Oper

Premiere: Wagners „Rheingold“ am Musiktheater Gelsenkirchen

Zwerg in Damenbegleitung. Szene mit Alberich und den Rheintöchtern in der „Rheingold“ -Deutung am  Musiktheater im Revier.

Zwerg in Damenbegleitung. Szene mit Alberich und den Rheintöchtern in der „Rheingold“ -Deutung am Musiktheater im Revier.

Foto: Karl Forster

Gelsenkirchen.  Ein „Rheingold“ ohne den restlichen Nibelungenring gibt es seit Samstag in Gelsenkirchen. Das Konzept ist nicht ohne Schwäche.

Ob „Das Rheingold“, der Vorabend zu Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, wirklich derart ideale Voraussetzungen für eine isolierte Aufführung ohne Anschluss bietet, wie Intendant Michael Schulz zu glauben scheint: Den Beweis bleibt er am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier schuldig.

Man kann verstehen, dass er ein wenig vom Glanz seiner als „Weimarer Wunder“ hoch gelobten Produktion des „Rings“ vor zehn Jahren ins Revier hinüberretten will. Sinn ergibt es nicht, wenn schon „Das Rheingold“ die Tatsache zementiert, dass eine zyklische Poduktion mit dem derzeitigen Ensemble nicht zu realisieren wäre.

Ein überzeugendes Konzept darf man von einem „Vorabend“ nicht erwarten, wenn die eigentliche Handlung samt ihrer Konsequenzen ausgespart bleibt. So bleibt es bei einer originellen Bebilderung und der Konzentration auf die theatralischen, vor allem komödiantischen Aspekte des Stücks, das ja nur einen milden Vorgeschmack auf die Katastrophen ausstrahlt. Dass Bühnenbildnerin Heike Scheele die Szenen „Tiefe des Rheins“ und „Freien Gegend auf Bergeshöhen“ in die komfortablen, aber engen Abteile des historischen „Rheingold“-Express’ pfercht, zeigt dramaturgisch nicht den geringsten Sinn, es hemmt nur den Bewegungsradius der Sänger.

Wotan rollt in der Kohlenlore an: Das Musiktheater im Revier setzt im „Rheingold“ auch NRW-Akzente

Anspielungen an das Ende der Kohlezeit im Revier lässt das Szenario von Nibelheim erkennen, wenn die Götter in einer Zechen-Lore in Alberichs Reich rollen. Die Zukunft deuten Schulz und Heike Scheele durch projizierte digitale Leitungsströme an. Die feierliche Einweihung Walhalls mit winkenden Kindern und einem friedensbewegten Regenbogen setzt einen Kontrast zu den dunklen Prophezeiungen Loges, der aber ohne Fortsetzung bedeutungslos bleibt.

Die Neckereien der Rheintöchter mit Alberich, die Bruderkämpfe der Riesen sowie Mimes und Alberichs: All das kann Schulz natürlich souverän in Szene setzen. Für ein Werk mit der Aussagekraft des „Rings“ reicht das allerdings bei weitem nicht.

Auch musikalisch hält sich der Glanz bedeckt. Kapellmeister Giuliano Betta führt robust durch den Abend, tritt mitunter spannungshemmend auf die Bremse und hatte in der Premiere noch Probleme, den komplexen Orchesterapparat der Neuen Philharmonie Westfalen zusammenzuhalten, geschweige denn zu einem klanglich homogenen Körper zu schweißen.

Die sängerische Klasse im „Rheingold“ am „MiR“ reicht von Glanzleistung bis Fehlbesetzung.

Und die inhomogene Besetzung reichte von Glanzleistungen bis zu krassen Fehlbesetzungen. Grandios sangen und agierten Cornel Frey als Loge und Tobias Glagau als Mime, die ihre messerscharf charakterisierten Partien mit vorbildlicher Artikulation ausfüllten. Einen weiteren Höhepunkt lieferte Almuth Herbst in der Doppelrolle als Fricka und vor allem als beschwörende Erda mit ihrem balsamischen Timbre. Ausgewogen präsentierte sich auch das Rheintöchter-Trio mit Bele Kumberger, Lina Hoffmann und Boshana Milkov. Bastiaan Everink als Wotan fand stimmlich noch nicht zu einer runden Gesamtleistung. Starke Momente wechseln mit blassen, dünn tönenden Passagen ab. Viel zu wenig Volumen und Bassschwärze strahlen Joachim Gabriel Maaß als Fasolt und der undeutlich artikulierende Michael Heine als Fafner aus. Und der extrem hell timbrierte Bariton von Urban Malmberg rückt den Alberich in die Nähe einer Karikatur ohne jede bedrohliche Hintergründigkeit. Zufriedenstellend präsentieren sich Piotr Prochera als Donner, Khanyiso Gwenxane als Froh und Petra Schmidt als Freia, die in anderen Rollen freilich schon erheblich stärker überzeugen konnten.

Ein Experiment ohne Zukunftschancen. Das Publikum reagierte sehr differenziert auf die musikalischen Leitungen und empfing auch das szenische Team mit freundlichem Beifall, in den sich nur zaghafte Proteste mischten.

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Das Rheingold. Ca. 2:30h. Musiktheater im Revier. Die nächsten Aufführungen sind am 18., 24., 26. und 30. Mai sowie am 2., 9., 20. und 30. Juni. Tickets: www.musiktheater-im-revier.de und 0209-4097200.

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