Es ist Freitagmittag, kurz nach 15 Uhr. Bei der Dortmunder Bahnhofsmission klingelt es im Minutentakt an der Eingangstür. „Hier muss man klingeln, wir öffnen dann. So wie man das macht, wenn Besuch kommt“, sagt Leiterin Swetlana Berg (60).

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Eine junge Frau tritt ein, sie hat einen großen, schwarzen Plastikmüllsack dabei. „Heute mit großem Gepäck?“, begrüßt sie ein ehrenamtlicher Mitarbeiter. Ein Gesprächsangebot, das sie jedoch mit der Bitte um einen Kaffee zurückweist. Das ist vollkommen okay – niemand muss sich hier rechtfertigen oder erklären. Die Frau setzt sich an einen der Tische, trinkt hastig ihren Kaffee, isst ein halbes Schinken-Käse-Baguette und zieht von dannen.
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Die Gäste der Dortmunder Bahnhofsmission: Nicht alle sind obdachlos
Die meisten Gäste der Hilfseinrichtung auf Gleis 2-5 haben es nicht so eilig. Ein vom Leben gezeichneter Mann kommt herein, wäscht sich die Hände und holt sich eine Tageszeitung vom Tresen – so wie jeden Tag. Auch Sabine (61) kommt täglich – seit rund elf Jahren, obwohl sie nicht auf der Straße lebt. „Ich bin alleine. Ich habe eine Wohnung, aber ich bin einfach gerne hier. Hier habe ich Gesellschaft, ich kann Gespräche führen, auch mal unter vier Augen“, sagt die Dortmunderin. Die Dienste der Ärztin, die Donnerstagsnachmittags eine Sprechstunde in den Räumlichkeiten anbietet, nehme sie ebenfalls gerne in Anspruch. Ganz besonders mag sie aber Bahnhofmission-Leiterin Swetlana Berg: „Ich liebe diese Chefin. Ihre Art, wie sie mit uns umgeht“, so Sabine.

Bodo (57) lebte mit zwei Kumpels in einer Wohngemeinschaft, bis diese vor anderthalb Jahren wegen Eigenbedarf des Vermieters gekündigt wurde, wie er berichtet. Nach zwei Wochen in einer Männerübernachtungsstelle habe er zum Glück in eine Übergangswohnung ziehen können. Zur Bahnhofsmission komme er fast täglich, „weil die Menschen hier gut sind, den Leuten wird geholfen. Wir können Zeitung lesen, uns unterhalten und um Hilfe bitten. Mir wurde auch bei der Wohnungssuche geholfen“, so der Dortmunder. Mit Erfolg: Er hat kürzlich einen Mietvertrag für eine Sozialwohnung in Dortmund unterschrieben, die er zum Jahreswechsel mit seiner Freundin beziehen will. Darauf freut er sich so sehr, dass er die Unterlagen in einer Mappe dabei hat. Swetlana Berg reicht ihm eine Plastikhülle, damit der Mietvertrag die verbleibende Wartezeit unbeschadet übersteht.

