Nach zehn Jahren räumt Thomas Eiskirch seinen Stuhl. Mit Blick über Bochum zieht der 54-Jährige in seinen letzten Wochen im Amt Resümee. Was bleibt von zehn Jahren Eiskirch-Ära? Wo ist er zufrieden, was hat ihn geärgert?

Bis Ende Oktober sind Sie noch offiziell im Amt. Sind Sie froh, wenn's endlich vorbei ist?

Das klingt so negativ. Ich freue mich darauf, das eigene Leben wieder stärker selber bestimmen zu können. Oberbürgermeister zu sein ist eine Aufgabe, die man weder leichtfertig annehmen, noch verlassen sollte. Es ist eine tolle Aufgabe, die eigene Heimatstadt gestalten zu können. Dieser Lebensabschnitt ist jetzt vorbei, ein neuer beginnt.

Thomas Eiskirch in Bochum
Thomas Eiskirch vor seinem Arbeitsplatz der vergangenen zehn Jahre: dem Rathaus in Bochum.© FUNKE Foto Services | Svenja Hanusch

Als Sie zum ersten Mal Oberbürgermeister wurden, waren ihre Kinder noch relativ klein. Jetzt sind sie 20 und 23 Jahre alt. Als Stadtoberhaupt haben Sie 50- bis 60-Stunden-Wochen gehabt.

Es waren eher 70 bis 80 Stunden.

Oder so. Wie geht das denn mit Familie? Beschweren sich Ihre Kinder heute, dass Sie nie auf Schulaufführungen waren?

Nein, und das würde übrigens auch nicht stimmen. Wenn man so eine Aufgabe übernimmt, sollte man sich aber bewusst sein, dass sie Auswirkungen auch auf den ganzen familiären Umkreis hat. Ich bin mir sicher, dass es gerade für meine Kinder auch in der Schule eine ganze Reihe von Situationen gab, die nicht vergnügungssteuerpflichtig waren.

Worauf sind Sie in Ihrer Amtszeit stolz?

Ich antworte aus zwei unterschiedlichen Perspektiven. Das neue Fliednerhaus ist mir sehr wichtig. Wie eine Stadt mit den Menschen umgeht, die sich am Rand der Gesellschaft fühlen, sagt viel aus. Wohnungslose werden oftmals in den letzten Schrömmelimmobilien untergebracht. Wir haben uns bewusst für einen Neubau entschieden, wo die Suppenküche und die ärztliche Hilfe mit drin ist. Das ist ein Angebot, was Wertschätzung den Menschen gegenüber sichtbar macht.

Ein Bild vom Einzug ins Fliednerhaus. Im Bild (v.li.): Sebastian Keppe (VBW), Norbert Riffle (Geschäftsführer der VBW), Britta Anger (eh. Sozialdezernentin), Jens Fritsch (Vorstand Diakonie).
Ein Bild vom Einzug ins Fliednerhaus. Im Bild (v.li.): Sebastian Keppe (VBW), Norbert Riffle (Geschäftsführer der VBW), Britta Anger (eh. Sozialdezernentin), Jens Fritsch (Vorstand Diakonie). © FUNKE Foto Services | Sebastian Sternemann

Was mich auch sehr freut: Es ist uns gelungen, das Mindset der Stadt zu verändern. Wenn man mal zehn Jahre zurückblickt, dann hatten wir eine Situation, als Opel gerade weg war. Den Leuten steckte der Abschied von Nokia noch in den Knochen. Wenn in den Tagesthemen ein negatives Thema vorkam, hatte man Sorge, dass es schon wieder Bochum ist. Man hatte eine negative Hab-Acht-Stellung in sich. Und das haben wir gewandelt bekommen.

Wie meinen Sie das?

