Es grünt und blüht: Gut 200 Pflanzen wachsen in Dortmunds erster legaler Cannabis-Plantage. Bei angenehmen 27 Grad und von künstlicher Sonne beschienen gedeihen die Sprösslinge in ihren Töpfen prächtig. 155 blühen bereits, in vier Wochen sollen sie geschnitten werden. Anfang Mai wird die erste Ernte dann verkauft – aber nur an die Mitglieder des ersten Dortmunder Cannabis Social Clubs.
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124 Mitglieder hat der Verein zurzeit. „Professoren, Politiker, Lehrer, Unternehmer“, zählt Dominik De Marco auf. Das jüngste Mitglied ist 22, das älteste 80. „Die meisten sind aber zwischen 50 und 60 und haben mit dem Klischee eines Kiffers nichts gemein“, betont der CSC-Vorsitzende. Das ist ihm wichtig. Denn mit dem Club will der Lokalpolitiker – er ist SPD-Ratsmitglied und kulturpolitischer Sprecher seiner Fraktion – den Cannabis-Gebrauch raus aus der Schmuddelecke holen. „In die Mitte der Stadtgesellschaft.“ Legal, transparent und sicher soll der Anbau im CSC Dortmund sein. Deswegen dürfen nicht nur Polizei und Behörden, sondern auch wir das ungewöhnliche Gewächshaus genau ansehen.
Dortmunder Plantage ist mit Zaun und Gittern gesichert
Verraten, wo es steht, dürfen wir indes nicht. Der Ort des Cannabis-Anbaus in Dortmund ist streng geheim, selbst von den Vereinsmitgliedern wissen nur die wenigsten, wo die Pflanzen wachsen. Die Vorschriften sind eindeutig: 200 Meter Luftlinie Abstand zu Schulen, Kitas und Spielplätzen sind vorgeschrieben. Die Fenster am Gebäude müssen vergittert und uneinsehbar sein, das Haus mit einem hohen Zaun umfriedet. Schwere Türen schützen den Eingang, drinnen und draußen hängen Kameras. Die Plantage ist gut gesichert.
Drinnen mussten die 360 Quadratmeter großen Räume erst einmal umgebaut werden, nicht nur wegen der Sicherheit. Auch Brandschutz und Klimatechnik wurden für den sensiblen Anbau erneuert. 70.000 Euro hat der Verein bislang in das Projekt investiert. „Bis alles fertig ist, wird es sicher eine halbe Million sein“, sagt der Vorsitzende. Was fehlt, sind vor allem sterile Räume und eine automatische Bewässerungsanlage. Bislang wird von Hand gegossen, und das täglich. Die Pflanzen sind durstig.
Pflanzen wachsen in neun großen Zelten
Und sie wachsen derzeit noch in Zelten. Neun Stück davon stehen in dem geheimen Raum, schwarze Quader aus beschichteter Plane, jeder anderthalb mal drei Meter groß. Die Lichtröhren strahlen, die silberne Folie reflektiert die künstliche Sonne grell. Die Ventilatoren rauschen – und wenn die Plane geöffnet wird, liegt ein frischer, würziger Duft in der Luft. Allerdings riecht es nicht wie ein Joint. „Ja, eher fruchtig, ein bisschen wie Orange“, bestätigt De Marco.
Etwa acht Kilo Cannabis hofft er, mit seinen Mitstreitern in wenigen Wochen ernten zu können. Dazu wird die ganze Pflanze gekappt und getrocknet, verwendet wird dann nur die Blüte. Aus dem Rest, nennen wir es Strunk, könnte man noch Haschisch machen. Aber der Verein will es erst einmal bei den Blüten belassen, der Rest wird vernichtet. Drei Monate kommt der Verein mit den acht Kilo aus. Jedes Mitglied bekommt – je nach Bedarf – im Durchschnitt monatlich 21 Gramm. Das Gramm kostet acht Euro. „Das ist etwas weniger als der Straßenpreis“, so De Marco. Mengenrabatt gibt es keinen. „Wir wollen keinen Anreiz geben, mehr zu verbrauchen.“
Prävention und sichere Bezugsquelle
Denn der Verein balanciert auf einem schmalen Grat: „Wir wollen einerseits Präventionsarbeit leisten und andererseits eine sichere Bezugsquelle für die Konsumenten sein“, betont der Vorsitzende. Im Club sollen sie unbesorgt Cannabis von bester Qualität kaufen können. „Und wir können die Menschen aus der Illegalität holen.“ Was De Marco nicht will: Für die Droge werben. „Es ist schlecht, Cannabis zu konsumieren“, gibt er unumwunden zu. „Aber noch schlechter ist es, sich auf dem Schwarzmarkt an schlechtem Stoff mit gefährlichen Beimengungen zu bedienen.“
Auch deshalb stehen die Interessenten bei Dortmunds erstem Cannabis Social Club Schlange. Wenn alles läuft, will der die Zahl der Mitglieder nach und nach auf bis maximal erlaubten 500 erhöhen. Bislang läuft alles ehrenamtlich, später sollen dann auch Mitarbeiter eingestellt werden – für Anbau, Verwaltung und Ausgabe. Einen Raum für die Abgabe des Stoffs hat der Verein bereits gefunden. Doch auch der muss erst noch umgebaut werden. „Dann können wir da auch Präventions-Workshops abhalten.“
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Sorge, dass all die Kosten und Mühe sich nicht lohnen werden, wenn die neue Regierung am Zuge ist, hat De Marco nicht. Schließlich sei die SPD wieder mit von der Partie. „Und warum sollte die ihr eigenes Gesetz zurücknehmen?“, so der Lokalpolitiker. Außerdem habe der Verein eine Lizenz für sieben Jahren. Sollte die zurückgenommen werden, käme das einer Enteignung gleich. Somit wäre der Bund schadensersatzpflichtig. „Und dann könnte es für den Steuerzahler ziemlich teuer werden“, so Dominik De Marco. „Aber wir gehen vom Besten aus.“ Mehr Infos: csc.do
Fünf Vereine wollen Cannabis anbauen
Der Cannabis Social Club Dortmund wird nicht der einzige seiner Art in der Stadt bleiben. Wie die Bezirksregierung auf Nachfrage der Redaktion mitteilt, wurden für die Stadt Dortmund bislang insgesamt fünf Anträge für Anbauvereinigungen gestellt. Davon wurden zwei genehmigt. Die anderen drei Anträge befänden sich noch in der Bearbeitung, heißt es.
Im Netz finden sich mehrere Vereine, die in Dortmund als Social Club durchstarten wollen. Als lizenziert bezeichnen sich außer dem CSC Dortmund nur die „Weed Kingz“ aus Hörde, sie haben auch bereits eine Produktionsstätte. Die große Kette Mariana, die mehrere Zweigvereine betreibt, hat nach eigenen Angaben noch keine Lizenz für Dortmund erhalten.
Insgesamt sind in NRW nach dpa-Angaben inzwischen 52 Anbauvereinigungen für Cannabis genehmigt worden. 89 Clubs warten noch auf ihre Zulassung - und sieben Antragsteller haben bereits aufgegeben.