Auch Volker (60) ist nicht obdachlos und erst zum zweiten Mal Gast der Bahnhofsmission. Er ist mit zwei Freunden gekommen, die er aus einem Kontaktclub der Diakonie kennt. „Eigentlich sind wir nicht so bedürftig“, sagt der Bürgergeldempfänger, trotzdem würden Treffen in regulären Cafés schnell sehr teuer. „Ich finde es schön, dass es das hier gibt“, sagt der 60-Jährige – ihm gehe es um die Gespräche, um Anschluss: „Ich will nicht alleine zu Hause sitzen.“
Heiko (53, Name geändert) hat kein Zuhause. Er erzählt, dass er in der DDR aufgewachsen sei und als junger Mann in der Textilbranche tätig war. Regelmäßig sei er geschäftlich nach Frankfurt am Main gereist, und auch jetzt noch manchmal dort, um „Stoff“ zu kaufen. Dabei geht es jedoch längst nicht mehr um feines Tuch, sondern um harte Drogen. „Ich kenne die Bahnhofsmissionen in Leipzig, in Frankfurt und einigen anderen Städten, doch nirgends ist es so gut wie hier. Dortmund hat einfach die beste Bahnhofsmission“, beteuert er. Der 53-Jährige hat ein gepflegtes Äußeres und trinkt Kaffee, während er den Akku seines Handys lädt. Dass er derzeit nachts unter freiem Himmel in einem nahegelegenen Park schläft, lässt nur ein Schlafsack erahnen, den er ordentlich an einem Wanderrucksack befestigt hat. Gewalt habe er schon viel auf den Straßen der Bundesrepublik beobachtet und auch selbst erfahren, in Dortmund fühle er sich verhältnismäßig sicher: „Ich habe hier gar keine Angst. Hier ist alles ganz normal. Das ist nicht überall so“, sagt er.
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Ein Mann Mitte zwanzig sieht das anders. Eric (Name geändert) ist Drogenkonsument, trifft in der Bahnhofsmission zufällig auf ein ihm bekanntes Pärchen, das ebenfalls in der Dortmunder Szene unterwegs ist. Unter den Dreien entwickelt sich schnell ein Gespräch über Haftstrafen, Todesfälle im Freundeskreis und erlebte Übergriffe. „Deshalb sind wir nach 20 Uhr nie alleine unterwegs“, sagt Eric. Zeitweise habe man sich zu rund 60 Personen vorm Bahnhof getroffen und eine gute Zeit gehabt, das habe die Polizei jedoch nicht gerne gesehen und entsprechend reagiert.
Bahnhofsmission: Hilfe zur Selbsthilfe, keine Vollversorgung
Ein neuer Gast bittet Swetlana Berg um eine Zahnbürste. Damit kann die Dortmunder Bahnhofsmission allerdings nicht dienen: „Wir sind keine Versorgungsstelle“, betont die Chefin. Für hygienische Bedürfnisse gebe es entsprechende Einrichtungen in unmittelbarer Nähe, etwa das Gast-Haus. „In Dortmund muss keiner hungern, wir haben hier ein sehr gutes Versorgungsnetz. Die Leute müssen sich nur bewegen. Und das ist auch unser Ziel: sie motivieren, sich zu bewegen, ihr Leben zu organisieren, statt sich selbst aufzugeben und am Bahnhof zu sitzen. Wir sind Mutmacher.“ Ganz nach dem Motto: Hilfe zur Selbsthilfe.
Der Besuch der Bahnhofsmission sei für manche Gäste so eine Art Termin in der Tagesstruktur geworden, sagt Swetlana. „Auch Menschen mit Wohnung verbringen ihre Tage am Hauptbahnhof. Sie betteln oder sammeln Pfandflaschen“ – was manche auch wortwörtlich als ihre Arbeit bezeichnen würden, nach der sie abends in ihr bescheidenes, aber zumindest sicheres Zuhause zurückkehren.
Bahnhofsmission in Dortmund: Infos und Regeln
- Wo? Ende von Gleis 2-5 Richtung Hamm (Karte).
- Öffnungszeiten: Täglich von 9 bis 18 Uhr – bitte klingeln.
- Die Aufenthaltsdauer ist auf ca. eine Stunde begrenzt.
- Der Platz reicht für maximal zwölf Gäste.
- Jeder Gast bekommt auf Wunsch zwei Heißgetränke, je nach Verfügbarkeit auch eine Kleinigkeit zu essen.
- Rauchen ist nicht erlaubt, ebenso das Drehen von Zigaretten an den Tischen.
- Drogenkonsum ist verboten, auch Gespräche darüber sind unerwünscht.
- Tiere müssen leider draußen bleiben.
- Die Bahnhofsmission ist kein Vollversorger und kein Schlafplatz. Für Wohnungslose in Not gibt es diese Anlaufstellen in Dortmund (PDF).
Im Hinblick auf den Winter werden vor Ort aktuell gerne Schlafsäcke, Schaumstoffmatten und Rucksäcke angenommen und an Menschen in akuter Not abgegeben. Und natürlich Kaffee: „Wir geben hier täglich etwa zwei Kilo Kaffee aus“, so Leiterin Swetlana Berg.






