Fotografie

Foto-Ausstellung zeigt: Der Wandel im Ruhrgebiet ist uralt

Joachim Brohm: Essen 1981.

Foto: Joachim Brohm

Joachim Brohm: Essen 1981.

Bochum.   Die Foto-Ausstellung „Umbrüche“ in Bochum lässt eine Epoche Revue passieren. Bilder von Holtappel, den Bechers, Brohm und Hanzlová.

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Wahrscheinlich bräuchte das Ruhrgebiet keinen Cent Subventionen mehr, wenn es jedes Mal einen Euro bekommen hätte, sobald das Gummiwort vom „Strukturwandel“ fiel. Das, was mit der Schließung der letzten Ruhrgebietszeche im kommenden Jahr einen vielfach angestimmten Schlussakkord bekommen wird, begann eigentlich schon vor sechzig Jahren, mit ersten Feierschichten für Bergleute, denen Gruben- und Stahlwerksschließungen beinahe im Jahrestakt folgen sollten.

Eine wirklich sehenswerte Fotografie-Ausstellung im Bochumer „Museum unter Tage“ geht nun der Frage nach, welche Spuren die gewaltige Veränderung im Alltag der Menschen hinterlassen hat. Schon der Ausstellungstitel „Umbrüche“ erzählt davon, dass die soziale Abfederung des Industrie-Rückbaus längst nicht alle Tode und Schrecken polstern konnte – und dass der Wandel längst nicht immer Ersatz für das Verlorene brachte oder gar eine Verbesserung.

Von der Kumpel-Demobis zur Trinkhallen-Wildnis

Es beginnt mit den grandiosen Schwarz-Weiß-Bildern von Rudolf Holtappel (1923-2013), dessen Witwe Herta der Stiftung „Situation Kunst“ als Betreiberin des Museums unter Tage ein umfangreiches Konvolut mit Revier-Fotografien geschenkt hat. Ende der 50er-Jahre einsetzend, fotografierte Holtappel den Ruhrgebietsalltag zwischen himmelschwärzendem, strauchtötenden Sinterqualm und Schicht-Ende, zwischen Freiluft-Skatrunden und kohleschippenden Blagen.

Jenseits der Revier-Dokumentation von Kumpel-Demo bis Trinkhallen-Wildnis ist hier ein atemverschlagend guter Lichtbildner zu studieren, der mit der Grafik von Licht und Schatten, mit (relativ kleinen) Formaten virtuos umzugehen verstand und in einem Bild wie „Die letzte Schicht“ nicht den einzigen Gipfel der Foto-Kunst erreichte, auf dem die Welt auf dem Kopf steht, der Zeche-Förderturm sich in der ebenso glasklaren wie industriell verschmuddelten Pfütze spiegelt und der Mensch fast nur noch ein Schatten seiner selbst ist, bis auf die Beine auf der Erde, mit denen er immerhin noch steht.

Industrielandschaften zeigen auch die Fotografien, die Bernd und Hilla Becher von der Gutehoffnungshütte in Oberhausen anfertigten – wo sie sonst doch eher Industrie als Landschaft einfingen und eher an Fabrik- und Zechen-Typen als am Einzelfall interessiert waren, gerät hier nun öfter, wie aus Versehen, die Umgebung in den Blick, Halden und sogar Schrebergärten im Schatten der Hütte. Die Serie stammt aus dem Archiv des Rheinischen Industriemuseums.

Das Malerische in der Ödnis,die struppige Schönheit im Detail

Farb-Fotografien von Joachim Brohm (aus den 80er-Jahren) und Jitka Hanzlová (aus den letzten zwei Jahrzehnten) runden das Bild der Ausstellung. Schon die fahlen Farben auf Brohms Bildern vom ruhrgebietlichen Irgendwo im Nirgendwo zeugen von einem Verlust an Charakteristik, der das Revier mehr und mehr so aussehen lässt, wie eine Folkwang-Ausstellung schon in den 80er-Jahren überschrieben war: „Endlich so wie überall“. Damals stand noch ein Fragezeichen hinter dem Titel.

Jitka Hanzlovás Bilder wiederum, die nicht selten die Aura eines Gemäldes entfalten, suchen die Eigenheit, das Malerische in der Ödnis, die struppige Schönheit, die im Detail liegen kann. Nicht nur, aber auch und ganz besonders im Revier.

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