• Christian ist obdachlos. Der Dortmunder ist fast bei jedem Heimspiel am Stadion.
  • Normalerweise sammelt er Pfand – doch manchmal bekommt er Lebensmittel und Getränke geschenkt.
  • Der ehemalige Stahlkocher hatte sogar mal ein eigenes Restaurant in Castrop.

„Ich bin fast jedes Jahr bei der Mayday“, sagt Christian. Naja, mit „bei“ meint er eigentlich „vor“ – denn ein Ticket hat er nicht. Seit mehreren Jahren ist der 49-Jährige obdachlos. Um seine spärliche Frührente aufzubessern, sammelt der Dortmunder Pfand bei fast allen BVB-Heimspielen, bei vielen Konzerten, Messen, Events. Nicht nur an der Westfalenhalle, sondern auch anderswo. Für die Mayday campt er schon Tage vorher am Rand des Parkplatzes an der B1 und genießt mit seinem Kumpel Elias die Sonne. Elias spricht kein Deutsch. Die beiden plaudern auf Englisch miteinander.

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„Mayday lohnt sich total. Die Leute sind supernett“, schwärmt Christian. „Bevor die ihre Sachen in die Tonne kloppen, verschenken sie sie lieber. Man darf ja nicht alles mit in die Halle nehmen. Letztes Jahr hatte ich einen Einkaufswagen voll mit Lebensmitteln und einen Einkaufswagen voll mit Getränken. Dabei wollte ich nur Pfand sammeln! Aber den habe ich anderen überlassen. Wenn ich habe, was ich brauche, dann reicht mir das.“

Streit unter Flaschensammlern gebe es zwar manchmal, aber grundsätzlich helfe man sich untereinander. „Renate zum Beispiel, die hat auf Schalke gelebt und ist immer zu Spielen gekommen. Aber Renate ist leider verstorben.“ Und für einen Kollegen aus Wuppertal passe er manchmal auf seinen Wagen auf. Aber wenn‘s mal eskaliert, zieht er sich lieber raus. „Körperliche Unversehrtheit ist mir das Wichtigste“, sagt er.

Vom Stahlkocher bei Hoesch in die Obdachlosigkeit

Aber nicht nur die Mayday-Gäste seien nett. „Die laden mich manchmal sogar auf einen Joint ein. Da kann ich doch nicht sein sagen“, sagt er und grinst. „Aber ich werde auch von anderen hin und wieder eingeladen. Letztes Jahr bei der Jagd&Hund habe ich zum Beispiel zwei Karten geschenkt bekommen und bin dann rein.“ In seinem Schnorr-Becher seien schon 170 Euro gewesen. Die habe er auf der Messe direkt auf den Kopf gehauen: „Ich habe mir eine Angel gekauft. Ich habe ja einen Bundesfischereischein.“

Kleiner Glückbringer: Diesen Engel hat ihm eine Frau geschenkt. Auf der Straße hat Christian ihn immer dabei.
Kleiner Glückbringer: Diesen Engel hat ihm eine Frau geschenkt. Auf der Straße hat Christian ihn immer dabei. © FUNKE Medien NRW | Katrin Figge

Stahlkocher bei Hoesch sei er gewesen, erzählt der Ur-Dortmunder. „Dann ging alles den Bach runter und ich musste umschulen“. Eine Ausbildung zum Fotografen schmiss er hin, die Ausbildung zum Restaurantfachmann zog er durch. In die Obdachlosigkeit sei er durch die Scheidung gerutscht. „Ich hatte ein Restaurant in Castrop, das war dann weg“, erzählt er. Seiner Ex-Frau und den Kindern habe er sein Elternhaus überlassen. „Macht man für die Kinder einfach, oder?“, sagt er. Seine Augen leuchten. Elternliebe vergeht nie. „Ich bin auch schon Großvater“, sagt Christian stolz. Um seine Enkelin kennenzulernen, sei er vor einigen Jahren extra aus Portugal zurückgekommen. „Ich bin öfter mal im Ausland. Wenn ich eh keine Wohnung finde, will ich zumindest was von der Welt sehen.“ Raus aus der Obdachlosigkeit wolle er natürlich, „aber viele wollen keine Mieter von der Straße. Gegenüber Obdachlosen gibt es ganz viele Vorurteile.“

Christian kam zurück nach Dortmund, um seine Enkelin zu sehen

Sein Kumpel Elias, mit dem Christian gerade die Zeit auf der Straße totschlägt, ist aus Osteuropa nach Deutschland gekommen. „Zum Fleisch zerlegen, bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück“, erklärt er auf Englisch. Ein Knochenjob, sagt er. Abends im Zimmer, das er sich mit einem Kollegen teilen musste, sei es eskaliert. „Wir mochten uns nicht.“ Streit, Prügelei, Absturz. Nach Dortmund gekommen sei er, weil ihm jemand einen Job versprochen hat. „Aber den Job gab es gar nicht.“ Seitdem hängt er hier fest.

So ist Elias auf der Straße gelandet wie Christian. Für die Mayday hoffen sie auf ein gutes Geschäft. Und natürlich darauf, dass sie bleiben dürfen: „Wenn die kommen und sagen, dass wir weg sollen, müssen wir natürlich weg“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Wohin es dann geht? „Mal sehen, mal hier, mal da.“ Aber beim nächsten Heimspiel ist Christian sicher wieder oben an der B1.