Vor mir ist eine weiße Tür, dahinter wartet eine schwarze Vogelspinne. Riesig stelle ich mir sie vor. Haarig, flink. In meinen Gedanken flitzt das Ungetüm auf mich zu, sobald ich im Raum stehe.

Meine Hände schwitzen, mein Herz pocht, dann öffne ich die Tür.

Spinnen-Phobietherapie
Ich öffne die Tür, die Vogelspinne wartet schon. © FUNKE Foto Services | Klaus Pollkläsener

Angst vor Spinnen ist weit verbreitet. Studien schätzen die Zahl der Menschen mit Spinnenphobie in Deutschland auf bis zu acht Millionen. Die Ruhr-Uni in Bochum sucht derzeit Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich ihrer Spinnenangst für eine Studie stellen. Einer davon: ich.

Bochumer Psychotherapeut: Spinnenangst lässt sich gut behandeln

Ein Forschungsteam um Psychotherapeut Jan Heistermann und Prof. Dr. Armin Zlomuzica möchte herausfinden, wie gut ein sogenanntes Expositionstraining wirkt, also eine Konfrontationstherapie.

Heißt: Ich soll mit der Vogelspinne in einem Raum stehen, sie anschauen und sie vielleicht sogar anfassen.

Schon mit einer Sitzung kommen wir oft erstaunlich weit.

Spinnen-Phobietherapie
Jan Heistermann, Psychotherapeut über die Konfrontationstherapie

„Die berühre ich auf keinen Fall“, sage ich zu Jan Heistermann, als dieser mit mir über den Versuchsablauf spricht. „Müssen Sie auch nicht“, sagt er.

Allerdings ergänzt der 24-Jährige, dass sich Spinnenangst vergleichsweise gut behandeln lasse. „Schon mit einer Sitzung kommen wir oft erstaunlich weit.“ Es helfe, sich der Angst zu stellen.

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Als ich klein war, hörte ich manchmal laute Schreie. Meine Mutter hatte dann eine Spinne im Keller entdeckt, oder im Bad, oder, ganz schlimm, im Wäschekorb.

Meine Töchter sollen meine Angst vor Spinnen nicht erben

Anscheinend hat das abgefärbt. Denn auch ich scanne Räume danach ab, ob in der Ecke ein schwarzer Körper mit acht Beinen sitzt. Ich fürchte mich vor allem vor großen Winkelspinnen, die sich in Deutschland in Häuser schleichen. Seit ich Töchter habe, bleibe ich betont cool, wenn sich eine dieser Spinnen unterm Bett breitmacht.  „Halb so schlimm“, sage ich, um die Angst nicht an die nächste Generation weiterzugeben.

Das schwarze Monster macht dann die Mama weg.

Früher habe ich ein Kissen vor die Kinderzimmertür gelegt

Nun aber stelle ich mich meiner Angst, öffne die Tür, trete ein. Gebückt, aus Angst, dass sich die Vogelspinne von der Decke fallenlässt. Obwohl ich natürlich weiß, dass sie in einem Terrarium auf mich wartet.

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Ängste sind nicht rational. Ich weiß auch, dass von Spinnen in Deutschland keine Gefahr ausgeht. Trotzdem erstarre ich, wenn ich sie sehe. Trotzdem habe ich früher ein Kissen vor meine Kinderzimmertür gelegt, damit keine Spinne unten durchkrabbelt.

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Jetzt sehe ich die Vogelspinne. Sie sitzt etwa vier Meter von mir entfernt in dem kleinen, gläsernen Terrarium. Eigentlich lebt diese Art vor allem in tropischen und subtropischen Regionen – in Südamerika, in Afrika, in Asien und in Australien. Jan Heistermann hat mir erklärt, dass wir Menschen für diese Spinnen viel bedrohlicher sind als sie für uns.

Der hat gut reden.

Die Angst nimmt ab, je länger ich im Raum stehe

Die Konfrontationstherapie besteht aus verschiedenen Stufen. Erst bewege ich mich schrittweise aufs Terrarium zu, dann berühre ich die Glaswände, dann öffne ich die Tür, dann halte ich meine Hand hinein, dann berühre ich die Spinne mit einem Stift, dann mit einem Wattestäbchen.

So die Theorie. In der Realität stehe ich nun vor dem Terrarium und soll meine Hände so ans Glas legen, dass auf der anderen Seite direkt die Spinne sitzt. Nur eine dünne Glaswand trennt meine Finger von den Spinnenbeinen. Ich versuche es einmal, zweimal, dreimal, immer ziehe ich die Hände im letzten Moment weg.

Spinnen-Phobietherapie
Hart für einen Spinnenphobiker: Ich halte die Hände an die Glaswand, dahinter sitzt die Spinne. © FUNKE Foto Services | Klaus Pollkläsener

Jan Heistermann hat mir gesagt, dass die Angst abnimmt, wenn ich mir Zeit lasse, mich beruhige. Tatsächlich zittern meine Beine nach und nach weniger, je länger ich vor dem Terrarium stehe.

Angst vor Spinnen: Am Ende schaffe ich viel mehr, als ich dachte

Ich schaffe es dadurch, meine Hände ans Glas zu legen. Ich schaffe es sogar, das Terrarium zu öffnen, meine Hand hineinzuhalten. Ich nehme den Bleistift in die Hand, bewege ihn auf die hinteren Beine zu.

Spinnen-Phobietherapie
Noch härter für einen Spinnenphobiker: Ich versuche, die Vogelspinne mit einem Bleistift zu berühren.© FUNKE Foto Services | Klaus Pollkläsener

Die 1960er-Ikone Jim Morrison hat gesagt: „Setze dich deiner tiefsten Angst aus. Danach hat die Angst keine Macht mehr über dich.“ Bergsteiger Reinhold Messner meint: „Ein Held, der keine Angst hat, braucht keinen Mut.“

Ich berühre die Spinne mit dem Bleistift, sie zuckt kurz zusammen. Jan Heistermann gratuliert mir. Ich spüre Erleichterung, ich bin stolz. Ich hätte nie gedacht, dass ich das schaffe.

Das deutlich kürzere Wattestäbchen lass‘ ich aber liegen. Ich bin ja nicht lebensmüde.   

Bochumer mit Spinnenangst gesucht

Das Forschungsteam um Jan Heistermann und Prof. Dr. Armin Zlomuzica gehört zum Lehrstuhl „Behavioral and Clinical Neuroscience“ der Ruhr-Universität in Bochum. Zur Teilnahme an der Studie werden Menschen zwischen 18 und 65 Jahren mit starker Spinnenangst gesucht. Wer mitmacht, bekommt nach der Studie einen Wunschgutschein im Wert von 50 Euro. Insgesamt dauert die Studie fünf Stunden, aufgeteilt auf drei Termine. Anmeldung: expostudie-spinnenangst@ruhr-uni-bochum.de.

Jan Heistermann sagt: Zu Exposition gibt es bereits jetzt viele Studien, die für ihre Wirksamkeit sprechen. Wir müssen aber ihre genauen Wirkweisen besser nachvollziehen, um mehr Menschen mit Ängsten helfen zu können - daher die Studie.“