erwachsene können von ihnen auch Unmittelbarkeit und Spontaneität lernen.
Was sollten Menschen in Deutschland über die Situation der Kinder in Schytomyr und in der Ukraine verstehen?
Psychologisch sind viele Kinder heute sehr belastet. Wenn sie ins Ausland fahren, fühlt es sich an, als kämen sie in eine andere Realität. Wir Erwachsenen haben vielleicht noch unterschiedliche Lebensphasen erlebt. Aber viele Kinder kennen fast nur das Leben im Krieg. Gleichzeitig sind unsere Kinder sehr modern, offen und lernbegierig. Sie wollen sich ausdrücken, sie wollen lernen, sie wollen Erfahrungen sammeln. Auch wenn wir uns gerade in einer Art Blase befinden, sehen die Kinder, was außerhalb geschieht – und sie möchten sich entwickeln.