In Bochum nehmen wir Veränderungen heute an, sehen die Chancen darin. Der Blick von außen auf Bochum ist eben kein Negativer mehr. Wenn ich in die überregionale Presse gucke, dann sehe ich Titel wie ‚Das Wunder von Bochum‘ über Mark 51/7 oder ,Größenwahnsinnig cool` über unsere Schwammstadt-Aktivitäten. Darauf können wir stolz sein. Ich glaube, das ist eine gute Zukunftsfestigkeit in noch unruhigeren Tagen, wie wir sie heute erleben.

Sie sprechen unruhigere Zeiten an, die sicher auch für die Politik gelten. Nach einem polarisierenden Wahlkampf hat etwa die AfD in Bochum 14 Sitze im Rat errungen. Wie gucken Sie darauf?

Ich erlebe zum einen Menschen, die sich nicht mehr ausreichend gesehen fühlen, aber auch andere, die aus Missgunst und Lebensfrust ihre Ellenbogen auspacken. Das sind übrigens meist nicht die, die wirklich wenig haben. Das ist für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft schwer.

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Auch wenn die AfD hier bei uns im Ruhrgebietsvergleich am wenigsten zugelegt hat, vielleicht, weil sich Bochum ein Stück positiver entwickelt hat als manch andere Kommune, tröstet dies mich nicht. Denn sie haben auf ein Niveau zugelegt, das uns alle alarmieren muss. Bei dem wir als Bochumerinnen und Bochumer wirklich auf unsere Gemeinschaft und unsere Demokratie aufpassen müssen.

 Ich wünsche mir, dass Bochum ambitioniert bleibt.

Thomas Eiskirch

Die Wahrheit ist aber ja auch, dass es Menschen gibt, die Angst haben, etwa in Wattenscheid durch die Innenstadt zu laufen. Was läuft falsch?

Spannend ist, dass die Gründe für die Angst objektiv gar nicht belegbar sind. Die Kriminalität in Bochum ist die entspannteste im ganzen Ruhrgebiet, was die Großstädte angeht. Und trotzdem müssen wir diese Gefühle ernst nehmen. Auch ich erlebe Situationen in der Stadt, die mir nicht gefallen. So spricht man nicht, so verhält man sich nicht, weder privat noch im öffentlichen Raum. Wir haben als Gesellschaft eine Zeit lang zu viel durchgehen lassen. Das müssen wir stärker in den Blick nehmen.

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Mark 51/7, also die Entwicklung des ehemaligen Opel-Areals, gilt als ihre größte Erfolgsgeschichte. Hatten Sie da zwischendrin mal Sorge, dass das nicht klappt?

Nein. Wenn ich die ganze Zeit mit gedanklicher Handbremse unterwegs bin, kriege ich Zukunft ja nicht positiv gestaltet. Ich glaube, Mark 51/7 ist für Bochum ein wirklich großes Erfolgsprojekt. Wir konnten beispielsweise erlebbar machen, was es heißt, Hochschulstadt zu sein und den Menschen, die die Hochschulen verlassen, endlich auch Perspektiven in der eigenen Stadt geben. Sie müssen nicht mehr nach Süddeutschland fliehen.

Aus dem ehemaligen Opel-Gelände wurde Mark 51/7.
Aus dem ehemaligen Opel-Gelände wurde Mark 51/7. © FUNKE Foto Services | Hans Blossey

Ist in Ihrer Amtszeit auch etwas richtig schlecht gelaufen?

Was mich am meisten ärgert, ist, dass wir es nicht geschafft haben, den ÖPNV im Ruhrgebiet noch stärker aus einem Guss zu organisieren. Da habe ich ein paar Anläufe unternommen, aber ich hätte mir vorstellen können, dass man da deutlich weiterspringt. Es hätte mich gefreut, wenn es uns gelungen wäre, den ÖPNV im Ruhrgebiet noch viel stärker so miteinander zu verzahnen, dass er ein metropolenwürdiges Angebot bekommt.

