Premiere

Wenn im Schauspielhaus Henrik Ibsen auf Pegida trifft

Deutschnationales Familienbild: Szene aus „Volksverräter!!“ mit Eva Hüster, Elwin Chalabianlou, Daniel Christensen, Raphaela Möst, Roland Riebeling. 

Foto: Diana Küster

Deutschnationales Familienbild: Szene aus „Volksverräter!!“ mit Eva Hüster, Elwin Chalabianlou, Daniel Christensen, Raphaela Möst, Roland Riebeling.  Foto: Diana Küster

Bochum.   Der Saisonauftakt am Schauspielhaus Bochum fällt politisch aus. Hermann Schmidt-Rahmers „Volksverräter!!“ lässt die Demokratie wackeln.

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Mit einer Art politisch-soziologischem Colloquium – wenn auch einem überaus theatralischen – startet das Bochumer Schauspielhaus in die neue Spielzeit. Hermann Schmidt-Rahmer (57), der in Bochum zuletzt mit spektakulären Aufführungen wie „Gespenster des Kapitals“ oder „Die Schutzbefohlenen“ punktete, wird auch in „Volksverräter!!“ seinem Ruf als politischer Künstler gerecht. Für das Publikum eine Herausforderung. Und was für eine!

Aber das ist ja gerade die Absicht, denn der Regisseur liefert keine fertigen Antworten auf drängende Zeitfragen, sondern überschüttet uns mit Fragen: Wie geht es angesichts zunehmend populistischer Auftritte mit der parlamentarischen Demokratie weiter? Kann es sein, dass der Kapitalismus entdeckt hat, dass er die Demokratie gar nicht mehr braucht? Und: Was hat Henrik Ibsen eigentlich mit Pegida, AfD und Konsorten zu tun?

Stück basiert auf „Volksfeind“ von Ibsen

Denn „Volksverräter!!“ (das „Unwort des Jahres“ 2016, daher die zwei Ausrufezeichen) basiert auf dem „Volksfeind“ von Henrik Ibsen. Dessen Drama spielt in einem Kurort des späten 19. Jahrhunderts und bietet im Streit um einen idealistischen Wahrheitskämpfer auch einen aufgeheizten Aufmarsch „besorgter Bürger“ auf. Der Bezug liegt auf der Hand: So wie Identitäre Bewegung oder AfD heute. Das Wohl der Gemeinschaft steht auf dem Spiel, weil welche für ihre „Wahrheit“ kämpfen, die sie für die einzig richtige halten.

Doch wie bei Ibsen der Kampf von Kurarzt Stockmann zur selbstgerechten Verachtung der Mehrheit wird und totalitäre Züge trägt, ist es heute umgekehrt. Inzwischen sind völkisch gesinnte „Wutbürger“ in der Lage, demokratisch gewählte Politiker im Internet und handfest zu ächten: Bundeskanzlerin Merkel wird in Ostdeutschland als „Hure“ beschimpft, in Bocholt räumte der Bürgermeister seinen Posten, nachdem er und seine Familie verbal und körperlich massiv bedroht worden waren.

Schrille Persiflage

Das alles ist schwer erträglich, aber die (links)liberalen Denker und routinierten Demokraten sind, folgt man der Logik der Aufführung, ebenso schuld an dieser Entwicklung wie die Globalisierung, die den „Cultural Gap“ (Kluft zwischen reich und arm) und Flüchtlingswellen erzeugt. Und die Globalisierung fiel ja nicht vom Himmel, sondern wurde von den „freien“ Politikern des Westen ins Werk gesetzt, die doch wieder nur Knechte des Kapitals sind...

So wird Schmidt-Rahmers „Volksverräter!!“, lose angelehnt an Ibsens Schauspiel über ein verseuchtes Kurbad, zur Bühnenfolie des Nachdenkens über die Erosion des demokratischen Diskurses von heute. Das ist ziemlich clever.

Wie der Regisseur sein Anliegen auf der wunderbar wandelbaren, verspielten Bühne (Thilo Reuter) organisiert, ist bissig, ironisch und voll schräger Bilder; Akif Pirinçci tritt als geifernder Fremdenhasser auf, Donald Trump darf natürlich nicht fehlen, und auch vor einer schrillen Persiflage auf die zeitgenössische Oper und Rap-Gesang wird nicht zurückgeschreckt. Das Ganze ist pulsierendes Vollblut-Theater mit scharfem Polit-Appeal, wie man es in Bochum lange nicht mehr gesehen hat.

Moderne Oper und Rap-Gesang

Gut allerdings, dass Schmidt-Rahmers Wundertüten-Inszenierung ein Ensemble (allen voran Veronika Nickl, Jürgen Hartmann und Roland Riebeling) zur Verfügung steht, das den so anspruchsvollen wie unterhaltsamen Abend mit vollem Einsatz rockt. Im dezidiert politischen Spielplan-Konzept des neuen Intendanten Olaf Kröck setzt dieser Auftakt-Abend ein dickes Ausrufezeichen.

>> INFO: Termine & Infos

  • Die nächsten Termine: 24., 30. 9., 13., 28. 10. Aufführungsdauer 2:45 Stunden mit Pause. Karten: 0234/3333-5555.

  • Am Sonntag werden vor der Vorstellung und in den Pausen die Fernseh-Hochrechnungen zur Bundestagswahl live im Foyer übertragen.

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