Theater

Minna von Barnhelm mit Tschingderassa

Foto: Sebastian Hoppe

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Düsseldorf. Intendantin Amélie Niermeyer zeigt am Düsseldorfer Schauspielhaus zum Spielzeitauftakt Lessing, wie er nicht im Buche steht: mit Geschrei, Geschubse und einer hinreißenden Blaskapelle.

Wer heute "Minna von Barnhelm" auf die Bühne bringt, muss Mut haben oder eine starke Idee. Mut hat die Intendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses genug; die Idee hätte schärfere Konturen haben dürfen. Aber Amélie Niermeyers Minna ist ein respektables Stück Regietheater (falls man sowas nicht grundsätzlich zu Teufelszeug erklärt), sie krempelt Lessing auf links und das Bühnenbild macht eindrucksvoll mit: Wände zeigen ihre Rückseite oder werden um ihre Achse gedreht, und man erkennt, dass sie eine andere Dimension haben als gedacht. So wird sinnlich illustriert, was das Stück erzählt: wie Dinge sich verändern unter neuen Blickwinkeln, wie Liebe an Vernunft gemessen wird und der Edelmut des Major Tellheim kleingeistig, selbstverliebt und inhuman wird. Das ist ziemlich stark und kann vor Lessing unbedingt bestehen; warum allerdings Fritz Schediwy als Wirt Grillwürstchen hereinträgt, die keiner isst – es will sich nicht recht erschließen.

Gerupft, zerhackt und zeitgeistig aufgemotzt

Schediwy ist göttlich. Strizzihaft, schmierig, lärmend. Eine Karikatur. Das ist die größte Leistung dieser Inszenierung – dass ohne jedes Video, allein durch glänzendes Spiel und die hinreißende Gerresheimer Blaskapelle die Bühne sich öffnet für andere Medien, für Comedy und Slapstick.

Am Anfang steht Fritz Schediwy allein und trinkt etwas aus einem Becher, das womöglich kein Kaffee ist. Er pöbelt in Richtung Hinterbühne, wo die Bläser etwas Träges spielen: „Ich erwarte Damenbesuch, Mensch Meier, das ist ja nicht auszuhalten.” Da ahnt der Zuschauer, dass er keinen konventionellen Lessing bekommt. Aber obwohl der Text gerupft, zerhackt und zeitgeistig aufgemotzt ist, bleibt er dem Autor treu.

Gefühle, die sich nur aus sich selbst heraus erklären

Da ist das Fräulein von Barnhelm, das seinen Verlobten sucht; der geht ihr aus dem Weg, weil er unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Wie sie ihn findet und mit ihm um Prinzipien ringt; wie Tellheim die Ehre über alles stellt und Minna die Liebe – beides Gefühle, die sich nur aus sich selbst heraus erklären – wie die Liebe siegt, aber die Ehre auch, denn Tellheim lässt sich weismachen, Minna wäre enterbt, da will er sie natürlich wieder: Das ist eine Geschichte mit 100 Verwirrungen. Amélie Niermeyer zeigt nur soviel davon, wie nötig ist, um das Chaos sichtbar zu machen, den Rest besorgen Gerenne, Geschubse, Prügel, Schreierei und die Gerresheimer Bläser.

Und es ist gut so. Denn bei aller Albernheit hat das Spiel Dichte, es öffnet Ebenen sinnlichen Verstehens. Der Tellheim von Stefan Kaminsky ist arrogant und wild in seiner Ehrpusseligkeit und Katrin Rövers Minna so rechthaberisch wie er; sie hängt sich an ihn, er schleift sie auf dem Boden mit, und plötzlich entsteht aus dem derben Spiel etwas Ergreifendes. Da macht es sogar Sinn, dass Minna in verwirrter Verzweiflung den Wirt küsst, und Tellheim: küsst ihn auch. Später sitzt sie verloren auf der Bühne und ruft: „Tellheim? Tellheim!” Das ist schön, das ist surreal, das sieht Lessing mit neuen Augen.

Und – darf Theater das? Theater darf alles, was zum Denken verführt, die Kunst ist frei und beugt sich keinem Verbot. Und der Regisseur ist ein Künstler, kein Diener.

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