Zeitenwende im Prinz-Regent-Theater: Die freie Bühne in Bochum-Weitmar, die zu den wichtigsten Off-Theatern des Ruhrgebiets zählt, steht ab der kommenden Spielzeit unter neuer Leitung. Die Bochumer Dramaturgin Sabine Reich (58) übernimmt die Nachfolge von Hans Dreher und Anne Rockenfeller, die das Theater nach sieben Jahren verlassen.

Im Prinz-Regent-Theater sollen die Bochumer bald mitreden

Und mit Sabine Reich soll viel frischer Wind durchs Medienhaus neben der Zeche ziehen: Von einem komplett umgekrempelten Spielplan bis zum Umbau des Foyers und des Bühnenbereichs reichen die ambitionierten Pläne. „Dies soll ein offener Raum für jeden werden“, sagt sie im Vorabgespräch mit unserer Redaktion. „Wir wollen zeigen, dass ein Theater keine elitäre Kunst ist, sondern allen Bürgern gehört.“

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In der Theaterszene ist Sabine Reich gut bekannt und bestens vernetzt. Während der Intendanz von Anselm Weber arbeitete sie als Dramaturgin am Schauspielhaus und realisierte hier unter anderem das viel beachtete „Detroit Projekt“. Von 2020 bis 2022 war sie Vize-Chefin am Schauspiel Dortmund.

Während der Intendanz von Anselm Weber war Sabine Reich am Schauspielhaus, von 2013 bis 2015 leitende Dramaturgin.
Während der Intendanz von Anselm Weber war Sabine Reich am Schauspielhaus, von 2013 bis 2015 leitende Dramaturgin. © FUNKE Foto Services | Jonas Richter

Vor rund einem Jahr wurde sie zur neuen künstlerischen Leiterin des PRT gewählt, seitdem laufen die Vorbereitungen für den Neustart Mitte September. Als „Intendantin“ mag sie sich gar nicht bezeichnen: „Ich bin Teil eines kleinen, aber starken Teams, das hier am Haus neu anfängt“, sagt Reich, die selber nicht Regie führen wird. Dazu gehören die Programmleiterin Sina-Marie Schneller, die vorher das Favoriten-Festival in Dortmund mitgeleitet hat, und Dilara Turgut, die sich unter anderem um den neuen Internetauftritt kümmert.

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Wichtigste Neuerung: Sabine Reich plant, die Bürgerinnen und Bürger wesentlich stärker als zuvor in den Spielbetrieb und sämtliche Aktivitäten des Theaters mit einzubeziehen. Zahlreiche Gruppen und Initiativen sollen die Räume für sich entdecken und nutzen können: „Das kann auch tagsüber geschehen, wenn hier noch gar nicht gespielt wird.“

Theater ist mehr als eine Guckkasten-Bühne und ein Foyer, das nur dazu dient, zehn Minuten vor der Vorstellung ein Glas Sekt zu trinken.

Sabine Reich, künftige Leiterin des Prinz-Regent-Theaters

Zu diesem Zweck wird am PRT ein Bürgerbeirat gegründet, der künftig als beratendes Gremium fungieren soll. Dilara Turgut hat dafür bereits eine Reihe von Interviews geführt, um herauszufinden, was ein Theater heutzutage bieten muss, damit die Menschen wieder häufiger kommen. „Theater ist mehr als eine Guckkasten-Bühne und ein Foyer, das nur dazu dient, zehn Minuten vor der Vorstellung ein Glas Sekt zu trinken“, meint Reich. Offene Räume zu schaffen, in denen sich jeder willkommen fühlt: Das ist ein Hauptziel ihrer Arbeit. Darin mit eingebunden ist auch der Studiengang Szenische Forschung der Ruhr-Uni. Für den Bürgerbeirat werden noch Mitstreiter gesucht.

Deana und Holger Ehrich vom Duo Diagonal verwandeln den Vorplatz des PRT zum Spielzeitauftakt in einen „Marktplatz der Utopien“.
Deana und Holger Ehrich vom Duo Diagonal verwandeln den Vorplatz des PRT zum Spielzeitauftakt in einen „Marktplatz der Utopien“. © FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener

In diesem Sommer soll auch der Umbau des Theaters, der von Bochum Marketing gefördert wird, vorangetrieben werden. Dafür werden in gemeinsamen Workshops Ideen gesammelt, die anschließend von einem Architekten in einen konkreten Umbauplan überführt werden sollen. So wird unter anderem daran gedacht, eine zweite Bühne im Foyer für kleinere Lesungen und Konzerte zu etablieren. Auch gastronomisch soll sich im PRT einiges tun, damit die Zuschauer vor und nach den Vorstellungen etwas länger bleiben als zuletzt. Konzerte und regelmäßige Partys sind ebenfalls geplant.

Zirkus, Tanz, Literatur, Musik: Das Programm ist vielfältig

Überhaupt möchte Sabine Reich das Theater in viele Richtungen öffnen: Neuer Zirkus, Tanz, Literatur, Musik und Performances sollen hier eine regelmäßige Bühne finden. Zum Auftakt (vom 18. bis 21. September) verwandelt sich der Vorplatz bei freiem Eintritt in einen dreitägigen „Marktplatz der Utopien“ mit Zirkus, Pantomime, Tanz, Varieté und einer Drag-Show unter Leitung von Holger und Deana Ehrich, dem Bochumer Duo Diagonal.

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Um einen eigenständigen Spielplan aufzubauen, steht der Oktober ganz im Zeichen eines beachtlichen Premierenreigens. Ältere Inszenierungen ihrer Vorgänger übernimmt Sabine Reich nicht. Zunächst meldet sich am 3. Oktober die Bürgerbühne zu Wort: Das offene Ensemble, bei dem jeder ohne Vorkenntnisse mitmachen kann, soll künftig regelmäßig im PRT auftreten. Das erste Stück unter dem Titel „Zeitverschiebung“ wird von der Regisseurin Miriam Michel in Szene gesetzt.

Als „afghanischer Charlie Chaplin“ wurde Mohammad Karim Asir bekannt: Im Prinz-Regent-Theater erzählt er die Geschichte seiner lebensgefährlichen Flucht.
Als „afghanischer Charlie Chaplin“ wurde Mohammad Karim Asir bekannt: Im Prinz-Regent-Theater erzählt er die Geschichte seiner lebensgefährlichen Flucht. © Karim Asir | Karim Asir

Danach darf man sich auf die Rückkehr eines Theaterstars freuen: Anne Tismer gehörte zu den prägenden Schauspielerinnen während der Intendanz von Leander Haußmann am Schauspielhaus und spielte später unter anderem an der Berliner Schaubühne, ehe sie dem Stadttheater den Rücken kehrte und seither frei arbeitet. Die Performance „Kompost Faust“ (ab 10. Oktober) entwickelt sie mit zwei befreundeten Kolleginnen eigens fürs PRT.

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Theater-Serie führt an die „Alleestraße“

Der Schauspieler Mohammad Karim Asir, der nach seiner lebensgefährlichen Flucht aus Kabul als „afghanischer Charlie Chaplin“ bekannt wurde, zeigt am 24. Oktober die Premiere von „Karims Koffer“. Darin erzählt er auf leerer Bühne nur mit einem Koffer seine berührende Geschichte. Außerdem plant das PRT die Entwicklung einer Theaterserie: Einmal im Monat soll es neue Folgen des Formats „Alleestraße“ geben, die von dem Autor Tobi Katze geschrieben werden. „Die ultimative Sitcom aus Bochum für Bochum“, so wird versprochen.

Mitstreiter für Bürgerbühne gesucht