Literatur

Sara Paretskys neuer Krimi „Kritische Masse“

Sara Paretsky

Sara Paretsky

Foto: INTERTOPICS

Endlich ist wieder ein Krimi von Sara Paretsky übersetzt worden, der Grand Old Lady des US-Krimis.

Es liegt natürlich an der aktuellen Politik hier bei uns, dass man Sara Paretsky fast mit Frau Merkel vergleichen möchte. Irgendwie, haben wir das Gefühl, war sie immer schon da – und hätte jetzt sehr wohl den Ruhestand verdient. Den US-Thriller in der Philip-Marlowe-Tradition hatte sie jedenfalls mit ruhiger Hand so energisch umgestaltet wie unsere Noch-Kanzlerin die Kohlsche Republik. Als ich 1992 erstmals einen Krimi mit ihrer ebenso „toughen“ wie sensiblen Dauerheldin V.I. Warshawski aus South Chicago las, war Paretsky längst eine Ikone des „Frauenkrimis“; mit Marcia Muller und Sue Grafton hatte sie seit den frühen 80ern den „weiblichen Thriller“ etabliert; damals war von einer „literarischen Revolution“ die Rede.

Aber hierzulande hatte man das Gefühl, Ms. Paretsky sei in Rente – weil seit zehn Jahren nichts mehr auf Deutsch erschienen war. Ob dem umsatzorientierten Piper Verlag ihr „old girls feminism“, wie man in den USA sagt, überholt schien? Tatsächlich sind aber dort im gewohnten Zweijahresrhythmus fünf neue Warshawski-Krimis erschienen, und dem Ariadne-Verlag kann man nur gratulieren, dass er mit „Kritische Masse“ (2013) einen besonders anspruchsvollen und spannenden publiziert hat. Für deutsche Fans ein ebenso fulminantes wie unerwartetes Comeback der einundsiebzigjährigen Autorin!

Es ist eine ziemlich verwickelte Story,: Einerseits muss V.I. oder „Vic“ (Victoria Iphigenia!) sich mit einheimischen Gangs, einem lokalen Internet-Unternehmer und sogar mit der „Homeland Security“ auseinandersetzen, also den arrogant-robusten Verfassungsschützern. Dabei zeigt sich, dass sie – trotz grauer Strähnen im schwarzen Haar noch fit, drahtig und draufgängerisch ist: Der Handkantenschlag, die Fußtritte dahin, wo es (Männern) besonders weh tut, das blitzschnelle Abrollen beim gegnerischen Angriff, alles sitzt noch.

In die neue Zwickmühle ist sie gekommen, weil sie sich auf Bitten einer alten Lady auf die Suche nach deren Enkel macht – Martin ist ein extrem begabter IT-Nerd, völlig spurenlos verschwunden (was ja heutzutage nicht so einfach ist) und im Besitz eines brisanten Dokuments, das die Verfolger ergattern wollen.

Das Papier führt weit zurück in die Vergangenheit, bis zu Martins Urgroßmutter Martina, die als geniale junge Forscherin in Wien lebte, als Jüdin nach 1936 für die Naziforschung (zur Atombombe) arbeiten musste und deren Lebensspur sich mit der Deportation in die Vernichtungslager verlor. Ihre Entdeckungen aber scheinen von höchster Brisanz für die Kernphysik bis hin zur heutigen Rüstungspolitik.

Wie das alles zusammenhängt, ist in der Kürze nicht zu erklären. Ms. Paretsky braucht schließlich fast 550 Seiten dafür! Aber es lohnt sich, die zu lesen. Das Thrillerhandwerk beherrscht sie wie eh und je, aber auch die Wissenschaftsgeschichte und die im Krimi besonders heiklen Themen Judenverfolgung und Holocaust integriert sie auf seriöse und kundige Art, schließlich ist sie eine studierte Historikerin. Es bleibt also dabei: Ein großartiges Comeback!

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