Rund um „Black Friday“ verspricht „Hart aber fair“ Aufklärung, liefert aber vor allem Orientierungslosigkeit. Die Zahlen sind enorm, die Beispiele eindrücklich – doch am Ende bleibt vor allem hängen, wie sehr sich diese Runde im Kreis dreht – und dass die falschen Menschen an diesem Tisch sitzen.
Direkt nach der ARD-Doku „Die Wahrheit über Schnäppchen-Preise“ stellt Louis Klamroth den großen Bogen: „Was ist der wahre Preis der Schnäppchen?“ Der Zeitpunkt wäre ideal. Der Onlinehandel wächst, Amazon beherrscht mit rund 52 Milliarden Euro Bruttohandelsvolumen den Markt deutlich vor Ebay und Otto. Doch statt diese Machtstrukturen auszuleuchten, verliert sich die Diskussion.
Verbraucherschutz vs. Konsumlust und Black-Friday-Scheinrabatte
Renate Künast (Grüne), frühere Bundesministerin für Verbraucherschutz, setzt mit einem klaren Satz an: „Man sollte sich überlegen, ob man das braucht.“ Damit trifft sie das Spannungsfeld aus Konsumlust und Klimafolgen – doch die Runde folgt ihr nicht.
Handelsexperte Gerrit Heinemann versucht, das Black-Friday-Märchen zu entzaubern. „Der Black Friday ist Weihnachtsgeschäft, das gehört zusammen“, sagt er. Die durchschnittlichen Nachlässe seien inzwischen geschrumpft: „Im letzten Jahr waren die durchschnittlichen Reduzierungen drei Prozent, davor fünf Prozent und davor zehn Prozent. Der Black Friday hat ein Glaubwürdigkeitsproblem.“ Verbraucherschützer und Handelsverbände weisen seit Jahren darauf hin, dass vermeintliche „Knallerangebote“ oft nur geschicktes Repricing sind.
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Statt klarer Analyse folgen private Geständnisse. Klamroth erklärt: „Was mich öfter mal kriegt, ist, wenn da ein Countdown läuft.“ Tatjana Halm erklärt dazu „Dark Patterns“, also manipulative Designs, die Kundinnen und Kunden schneller zum Kauf bringen sollen. Gleichzeitig betont E-Commerce-Verbandschef Gero Furchheim, Online-Shopping ermögliche eigentlich eine „ruhige Entscheidung“ – und man sei durch das Widerrufsrecht zusätzlich geschützt.
In der Realität sieht das nüchterner aus: 2021 wird in Deutschland laut Universität Bamberg fast jedes vierte Paket im Onlinehandel zurückgeschickt – schätzungsweise 530 Millionen Retouren mit rund 1,3 Milliarden Artikeln. Von „ruhigen Entscheidungen“ kann da kaum die Rede sein.
Ein Beitrag über einen Händler, der Retouren blind kauft, zeigt die materielle Absurdität. Heinemann erklärt, Wiederverkauf lohne sich oft nicht. Furchheim nennt die steuerliche Hürde beim Spenden. Studien bestätigen: Genau diese Regel führt dazu, dass intakte Ware vernichtet wird.
Unangenehmer „Otto“-Moment: Noch Debatte oder schon PR?
An dieser Stelle greift der CDU-Abgeordnete Christoph Ploß ein und sagt, man müsse das ändern – es sei aber „komplex“. Zugleich betont er, er kaufe „wenn es geht, stationär ein“, um den Einzelhandel zu unterstützen. Furchheim fragt trocken, ob „vor Ort dann auch der Otto-Handel“ gemeint sei – schließlich vertritt er unter anderem diesen Konzern.
Was folgt, wirkt wie ein Schlenker in die PR-Abteilung: Erst lobt Ploß Otto, dann berichtet Künast begeistert von deren Transparenzprojekten. Klamroth muss stoppen: „Genug Werbung für Otto an dieser Stelle.“ Ein Moment, der zeigt, wie schnell die Runde in unangenehme Nebelzonen abrutscht.
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Der Wandel der Influencerin Bianca Heinicke aka. BibisBeautyPalace
Eine der wenigen frischen Perspektiven kommt von Influencerin Bianca Heinicke, die früher selbst für Shopping-Hauls stand. Der eingespielte Clip mit Tütenbergen ist ein Kontrast zu der Frau im Studio, die sachlich beschreibt, wie Rabattcodes Kaufimpulse verstärken. „Wir kaufen nicht, wenn wir etwas brauchen, sondern wenn wir denken, wir brauchen es“, sagt sie. Heinicke verweist auf Recherchen mit Greenpeace zu belasteten Shein-Produkten – ein Hinweis, der die ökologische Seite des Problems greifbar macht.

Beim Thema „Temu“ und „Shein“ verweist Christoph Ploß auf EU-Maßnahmen wie die abgeschaffte Zollfreigrenze. Gleichzeitig betont er, „der freie Handel darf nicht beeinträchtigt werden“. Was „faire Rahmenbedingungen“ konkret bedeuten, bleibt offen – nicht zuletzt, weil im Studio niemand sitzt, der die Umsetzung solcher Regeln erklären könnte.
Gegen Ende versucht Tatjana Halm, Referatsleiterin Recht und Digitales bei der Verbraucherzentrale Bayern, den Widerspruch zwischen Vernunft und Kaufimpulsen zu beschreiben: „Das ist einfach Menschsein.“ Furchheim ergänzt: „Wir dürfen Spaß haben beim Einkaufen. Wir müssen nachhaltige Entscheidungen treffen.“ Diese Aussage steht stellvertretend für die Gesamtsendung: richtig, aber richtungslos.



