KINO

In Opel-Doku „Luft zum Atmen“ mischen sich Wehmut und Zorn

Der Film „Luft zum Atmen“ erinnert mit Interviews, Archivmaterial und Ausschnitten aus Fernsehsendungen daran, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre nicht alternativlos waren.

Der Film „Luft zum Atmen“ erinnert mit Interviews, Archivmaterial und Ausschnitten aus Fernsehsendungen daran, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre nicht alternativlos waren.

Foto: Handout

Essen.   Arbeitskampf zum Angucken: Johanna Schellhagens neuer Film „Luft zum Atmen“ beleuchtet Hintergründe des Niedergangs von Opel in Bochum.

Wie die oppositionellen Gewerkschaftler, die sie in „Luft zum Atmen“ porträtiert, denkt auch die Dokumentarfilmemacherin Johanna Schellhagen in größeren Zusammenhängen. Ihr Blick konzentriert sich zwar auf die 1972 in den Bochumer Opel-Werken gegründete „Gruppe oppositioneller Gewerkschaftler“, kurz GoG. Aber die Geschichte, die sie erzählt, weitet sich zu einem gesellschaftlichen und politischen Panorama, das von einer Verschiebung der Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern erzählt.

Die Ära des Wirtschaftswunders war in den frühen 1970er-Jahren schon Geschichte. Mitte der 60er hatte eine erste leichte Krise die westdeutsche Wirtschaft erfasst. Aber ihre Auswirkungen waren schnell überwunden. Und so fielen die marxistisch-leninistischen Ideen der 68er-Bewegung in einigen Großbetrieben auf fruchtbaren Boden. Während die großen Gewerkschaften vor allem für Lohnerhöhungen kämpften, dachten einige Arbeiter mit den Studenten über grundsätzliche Veränderungen nach. Das kapitalistische System schien angreifbar. Schließlich verfügten die Arbeiter über relativ viel Macht. Schon kleine Streiks konnten die Arbeitgeber zu Zugeständnissen bewegen.

Fokus auf die direkte Basisarbeit

Vor diesem Hintergrund bildete sich 1972 die GoG, die von Anfang an von außerbetrieblichen Sympathisanten unterstützt wurde. Anders als die IG Metall, die für die Arbeiter an den Fließbändern kaum zu erreichen war und in Verhandlungen meist auf eine Kooperation mit dem „General Motors“-Konzern setzte, legten die oppositionellen Gewerkschafter ihren Fokus auf die direkte Basisarbeit und politischen Diskurs. So erlangte die GoG bei den Betriebsratswahlen 1975 ein Drittel der Stimmen.

Wenn ehemalige GoG-Mitglieder und -Sympathisanten in Johanna Schellhagens Film über diesen und andere Erfolge sprechen, vermischen sich Wehmut und Zorn. Obwohl „Luft zum Atmen“ auf den ersten Blick vor allem den Niedergang des Bochumer Opel-Werks dokumentiert, in dem einmal mehr als 20.000 Menschen gearbeitet haben, geht von dieser Dokumentation etwas Kämpferisches aus. Die Interviews, die Schellhagen geschickt durch Archivmaterial und Ausschnitte aus älteren Fernsehsendungen ergänzt, erinnern daran, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre nicht alternativlos waren.

Kräfteverhältnis zugunsten der Arbeiter

Der radikale Internationalismus der GoG, deren Vertreter versuchten, europäische Netzwerke mit den Arbeitern anderer GM-Werke in Spanien, Frankreich und England aufzubauen, hätte das Kräfteverhältnis durchaus zugunsten der Arbeiter verschieben können.

Aber die großen Visionen der GoG sind an dem nationalistischen Denken einer Gewerkschaft wie der IG Metall gescheitert. Der global agierende Konzern konnte die Belegschaften der einzelnen Werke immer wieder gegeneinander ausspielen, weil sich die Arbeiter nicht über Grenzen hinweg zusammengeschlossen haben. Dabei liegt in der Globalisierung eben auch, und daran lässt Johanna Schellhagen nicht den geringsten Zweifel, eine enorme Chance für die Arbeiter. Ein Streik in einem einzelnen Werk kann die Produktion in ganz Europa zum Erliegen bringen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben