• Zum Schutz ihrer Kinder flüchtete die junge Frau aus ihrer Heimat Syrien nach Deutschland.
  • Neun Jahre später steht die Dortmunderin kurz vor dem Abschluss ihres deutschen Bachelorstudiums.
  • Ihre Familie bedeutet ihr alles: „Das Beste für meine Kinder ist hier.“

„Niemand spielt mit uns – haben meine Kinder mir nach der Schule oft gesagt. Ich habe viel geweint… Denn es hat uns alle viel Mühe gekostet, Deutsch zu lernen“, erzählt Marwa Zaabout. Knapp zehn Jahre nach ihrer Flucht aus Syrien steht die 35-Jährige nun kurz vor dem Abschluss ihres Bachelorstudiums, vereint dieses mit dem Haushalt, ihren drei Söhnen und einem Job in Teilzeit. Sie berichtet, wie sich für sie alles zum Guten gewendet hat – und welche Hürden sie dafür täglich überwindet.

Traum und Trauma: Dortmunderin Marwa stand bereits kurz vor ihrem Bachelorabschluss

Ursprünglich träumte Marwas Vater davon, dass seine Tochter irgendwann studiert. Er habe sie immer aus Syrien heraus motiviert, erzählt sie – bevor er erkrankte und verstarb. „Das mache ich für ihn“, fasst die Studentin zusammen. Im Fach „Soziale Arbeit“ ist der Traum vom Abschluss zum Greifen nah. Doch manchmal liegen Traum und Trauma ebenso nah beieinander.

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„Erstmal war es sehr erfolgreich, ich habe alles auf Anhieb mit guten Noten bestanden“, sagt die dreifache Mutter. Kurz vor der Abschlussarbeit trifft sie ein persönliches, wie sie sagt, Trauma. Was genau der Grund ist, möchte sie nicht sagen. „Auf einmal konnte ich nicht mehr schreiben. Es war wie ein Blackout.“ Anderthalb Jahre war Marwa in sich gefangen, meldete mehrfach ihre Bachelorarbeit an, dann ließ sie die Frist ohne Abgabe erneut verstreichen.

Die Syrerin Marwa lebt seit 2016 mit ihrer Familie in Dortmund.
Fachhochschule Dortmund: Marwa Zaabout studiert an der FH das Fach „Soziale Arbeit“. © Funke Medien NRW | Marwa Zaabout

Seit einem Monat könne sie wieder frei denken und sagt selbst: „Endlich bin ich wieder dran.“ Bis zum Ende des Sommersemesters wolle sie das Studium an der Fachhochschule Dortmund beenden. „Das Gespräch hier hat mich nochmal motiviert“, fügt Marwa hinzu.

Syrische Regierung sabotierte Marwas Studium in Damaskus

Zwei Jahre hatte Marwa bereits englische Literatur in Damaskus, ihrem Geburtsort, studiert – dann floh sie 2016 nach Dortmund. Wegen des Krieges. Genau genommen wegen ihrer politischen Meinung, die der Regierung unter Assad nicht schmeckte. Mehrere Prüfungsergebnisse seien ihr deshalb aberkannt worden.

„Mein Mann war gegen die Regierung. Er hat im öffentlichen Dienst gearbeitet und diesen Job deshalb verlassen“, erzählt sie. Kurzerhand sei er in eine andere Stadt gezogen. „Ich war mit den Kindern mehrfach bei ihm, manchmal Monate lang.“ Die Regierung zählte eins und eins zusammen – und sabotierte Marwas Studium.

Hinzu kam die Angst: „Wir haben uns nicht sicher gefühlt. Meine Kinder konnten nicht richtig zur Schule gehen, weil wir zwischen den Orten gependelt sind. Wir waren auch in Gefahr wegen der Bomben“, erinnert die Studentin. Ihr Mann flüchtete zuerst. Die anschließende Familienzusammenführung dauerte ihnen zu lange, zu groß war der Wunsch nach einem gemeinsamen Zuhause. „Dann habe ich mich allein mit meinen beiden kleinen Söhnen auf den Weg nach Deutschland gemacht. Es war ein hohes Risiko. Ich dachte: Augen zu und durch.“

Marwa flüchtet mit ihren zwei kleinen Söhnen über das Meer

 „Gott sei Dank haben die Vereinten Nationen viel organisiert. Insgesamt hat es nur eine Woche gedauert, ich musste nicht im Wald schlafen, in Griechenland gab es sogar Security. Am schwierigsten war es am Meer…“ Auf einem Bild hat die mutige junge Mutter einen für sie prägenden Moment festgehalten. Kurz vor der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland hält sie ihre beiden Söhne im Arm (damals fünf und acht Jahre alt), sie alle tragen Rettungswesten.

