Früh am Morgen hört man die 15.000 Legehennen des Bengerhofs laut in ihrem Stall in Rheurdt-Schaephuysen gackern. Bereits vier Mal wurden die hungrigen Hennen an diesem Tag gefüttert, jetzt wird es Zeit für Auslauf, für einen Tag unter blauem Himmel. Geflügellandwirt Philipp Benger fährt die Stalltore zu der sechs Hektar großen Auslauffläche hoch. Ein weiß-braun gefiederter Schwarm strömt auf die Wiese, die Hennen picken im Gras, schlagen mit den Flügeln. Bauernhofidylle. Doch so friedlich ist es nicht, die Eierproduktion steht unter großem Druck: Kurz vor Ostern werden in NRW die Eier knapp.
Nachfrage nach Eiern wächst schneller als die Produktion
Eier sind so gefragt wie noch nie. Der Konsum nimmt laut Bundesinformationszentrum Landwirtschaft seit dem Jahr 2022 kontinuierlich zu. Damals lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 234 Eiern im Jahr, heute sind es 252. Die Nachfrage wächst schneller als die Produktion. Das bestätigen auch die Zahlen. Im vergangenen Jahr ist die Eierproduktion nur um 0,5 Prozent gewachsen.
Josef Goos, Leiter des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft, ordnet die hohe Nachfrage ein: „Eier stellen eine kostengünstige Quelle für hochwertiges Eiweiß dar.“ Zudem seien die vegetarische Ernährung und Low Carb zu Trends in den vergangenen Jahren geworden.
Der von den Bengers familiengeführte Geflügelhof in Schaephuysen versorgt 70 Supermärkte und auch Hofläden mit Eiern. 13.000 Eier legen ihre Hennen in Freilandhaltung am Tag. Ab sieben Uhr morgens fahren die voll beladenen Lkw die Märkte an. Vor zwei Jahren waren auch noch die Touren zu den Eier-Färbereien inbegriffen, mittlerweile ist das aber nicht mehr der Fall. „Unser Bestand ist zu klein, da lohnt sich das für die Färbereien nicht mehr“, erzählt Philipp Benger.
Die Eierknappheit ist für den staatlich geprüften Agrarbetriebswirt in seinem Betrieb deutlich spürbar, vor allem durch die hohe Nachfrage. „Wir produzieren konstant unsere Kapazität, aber bei den großen Lieferanten ist die Situation teilweise dramatisch schlecht“, berichtet Benger. „Da werden wir dann angefragt, um die Lücken in den Supermarktregalen zu füllen.“ Viele Bestellungen von Neukunden musste Philipp Benger schon ablehnen, doch seine Stammkunden bekommen weiterhin Ware.
Vogelgrippe keult Hennen-Bestände
Eine weitere Ursache der Knappheit ist die Vogelgrippe. Im Herbst 2025 kam es zu einer Infektionswelle in Deutschland, auch der Kreis Kleve war betroffen. Die Legehennen des Bengerhofs bekamen die Sicherheitsmaßnahmen zu spüren. Für vier Monate mussten die Tiere im Stall bleiben, seit dem 1. März dürfen sie wieder ihren weiten Auslauf genießen. „Die Aufstallungspflicht hat unsere Produktion zum Glück nicht beeinflusst“, berichtet Benger. „In manchen Betrieben mussten jedoch immer wieder Legehennen-Bestände gekeult werden.“ In solchen Fällen kann es Monate dauern, bis neue Hennen herangewachsen sind und die Lücken füllen können. In Kreis Kleve und Umgebung waren vor allem Betriebe mit Mastgeflügel betroffen.
Seit Februar sorgt auch die Newcastle-Krankheit für hohe Verluste in Agrarbetrieben. Die hochansteckende Tierseuche trat zuletzt vor 30 Jahren in Deutschland auf, mittlerweile wurden mehrere Fälle in Brandenburg und Bayern gemeldet. Auch Polen, Tschechien und die Slowakei wurden von der Krankheit nicht verschont. „Die hohe Nachfrage trifft auf ein geschwächtes Angebot durch das Seuchengeschehen“, sagt Hans-Peter Goldnick, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft.

Um sicherzustellen, dass ihre Hennen und Eier keinen Risiken ausgesetzt sind, erfolgen auf dem Bengerhof regelmäßige Kontrollen des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen „KAT“. Dabei werden neben Qualität und Tierwohl auch die Hygieneauflagen geprüft.
