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Neu in Dortmund: Maxa Zoller leitet das Frauenfilmfestival

„Ich möchte nicht allein im Kinosaal sitzen“: Maxa Zoller, hier in Dortmunds Schauburg, macht trotzdem ein anspruchsvolles Programm.

„Ich möchte nicht allein im Kinosaal sitzen“: Maxa Zoller, hier in Dortmunds Schauburg, macht trotzdem ein anspruchsvolles Programm.

Foto: Ralf Rottmann

Dortmund.   Maxa Zoller (44) ist neue Leiterin des Frauenfilmfestivals – und hält Gleichberechtigung für ein Trugbild. Ein Porträt.

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel! Es passt zu Maxa Zoller, diesen kultig-kitschigen Prinzessinentraum als ersten prägenden Film ihres Lebens zu nennen: Die neue Leiterin des Frauenfilmfestivals kennt weder Tabus noch Dünkel. Und wenn sie dann von den Haselnüssen, die nach Weihnachten und Kindheit duften, schnell bei der Belgierin Chantal Akermann ist, bei ihrem Siebenstunden-Experiment „Jeanne Dielman“, dann zeichnet dieser cineastisch-künstlerische Sprung zugleich einen erstaunlichen Lebensweg nach: von einem kleinen Eifeldorf über London und Kairo hin zu Deutschlands wichtigstem feministischen Filmfestival.

Aufgewachsen ist Maxa Zoller in der Eifel

Kirchsahr, so hieß das Eifeldorf. „Es gab zwei Nachnamen dort“, erinnert sich Maxa Zoller – und dann gab es noch sie, die Zugezogenen. Der Vater stammte aus Jena, ein Anwalt, die Mutter war adelig. Es war die Zeit, in der es die Intellektuellen aufs Land zog, in die Natur. Für Maxa und ihre drei jüngeren Schwestern aber bedeutete das, isoliert aufzuwachsen: „Ich habe mich dort nie heimisch gefühlt, sondern mir einen abstrakten Raum gesucht – das war die Kunst.“ Vermittelt wurde diese frühe Leidenschaft durch den Vater: „Wie er zu mir sagte, ,Dieser Dürer, das ist etwas ganz Besonderes!’ – das werde ich nie vergessen. So emotional war er sonst nie.“

Studien in Freiburg und Berlin führten Maxa Zoller schließlich nach London. Das Kunststudium fiel in jene Zeit, in der der Film die Galerien eroberte: „Hitchcock auf fünf Wänden dekonstruiert oder architektonische Räume mehrfach aufgefächert – das war ein so anderes, sensorisches Kunsterlebnis.“

Geprägt von Godard und Claire Denis

Der experimentelle Film wurde zur persönlichen Herausforderung, und so gelangt das Kölner Ehepaar Birgit und Wilhelm Hein – neben den frühen Werken von Godard oder Claire Denis – in den Zoller’schen Kanon: „Das war eine Herausforderung, den Film zu schaffen. Eine halbe Stunde lang auf ein einziges Bild zu schauen, das muss man mal durchstehen!“ Heute nennt Zoller das „Film-Terrorismus, rotzig und trotzig“.

Nicht terroristisch, aber doch kompromisslos kommt Zollers erstes Programm beim Frauenfilmfestival daher, das den Titel „Bilderfallen“ trägt: „Jeder Film möchte etwas ganz Präzises erzählen, auf präzise Art und Weise. Die Filme führen aufs Glatteis, zwingen zum Hinschauen – wenn man sich zu sehr zurücklehnt, schnappt die Falle zu und am Ende steht man klein da.“ Aktive Zuschauerinnen und Zuschauer wünscht sich die 44-Jährige. Fürchtet sie nicht, dass die Kompromisslosigkeit zu Besucherschwund führen könnte? „Nein. Ich bin im Grunde eine rheinische Frohnatur und möchte auch nicht alleine im Kinosaal sitzen.“

Von Kairo zurück nach Deutschland

Dass sie überhaupt wieder in einem deutschen Kinosaal sitzt, die Festivalleitung angenommen hat – das ist nicht nur der Freude an der Herausforderung, sondern auch der „unerträglichen Situation“ in Kairo geschuldet. Der Liebe halber ist sie dorthin gezogen, aber: „In einem postrevolutionären Land zu leben, das vom Abstieg geprägt ist, das heißt, Krisen auf allen Gebieten zu erleben.“ Ihre beiden Söhne, drei und fünf, hat sie mitgenommen nach Deutschland; seit zwei Wochen ist auch ihr Ehemann hier – in Kairo war er Schauspieler, hier „muss er Deutsch lernen“ und über einen Lebensplan B nachdenken.

Wenn man aus einem Land wie Ägypten kommt, scheint da Deutschland als eine Gesellschaft, die ein Frauenfilmfestival überhaupt nötig hat? „Ich hätte nie gedacht, wie wichtig dieses Festival noch ist! Es sieht ja nur auf den ersten Blick so aus, als sei die Gesellschaft gleichberechtigt – genau das ist die Falle.“ Das gilt auch in der Filmbranche, bis hin zu jenen Werken, die kommende Generationen prägen: „Die Zeichentrickfilme, die unsere Kinder schauen: 80 Prozent aller Helden, Schwämme mit einbezogen, sind männlich. Und die Mädchen haben eine Taille, die anatomisch gar nicht möglich ist.“

Deutschland, die Bilderfalle.

Würden Sie sich etwa Feministin nennen, Frau Zoller? Sie zögert keine Sekunde: „Ja, natürlich. Wie soll man es sonst machen?“

Das Programm: „Täuschung, Tarnung, Maskerade“

Acht internationale Filme stehen im Wettbewerb um den Regiepreis: Darunter eine Zombie-Satiren („Endzeit“ von Carolina Hellsgard), ein Psychodrama („Der Boden unter den Füßen“ von Marie Kreutzer), ein Tanzfilm („The Beast in the Jungle“ von Clara van Gool) oder ein Roadmovie („Wajib“, Annemarie Jacir).

Das Rahmenprogramm wird eröffnet von Anais Cauras Animationsfilm „The man woman case“ über eine Transgender-Person. Mala Reinhardts Film „Der zweite Anschlag“ dreht sich um den Anschlag von Mölln – und das Schweigen danach.

Außerdem: Amateurfilme aus dem Ruhrgebiet der 50er bis 80er Jahre, fünf Kurzfilmprogramme, darunter eines über weibliche Stars in der Grime- und HipHop-Szene, flankiert von einem Konzert mit der Dortmunderin TriXstar. Das Kinderprogramm gibt es diesmal auch am Wochenende, für die ganze Familie.

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