Die Syrerin Marwa lebt seit 2016 mit ihrer Familie in Dortmund.
Vor der Überfahrt nach Griechenland steht die junge Familie mit Rettungswesten am Ufer. © Funke Medien NRW | Marwa Zaabout

Mit einem Schlauchboot mussten sie rund zwei Stunden bis zum anderen Ufer tuckern. Das Problem: Ihr Boot war völlig überfüllt. Statt der versprochenen 20 Personen, tummelten sich 40 Menschen auf engstem Platz. Für Marwa ein klarer Bruch der Vereinbarung: „Ich habe gesagt: Nein, ich habe Kinder. Wir fahren nicht mit.“

„Ich habe später Leute getroffen, die auf dem Boot waren. Sie mussten vier Stunden im Meer warten und hatten Angst.“ Auf ihrer späteren Überfahrt kam Marwa ein besondere Aufgabe zu: Per Funk kommunizierte sie mit dem Festland und koordinierte, in welche Richtung das Boot fahren soll. Die Erleichterung war groß, als sie in Griechenland ankamen: „Die Sonne schien, das Meer war ruhig“, resümiert Marwa.

Die Syrerin Marwa lebt seit 2016 mit ihrer Familie in Dortmund.
Um einen Beweis zu haben, fotografierte Marwa Zaabout das überfüllte Schlauchboot. © Funke Medien NRW | Marwa Zaabout

Wie gelingt der dreifachen Mutter die Vereinbarkeit im Alltag?

Wie auf dem Meer, übernimmt Marwa auch in Dortmund Verantwortung. Ihren Teilzeit-Job beim Integrationsnetzwerk „Lokal Willkommen“ hat sie seit drei Jahren. Zwei Tage pro Woche berät sie dort Migrantinnen und Migranten, die neu in der Stadt ankommen. „Ich dachte mir, das passt noch mit Studium und Familie, das ist eine gute Chance.“

Drei Söhne, Arbeit in Teilzeit und Studium. Marwa stellt klar: „Ich bin eine motivierte Person und ich habe viel Unterstützung, auch von meinem Mann.“ Sie wolle nicht nur zuhause sitzen und nichts tun. Alle Aufgaben zu koordinieren, sei dennoch nicht leicht, auch wenn ihr das Studium mehr Flexibilität bietet als eine Ausbildung – mit Blockseminaren am Wochenende habe es gut funktioniert.

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Viel Unterstützung brauchen Marwas Kinder nicht mehr, sie sind schon groß: acht, 15 und 17 Jahre alt. Nur dem Kleinsten müsste sie vor der Schule helfen, bevor sie sich um die Hausarbeit kümmert. „Wenn ich schlechte Laune habe, setze ich mich auch einfach mal vor den Fernseher“, gesteht die junge Frau ein Bedürfnis, das sicherlich viele nachvollziehen können. „Der Tag geht so schnell rum“, sagt sie und schnipst.

Anders läuft der Tag, wenn ihr Mann, der Staplerfahrer ist, Frühschicht hat. Dann sei er früher zuhause, die Familie kocht zusammen und sie essen zusammen zu Mittag. „Das ist der schönere Tag“, ist sich Marwa sicher und strahlt. Schließlich würden Vater und Kinder sich teilweise tagelang verpassen, wenn er zur Spätschicht das Haus verlässt. „Am Wochenende machen wir mit mehreren Familien Ausflüge oder gehen in den Park“, erzählt die 35-Jährige. Sie selbst spaziert gerne im Wald, hört dort Musik oder telefoniert mit ihrer Familie in Syrien.

„Manchmal ist mein Herz in Damaskus“

Marwa schätzt an Dortmund, dass die Stadt sich sehr um Geflüchtete kümmere. Andernorts müssten ihre Freunde sogar nach Hilfe suchen, „aber hier sorgt sich die Stadt aktiv und möchte, dass die Migranten sich integrieren“. Das würden ihr auch die Hausbesuche zeigen, die ihr Arbeitgeber „Lokal Willkommen“ anbietet.

Die Syrerin Marwa lebt seit 2016 mit ihrer Familie in Dortmund.
Bei dem Integrationsnetzwerk „Lokal Willkommen“ kümmert sich Marwa um die Unterstützung von Geflüchteten. © Funke Medien NRW | Marwa Zaabout

Die dreifache Mutter mag die Innenstadt, den Phoenix-See, den Westfalenpark. Auch Huckarde, wo sie bereits vergeblich versuchte, eine passende Wohnung zu finden. Fest steht: „Wir bleiben hier, wir kennen die Stadt. Ich kann mir nicht vorstellen umzuziehen, auch nicht für einen besseren Job.“ Genauso wenig kommt für sie ihr Geburtsort Damaskus infrage.

Sie habe zwar 18 Jahre in Damaskus gelebt, doch Dortmund kenne sie mittlerweile besser. „Manchmal ist mein Herz in Damaskus“, sagt sie, „zumindest ein Teil.“ Anders sieht es bei ihren Kindern aus. Sie seien in Deutschland aufgewachsen, sie sprechen, verstehen und schreiben Deutsch besser als Arabisch, sie hätten nicht dieselbe Verbundenheit zu Syrien.

„In unserer Kultur leben wir für unsere Kinder mehr als für uns selbst. Ich möchte das Beste für sie. Und ich weiß: Das Beste für meine Kinder ist hier. Sie haben hier eine Chance, warum soll ich ihnen diese nehmen?“

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All die Mühe, die Tränen, die Zweifel zahlen sich für Marwa und ihre Familie aus. Ihr Engagement und ihr Studium öffnen ihnen Türen. „Wir sind als Familie eingebürgert, haben Jobs, ich studiere, unsere Kinder sind gut in der Schule. Es hat sich gelohnt.“

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