Der Bengerhof ist mit seinem vollautomatisierten Stall modern aufgestellt. Sechs Mal am Tag bekommen die Hennen hier maschinell ihr Futter serviert. Durch die Fütterung im Innenraum soll sichergestellt werden, dass keine Wildvögel angelockt werden. Auch die Eier werden automatisch aus dem Stall über ein Laufband zu den Sortiermaschinen transportiert, wo sie nach Größe geordnet und von drei Mitarbeitern in die Kartons verpackt werden.
Landwirt Benger will auf die hohe Nachfrage nach seinen Produkten reagieren und plant einen neuen Stall für weitere 14.000 Tiere. Im September soll er fertig sein. Viele Betriebe wollen ebenfalls ausbauen, aber an Baugenehmigungen zu kommen, sei schwierig. „Für unseren ersten Stall hat es sieben Jahre bis zur Genehmigung gebraucht, den neuen Stall haben wir nach drei Jahren genehmigt bekommen“, erzählt Benger.
Eier vor Ostern knapp: Deutschland ist auf Importe angewiesen
Mit einer Entspannung der Lage rechnet Philipp Benger vorläufig nicht: Die Zahl der Legehennen ist laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung im vergangenen Jahr um 400.000 Tiere auf 51,1 Millionen gesunken, womit der Selbstversorgungsgrad bereits im vierten Jahr in Folge zurückging. Der Druck ist der Branche somit nicht unbekannt. „Als junger Betrieb waren die letzten fünf Jahre anspruchsvoll, aber wir wachsen mit unseren Aufgaben“, erzählt der Hühnerhalter.
Um den Eigenbedarf des Landes abzudecken, ist Deutschland auf Importe angewiesen. Die Niederlande sind mit 62 Prozent Importanteil Deutschlands wichtigstes Lieferland für Schaleneier, doch durch strengere Umweltauflagen werden dort Millionen Legehennen-Bestände abgebaut.

Polen belegt mit knapp 16 Prozent Anteil den zweiten Platz. Auch der polnische Markt kämpft mit den Folgen der Vogelgrippe und ist angespannt. Zwar sind die Eierimporte nach Deutschland aktuell nicht rückläufig, dafür sanken bereits die Ausfuhren zu Deutschlands Hauptabnehmern Niederlande, Belgien und Italien um 12 Prozent.
Eierpreise steigen: Nachfrage, Vogelgrippe und Haltungsverbot treiben Kosten
Das hat nicht nur Einfluss auf die Menge, sondern auch auf den Preis. Wer derzeit zum Eierkarton greift, merkt schnell: Eier sind teurer geworden. Steigende Nachfrage, Vogelgrippe, Importe und das Verbot der Kleingruppenhaltung zum neuen Jahr sind nur wenige von vielen „Kostentreibern“, die zu Preissteigerungen bei Eiern führen.
„Das ist ein multifaktorielles Geschehen“, erzählt Charlotte Wilmes, Marktreferentin für Eier und Geflügel der Landwirtschaftskammer NRW. „Letztes Jahr hat eine Zehner-Packung von Eiern aus Bodenhaltung beim Discounter noch 1,99 Euro gekostet, jetzt liegen wir da bei etwa 2,49 Euro“, sagt die Expertin weiter.
Den Einkauf frühzeitig planen
Im vergangenen Jahr war NRW mit 305 Betrieben mit über 300.000 Legehennen aufgestellt, insgesamt wurden 1,46 Milliarden Eier produziert. Damit liegt der Selbstversorgungsgrad in NRW bei nur 33 Prozent. „Wir werden der Knappheit noch hinterher rennen“, sagt Wilmes, „auch durch die wiederkehrende Newcastle-Krankheit“. Man könne mittelfristig nicht davon ausgehen, dass die Preise zurückgehen.
Josef Goof bezeichnet die aktuelle Marktlage als schwierig und erwartet zu Ostern ein knappes Angebot. Philipp Benger habe schon öfter solche angespannten Situationen und „Spitzen mit hohem Bedarf“ erlebt. Ihm zufolge müssen Verbraucher an Ostern nicht auf Eier verzichten: „Es kann sein, dass der Verbraucher nicht die gewünschte Menge im Einzelhandel bekommt, aber leer wird keiner ausgehen, solange nicht gehamstert wird.“


