HOLLYWOOD

„Unsane - Ausgeliefert“ ist ein Psycho-Trip voller Wendungen

Sie sucht Hilfe in der Klinik, aber die Klinik wird ihre Krankheit: Szene aus „Unsane“

Sie sucht Hilfe in der Klinik, aber die Klinik wird ihre Krankheit: Szene aus „Unsane“

Foto: Fox

Essen.   In Steven Soderberghs „Unsane - Ausgeliefert“ gibt es den Wahnsinn auf Krankenschein. Der Film wurde in nur zwei Wochen mit einem iPhone gedreht.

Die Geschichte, die Steven Soderbergh in „Unsane – Ausgeliefert“ erzählt, wird von so haarsträubenden Wendungen geprägt, dass man möglichst wenig über sie wissen sollte. Dann kann sie eine äußerst verstörende Wirkung freisetzen.

Also sei an dieser Stelle nur verraten, dass die von Claire Foy gespielte Sawyer Valentini in ihrer Heimatstadt Boston von einem hartnäckigen Stalker bedrängt wurde. Um dessen Terror zu entfliehen, hat die knallharte Datenanalystin einen Job in Philadelphia angenommen. Dort will sie noch einmal ganz neu anfangen. Aber das Trauma sitzt zu tief. Also sucht sie eine Klinik auf und erzählt einer Psychiaterin von ihren geheimsten Ängsten und Zweifeln. Ein Fehler, denn die Ärztin nutzt Sawyers Offenheit, um sie in die geschlossene Abteilung der Klinik einzuweisen.

Abrechnung mit dem US-Krankenhauswesen

Vor fünf Jahren hat Soderbergh eine klassische Genreerzählung genutzt, um die amerikanische Gesundheitsindustrie anzugreifen. In dem perfekt austarierten Thriller „Side Effects – Tödliche Nebenfiguren“ galt seine Kritik der Pharmabranche, die mit Medikamenten Menschen in unheilvolle Abhängigkeit führt. „Unsane – Ausgeliefert“ beginnt als bitterböse Abrechnung mit dem US-Krankenhauswesen, entwickelt sich aber zu einer Horrorvision, die jegliche Gesellschaftskritik in Blut ertränkt.

Auf den ersten Blick scheint in diesem innerhalb von zwei Wochen nur mit einem iPhone gedrehten Psycho-Trip wirklich nichts zusammenzupassen. Zunächst zollt man Soderbergh noch Bewunderung dafür, wie er mit wenigen Strichen offenlegt, wie riesige Klinikkonzerne die Krankenversicherungen plündern und dabei ihre Patienten in den Wahn treiben. Dann verliert man sich in einem Strudel der Gewalt, um am Ende zu erkennen, dass es aus manchen Albträumen kein Erwachen mehr gibt.

Raue Ästhetik der iPhone-Kamera

Das Gefühl, dem Grauen nicht entrinnen zu können, wird durch die raue Ästhetik der iPhone-Kamera verstärkt. Dank ihr kann Soderbergh seinen Darstellern extrem nahe kommen. Vor allem Claire Foy, die in einem Moment ganz selbstsicher auftritt und der im nächsten alles zu entgleiten scheint, ist dem unbarmherzigen Blick der Kamera regelrecht ausgeliefert. Aus eben dieser Schutzlosigkeit erwächst zwangsläufig eine erschreckende Intensität. Soderbergh nutzt zudem noch Perspektiven, die die Räume um Sawyer Valentini leicht verzerren. Alles scheint die Analystin einzuengen. Ständig kommen ihr die anderen Figuren zu nahe. Selbst alltägliche Situationen bekommen einen bedrohlichen Charakter. Die ständige Anspannung spiegelt sich in jeder Geste und jedem Blick von Claire Foy. Sie steht ständig unter Strom und panzert sich mit einer Aggressivität, die einen erschreckt, aber auch in Sawyers Bann zieht.

Echo auf Donald Trumps Amerika

Wie „Shock Corridor“ und andere subversive B-Movies der 1950er und 1960er Jahre folgt „Unsane“ einer erbarmungslosen Eskalationsdramaturgie. Sawyer Valentini rutscht tiefer und tiefer in den Wahn ab. Es gibt keinen Halt für sie, so verliert schließlich auch der Zuschauer jede Sicherheit. Folglich muss sich auch der sozialkritische Subtext des Films, der lange wie eine Art Rettungsanker erscheint, mehr und mehr auflösen. Gerade durch die Brüche innerhalb des Films und die Exzesse gelingt es Soderbergh, die gegenwärtige Realität in den Staaten kongenial abzubilden. Schlussendlich gibt es in Trumps Amerika auch keinerlei Gewissheiten mehr.

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