Theater

Im Dortmunder Schauspiel kommt die SPD auf den Seziertisch

Das Ensemble und der  Männergesangverein Harmonie von der Zeche Victoria in Lünen: „Unsere Herzkammer" - eine musikalische Erinnerung von Rainald Grebe am Schauspielaus Dortmund. 

Das Ensemble und der Männergesangverein Harmonie von der Zeche Victoria in Lünen: „Unsere Herzkammer" - eine musikalische Erinnerung von Rainald Grebe am Schauspielaus Dortmund. 

Foto: Birgit Hupfeld

Dortmund.   Rainald Grebes Titel „Unsere Herzkammer“ lässt eine bestellte Geburtstagsrevue befürchten. Doch die Musik macht die bittertragische Lage der SPD.

Der Titel „Unsere Herzkammer“ lässt eine bestellte Geburtstagsrevue befürchten, zumal es ja um „150 Jahre SPD Dortmund“ gehen soll. Doch die „musikalische Erinnerung“, die der Kabarettist und Liedermacher Rainald Grebe da mit dem Ensemble des Dortmunder Schauspiels auf die Bühne geschmettert hat, fängt nur so an – am Ende wird die bittertragische Lage der „guten alten Tante“ SPD ebenso gnadenlos klarsichtig wie hochmusikalisch seziert sein. Sie fährt sogar, symbolisch, ins Grab. Und bleibt doch, tapfer, weiter da. Und müsste gar, so scheint es kurz einmal auf, nicht untergehn...

Dass der Dortmunder Ortsverein des ADAV, der sich kurz darauf in SPD umbenennt, vom Schneidergesellen (!) Joseph Bönsch in der Gastwirtschaft Albert Ernst am Ostwall gegründet wurde, ist genau genommen schon 151 Jahre her. Aber so authentisch verstaubt, wie Jürgen Lier die Bühne als Kneipenhinterzimmersaal eingerichtet hat (Tischreihen, roter Samtvorhang über Holzpaneelverkleidung an den Wänden mit einem einzigen, winzigen Fenster so weit oben, dass niemand eine Aussicht haben kann), ist das Zuspätkommen schon wieder Programm.

Andrea Nahles, Franz Müntefering und Jörg Hartmann

Es beginnt wie befürchtet, also wie der Jubiläumsabend einer Partei mit eingefahrenen Ritualen aus der Jugend der alten Bundesrepublik. Anke Zillich führt mit wunderbar ranschmeißerisch-bodennaher Revier-Grandezza als Mischung aus Parteisekretärin und Unterbezirksbetriebsnudel durch das Programm. Nachdem sie fast fünf Dutzend Dortmunder Ortsvereinsvorsitzende namentlich begrüßt hat, setzt sie kurz dazu an, auch noch deren Stellvertreter... – nein, das war nur Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, wie so vieles an diesem Abend.

Der wird, anders als so manche Parteijubiläumsfeier, dann doch nicht vier Stunden dauern wie zwischendurch angedroht. Trotz der Video-Grußworte, etwa von der amtierenden Vorsitzenden Andrea Nahles, SPD-Legende Franz Müntefering und, kleiner Scherz muss sein, „Tatort“-Darsteller Jörg Hartmann.

Rosa Luxemburg, Gerhard Schröder, Rudolf Drabig

Anfangs bleibt die Revue noch recht dortmunderisch, mit einer grandiosen Parodie des Dortmunder SPD-Oberbürgermeisters Ullrich Sierau von Andreas Beck und einer hochnotkomischen Ortsvereins-Chronik, in der weder Rosa Luxemburg, Willy Brandt und Gerhard Schröder fehlen, noch örtliche Parteigranden wie Günter Samtlebe oder Rudolf Drabig (und sein post-skandalöser Aufstieg zum Chef der RWE-Immobiliensparte). Und die Jubilarehrung hat exakt den nonsensnahen Zungenschlag, wie man ihn kennt: „70 Jahre für diese Partei, das gibt es nur in der SPD.“

Lassalle, Schumacher, Willy Brandt und Martin Schulz

Doch dann weitet sich das musikalisch-theatrale Objektiv immer mehr und nimmt die Geschichte der gesamten deutschen Sozialdemokratie in den Blick, aus dem Kühlfach eines Leichenschauhauses werden Ferdinand Lassalle, Kurt Schumacher und Willy Brandt (samt Zitat aus der natürlich in Dortmund uraufgeführten Oper „Der Kniefall von Warschau“) auftauchen, der kometöse Kurzzeit-Überflieger Martin Schulz schwebt kurz durch den Bühnenhimmel, da waren die Eierwärmer und ein 14-teiliges Tassenset der Kanzlerkandidaten aus dem SPD-Shop schon längst im Angebot... Vermessen wird aber auch zentimetergenau die lebensbedrohliche Zerrissenheit der Partei zwischen unfreiwilliger AfD-Nähe und einem Millionenheer von Proletariern 2.0 in prekären Arbeitsverhältnissen, das vielleicht nur von den überkommenen, eingefahrenen Parteimechanismen abgeschreckt wird. Ein kurzer Moment der desillusionierten Ermutigung.

Musikalisch ist der Abend grandios, vom roten Volkslied („Die Gedanken sind frei“) über Hanns Eislers „Einheitsfrontlied“ bis zum nur halb ironischen Foyer-des-Arts-Chanson „Sing mir ein kleines Arbeiterkampflied“ gerät alles durchweg stimmig. Zumal mit dem Chor der Dortmunder Tafel, den es ohne Hartz IV vielleicht gar nicht gäbe und der erst einen anrührend-aufrührerischen Choral des Bach-Vorläufers Heinrich Schütz anstimmt („Ihr ungerechten Herren wisst, / das ihr der Armen Dulden / doch einmal bitter büßen müsst / als euer eigen Schulden.“) und dann die vertonte Charta der Menschenrechte. Hinzu kommt der Männergesangverein Harmonie von der Zeche Victoria in Lünen mit lauter alten Knappen in Uniform, die blitzsauber gesungenes Bergarbeiterliedgut beisteuern; die als „Mosche Stollstein-Selection“ firmierende Band unter der Leitung von Jens-Karsten Stoll sorgt für die nötige Feinarbeit nach Noten zwischendurch.

Rauschender Beifall und Jubel für Kurzweil und Politik

Der kurzweilige, pausenlose Zweieinhalb-Stunden-Abend, der in der zweiten Halbzeit ordentlich Fahrt aufnimmt, aber zum Ende hin noch ein wenig Straffung vertragen könnte, erntete rauschenden, kaum enden wollenden Beifall mit Extra-Jubel für das Regie-Team.

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