Klavierfestival Ruhr

Pianistin Bashkirova: „Klassik light ist das Schlimmste“

Elena Bashkirova.

Elena Bashkirova.

Foto: Nikolaj Lund

Essen.  Das gerade eröffnete Klavierfestival Ruhr ehrt die Pianistin Elena Bashkirova. Ein Gespräch über Zwangsbeschallung, guten Klang und miesen Rap

Der Preis des am Donnerstag eröffneten Klavierfestivals geht in diesem Jahr an Elena Bashkirova. Die Pianistin, 1958 in Moskau geboren und den Konzertpodien an der Ruhr treu verbunden, lebt in Berlin. Dort hat ihr Mann, Daniel Barenboim, ja seinen festen Arbeitsplatz. Lars von der Gönna sprach mit der unprätentiösen Künstlerin über Freiheiten am Flügel, Gangster-Rap und: ihren Handy-Ton.

Frau Bashkirova, Sie waren so freundlich, mir Ihre Handynummer zu geben. Darf ich fragen, was Ihr Klingelton ist?

Bashkirova: Nur ein ganz klassisches „Rrrring“. Ich kann es nicht ausstehen, wenn aus den Handys klassische Melodien schallen. Leider passiert das sogar im eigenen Konzert (lacht). Es ist schlimm.

Ja, es ist schwierig geworden, der Dauer-Beschallung zu entkommen.

Und ob! Man zwingt uns pausenlos, irgendwelches Zeug zu hören, von der Boutique über den Fahrstuhl bis zur Flughafen-Toilette. Entschuldigen Sie, aber es ist eine Vergewaltigung für die Ohren der Menschen. Vor allem werden die Ohren sehr müde davon...

Da hilft es Ihnen auch nicht, wenn es sich um Klassik handelt?

Im Gegenteil, diese „Klassik light“ ist für mich das Schlimmste. Und man entkommt dem nicht. Gerade als Musiker ist es mir unmöglich, wegzuhören. Leider.

Als die große Opernsängerin Erna Berger einst eine Besucherin empfing, soll diese überrascht gesagt haben: „Bei dir herrscht ja Totenstille!“ Bergers Antwort war: „Nein, himmlische Ruhe!“

Ja, tatsächlich, das wünscht man sich absolut: eine Welt, die uns mit ausgeruhten Ohren ins Konzert gehen lässt. So, wie es jetzt ist, fällt es vielen Menschen ziemlich schwer, sich auf etwas zu konzentrieren, was wesentlich ist.

Zum Beispiel auf das Wunder Klang. Sie sagen, Klang in der Musik entstehe bei Ihnen im Gehirn...

Der Klang, den man in einem Konzert erzeugen will, muss man sich zunächst wirklich vorstellen. Die Frage, die für mich immer am Anfang steht ist: Was braucht dieses Stück? Was will ich da haben?

Geht es also nicht um richtig oder falsch, sondern nur um Ihren eigenen Weg zu Mozart oder Brahms?

Es gibt schon richtig und falsch: Das sind die Noten, der Rhythmus, das ist ja etwas ganz Objektives. Für mich ist das wie bei einem Gemälde. Die Komponisten geben uns den Rahmen. Und wenn wir den respektieren, dann kommt danach ein Ort großer Freiheit: das Bild. Hier – im Rahmen – kann ich Farben wählen, Balancen, Klänge. Da geht es um das, was zwischen den Noten steht. Ich empfinde das als totale Freiheit. Ohne Rahmen wäre das aber Chaos, Anarchie.

Sie machen sich rar mit Solo-Abenden, haben selbst einmal gesagt, man sei geradezu „nackt“, wenn man einen Abend allein spiele.

Allein zu spielen, das heißt: allein verantwortlich zu sein. Für sich! Für die Stücke! Und für das Publikum! Konzerte bringen eine ganz andere Ebene, das Adrenalin, der Raum, das Publikum. Dazu gehört auch das Risiko, etwas unwiderruflich falsch zu machen. Aber es kommt zugleich bestenfalls eine Energie auf, die man als Musiker nirgends sonst spüren kann.

Sie sind in Moskau geboren, leiten ein Festival in Jerusalem. Haben Sie an solchen Orten Musik auch als Fluchtpunkt erlebt?

Manche finden tatsächlich dort einen Schutz. In unseren Konzerten in Jerusalem ist eine Atmosphäre wie in einem Heiligtum. Kunst und Künstler sin din totalitären Systemen für die normalen Leute etwas besonders Kostbares. Für die Bevölkerung, etwa in der alten Sowjetunion, war Kunst, Musik, Literatur eine moralische und seelische Unterstützung. In Russland ist das inzwischen so kaum noch zu finden.

Ihr Sohn David war viele Jahre Rap-Produzent. Haben Sie daheim die Echo-Krise um Kollegah und Farid Bang diskutiert?

Gottseidank produziert mein Sohn schon länger keinen Rap mehr, er wollte aus dieser Szene weg. Ich glaube, er hatte die Ratten früh gerochen.

Geht es Ihrer Meinung in der Sache wirklich um Kunstfreiheit?

Vor allem fehlt guter Geschmack. Aber beim Echo geht es ja nur um Quantität, nicht um Qualität. Mich irritiert viel mehr, dass wir den billigen Provokationen dieser Typen so großen Raum bieten. Das genau wollen sie doch. Man soll sie ignorieren. Dann sind sie ganz klein.

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