Der ehemalige Bundespräsident und Pastor Joachim Gauck (parteilos) sitzt am Donnerstag alleine in der Talkrunde von Moderator Markus Lanz. Lieber würde er übers Wetter sprechen, scherzt er zu Beginn. Doch es hilft nichts, der Blick auf Deutschland drängt sich im beinahe schon fast traditionell gewordenen Interview zum Sommerbeginn mit Lanz auf: „Was unser Land betrifft, könnte es besser sein”, gibt Gauck zu.
Was dann folgt, ist eine Diagnose der gesellschaftlichen Befindlichkeit – oft lässt Lanz Gauck auch einfach monologisieren. Die Bewunderung entgeht dem Zuschauenden nicht. „Macht Spaß, Ihnen beim Denken zuzugucken” und „Einspruch euer Ehren” sind nur zwei der Sätze, mit denen Lanz selbst diesen Eindruck untermauert.
Gauck jedenfalls stellt fest: Deutschland ist träge geworden. Er betone das ohne Panik, denn er „mag keinen Alarmismus”. „Der lähmt uns und lahm sind wir schon genug”, so der Bundespräsident a.D. Der Blick von außen auf die Bundesrepublik zeige vor allem eins: „Bloß nicht zu viel Risiko und schön verwalten, was wir geschaffen haben.” Das sei zwar menschlich verständlich, schaffe aber keine Zukunft. Damit das Land den Anschluss nicht verliere, müsse man nun „Aufbrüche und Reformen wagen”.
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Lanz will von Gauck wissen, ob die Politik den Bürgern und Bürgerinnen zu wenig zumutet. Gauck kommt in seiner Antwort schnell auf das Erstarken der AfD. Wenn eine Regierung zu lange untätig bleibe, führe das zu einem Vertrauensverlust. „Dann brechen die Leute aus”, sagt er.
„Früher gingen sie zu der Linken, heute zu Nationalisten, die so tun, als würden sie uns in eine vergangene Epoche führen.” Pauschal verdammen will er die Wählergruppe aber nicht. Denn: Es handle sich um „Nationalpopulisten nicht um Faschisten”, so der ehemalige Bundespräsident. Hauptsächlich seien die Wählenden „verunsicherte Menschen, die sich fragen: ‘Wo bleibe ich in einer Welt, der sich alles so verändert?’”
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Für den Rechtsruck hierzulande, aber auch in ganz Europa sieht Joachim Gauck primär nicht soziale Gründe, sondern ein „Gefühl von Entheimatung”. Dennoch zieht er eine klare Linie: „Menschen, die dahin flüchten, sind auf einem Irrweg.” Für die politischen Ziele der AfD habe er „kein Verständnis” betont er. Wenn die AfD bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt so stark werde, wie es derzeitige Umfragen prognostizieren, werde das „einen Teil der Deutschen aufwecken”, so Gauck. „Feigheit bringt uns nicht weiter”, fügt er hinzu.
Deshalb schlägt der Pastor auch pragmatische Bündnisse grundsätzlich nicht aus – etwa mit den Linken. Er selbst sei „unverdächtig, ein Anhänger der Linken” zu sein, doch es könne passieren, dass die Union zusammen mit der Linken dafür sorgt, dass es nicht zu einem Ministerpräsidenten der AfD kommt”. In der Politik gehen es „nicht immer um die Gestaltung des einzig Guten.
Auch die Brandmauer sieht er kritisch. „Für mich ist das Bild der befestigten Grenze das Richtige”, führt Gauck aus. „Dann kannst du Grenzübergänge regeln”. Am Ende nimmt Gauck die schwarz-rote Regierung in die Pflicht. Die Wählerinnen und Wähler wüssten längst, dass Veränderungen nötig sein. Doch das Zeitfenster dafür schließt sich. „Es muss der Sommer der Reformen sein”, sagt er. „Wenn es der Sommer nicht ist, muss es der Herbst werden.”




![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)