Ihre Kritiker haben Ihnen häufig vorgeworfen, dass Sie „nach Gutsherrenart“ regiert haben, alles schon im Hinterzimmer besprochen wurde.

Meinen Sie Kritiker in der Bevölkerung oder in der Politik?

Beides würde ich sagen. Ist da was dran?

Das kann ich ganz schwer beurteilen. Ich glaube, dass wir ganz viel sehr, sehr offen diskutiert und umgesetzt haben. Zum Beispiel mit Bürgerkonferenzen. Aber natürlich gehört es auch dazu, gerade wenn es um große Investitionsvorhaben geht, bestimmte Dinge eben nicht auf dem Marktplatz auszutragen. Wenn ich beispielsweise an die Ansiedlung von Bosch denke: Hätte ich das auf dem Marktplatz gemacht, wäre man in Stuttgart sehr verstört gewesen. Das funktioniert nur, wenn man Entscheidern Vertraulichkeit zusichert.

Jetzt gibt es ja diverse Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister, die sich in ihrer Amtszeit auch irgendwie eine Form von Denkmal setzen wollen. Ist das bei Ihnen das Haus des Wissens?

Nein, das ist von einigen ganz gerne mal so beschrieben worden. Aber ich bin nicht einer, der in Denkmälern denkt. Ich habe das gemacht, weil ich von dem Projekt überzeugt bin, da es für die Stadtentwicklung ein entscheidender Faktor werden wird. Als Bildungsangebot, als Frequenzbringer für die Innenstadt und weil es Platz schafft für neues Wohnen in der City.

Teuer, aufwendig und langwierig: Der Umbau zum Haus des Wissens in der Bochumer Innenstadt.
Teuer, aufwendig und langwierig: Der Umbau zum Haus des Wissens in der Bochumer Innenstadt. © FUNKE Foto Services | Hans Blossey

Ganz anderes Thema. Sie sind großer VfL-Fan, stehen auch selber oft im Stadion. In welcher Liga spielt der VfL in der nächsten Saison?

In Liga 1, Liga 2 oder Liga 3.

Wenn Sie Ihren letzten Arbeitstag hatten, wie geht es für Sie dann weiter?

Dann werde ich erst einmal ausschlafen. Ich habe noch ungefähr bis Mitte November Termine hier in Verantwortlichkeiten und Aufgaben, die ich noch ausfülle. Danach werde ich mir Zeit nehmen, um ‚strukturiert abzutrainieren‘, wie Sportler sagen würden. Und dann gilt der schöne Ruhrgebietsspruch ‚Erstmal nichts und dann mal gucken‘.

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Glauben Sie, dass es Ihnen leichtfallen wird, loszulassen? Oder rufen Sie regelmäßig an, um nochmal eine Idee einzubringen?

Garantiert nicht. Ich weiß ja, dass es etwas anderes ist, von außen auf Themen zu schauen oder innen Verantwortung dafür zu tragen. Insofern können sich alle darauf verlassen: Es wird keine schlauen Ratschläge von der Tribüne geben.

Was wünschen Sie sich zum Abschied für Bochum?

Ich wünsche mir, dass Bochum optimistisch bleibt. Das hilft gegen Verzagtheit. Ich wünsche mir, dass Bochum ambitioniert bleibt. Dass wir nicht nur die Gegenwart gestalten, sondern vor allem die Zukunft.

Zur Person

Thomas Eiskirch ist am 4. November 1970 in Hagen geboren. Seit der zweiten Lebenswoche – das betont er – wohnt er in Bochum.

1990 machte er am Albert-Einstein-Gymnasium Abitur. Dort steht heute das Neue Gymnasium.

Er studiere Ökonomie und BWL in Bochum und Dortmund, brachte das Studium aber nicht zu Ende, weil er einen Job in der Immobilienwirtschaft angeboten bekam.

2005 wurde Thomas Eiskirch für die SPD in den Landtag gewählt. 2015 trat er als OB-Kandidat in Bochum an.