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"Anne Will": Warum sich Sahra Wagenknecht nicht impfen lässt

| Lesedauer: 7 Minuten
Sahra Wagenknecht (Die Linke) erklärt bei "Anne Will", warum sie sich noch nicht impfen lassen will.

Sahra Wagenknecht (Die Linke) erklärt bei "Anne Will", warum sie sich noch nicht impfen lassen will.

Foto: NDR/Wolfgang Borrs

Berlin.  Bei Anne Will gab Sahra Wagenknecht zu, nicht geimpft zu sein. Die Linken-Politikerin verteidigte sich mit widerlegbaren Argumenten.

Sahra Wagenknecht ist noch nicht geimpft. Und obwohl sie wohl gerade deshalb bei „Anne Will“ eingeladen war, bestand sie doch darauf, diese Entscheidung nicht öffentlich begründen zu müssen. „Wer sich impfen lässt, schützt sich in erster Linie selbst“, argumentierte sie stattdessen, „man sollte das nicht moralisch als einen Akt der Solidarität aufblasen“.

Wenn das Gesundheitssystem unter der Corona-Lage jetzt kollabiere, dann „weil es über Jahre kaputtgespart worden ist“, behauptete die Linken-Politikerin dazu: 4500 Intensiv-Betten waren im Vergleich zum Vorjahr wieder weggefallen, weil es nicht genug Pflegekräfte gab, sie zu versorgen. Die Löhne waren immer noch zu niedrig. „Nix wird gegen den Pflegenotstand getan.“

Tatsächlich sei die Lage wieder besorgniserregend, stellte Anne Will ihr Thema an diesem Sonntag vor: Im zweiten Corona-Herbst liefen die Krankenhäuser voll. Mit aktuell 25.000 lag die Zahl der Neuinfektionen pro Tag über der Zahl vor einem Jahr, ebenso stieg die Zahl der Covid-19-Toten. „Darf man ungestraft ungeimpft sein?“, wollte sie von ihren vier Talkgästen wissen. Und erhielt als Antwort das volle Spektrum an Meinungen in einer moralisch aufgeheizten Debatte.

"Anne Will" - Das waren die Gäste

  • Karl Lauterbach (SPD): Mitglied des Deutschen Bundestages, Gesundheitsökonom und Epidemiologe
  • Marco Buschmann (FDP): Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke): Mitglied des Deutschen Bundestages
  • Christina Berndt: Wissenschaftsredakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“

Wie Bayern-Star Joshua Kimmich traute auch Sahra Wagenknecht den neuartigen Impfstoffen nicht. Man wisse noch zu wenig über die Langzeitfolgen, erklärte sie. Auch Geimpfte könnten andere infizieren. Häufige Impfdurchbrüche zeigten außerdem, dass der Schutz nicht so zuverlässig sei wie behauptet. Und überhaupt, gefährdet durch schwere Verläufe seien doch vor allem die Älteren und Vorerkrankten – deshalb habe sich ihr 78-jähriger Mann, Oskar Lafontaine, impfen lassen, sie aber mit erst 50 nicht.

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Ungeimpfte wollen meist ungeimpft bleiben

Wenn es allerdings einen in Deutschland zugelassenen Impfstoff geben würde, gab sie bei „Anne Will“ zu, wie den aus China, hergestellt auf traditioneller Basis mit lebenden Sars-Cov-2-Virenmaterial – dann würde auch sie sich piksen lassen. „Ich will keine Werbung gegen die Impfung machen“, betonte sie. Nur sollte eben jeder selbst abwägen, wie groß sein Risiko sei, schwer an Corona zu erkranken.

Ihre vermeintlichen Argumente waren nicht neu. Von den rund 30 Prozent der Bevölkerung, die sich in Deutschland bisher noch nicht hatten impfen lassen, teilten 83 Prozent ihre Ängste vor eventuellen Impf-Spätschäden. Noch mehr – auch das hatte vor wenigen Tagen eine Forsa-Umfrage ergeben – hatten nicht vor, sich in naher Zukunft davon überzeugen zu lassen: 88 Prozent.

Die publikumswirksame Wirkung ihrer Meinung vorausahnend, rutschte denn auch Karl Lauterbach (SPD) nervös auf seinem Sessel herum, um schnellstmöglich die „Räuberpistolen, die auf dem Tisch lagen“, wieder einzusammeln: Die mRNA-Impfstoffe seien absolut sicher, widersprach er, zitierte Spezialisten aus Harvard und Yale und erläuterte mit Engelsgeduld und einfachsten Worten die Wirkweise der unterschiedlichen Präparate – mRNA- wie bei BioNTech und Vektor-Impfstoff wie bei AstraZeneca.

„Wir verschweigen hier nichts“, beteuerte er. Zwar könnten sich auch Geimpfte noch infizieren, sie gäben das Virus aber zehnmal seltener weiter, weil ihre Viruslast nicht so „lebendig“ sei. Und ein nicht unerheblicher Prozentsatz der 30-Jährigen, die erkrankten – „fünf Prozent, wenn man niedrig rechnet“ – leide an Long Covid. Gerade hatte Lauterbach eine Petition von 50.000 Betroffenen entgegengenommen: „Wir wissen nicht, ob das weggeht“, warnte er.

Wenn Sahra Wagenknecht aber lieber auf einen Protein-Wirkstoff nach traditionellem Prinzip setze, wie er gerade von Sanofi bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) zur Zulassung eingereicht worden war, sei das Impfrisiko weit höher – denn da würden die Ergebnisse von nur 30.000 Studien-Probanden gegen die Erfahrung von 500 Millionen mRNA-Geimpfter stehen, bei denen Nebenwirkungen in sehr geringem Ausmaß und binnen weniger Wochen aufgetreten waren. „Ich würde nicht auf einen Protein-Impfstoff warten und die Leute verunsichern.“

Booster-Impfung und 2G als „Königsweg“

Dann warb er für eine Auffrischung durch eine Booster-Impfung für die Über-70-Jährigen, noch mehr aber für eine 2G-Reglung bei Veranstaltungen als „Königsweg“ – wie sie in Österreich seit diesem Montag sogar am Arbeitsplatz gelten soll.

„Viel mehr Möglichkeiten haben wir nicht mehr“, erläuterte der Gesundheitsexperte und Epidemiologe die Maßnahmen, um die exponentielle Infektionsentwicklung wieder zu stoppen. „Wir können die Ungeimpften nicht sich selbst überlassen, weil wir für jeden Ungeimpften, der auf die Intensivstation kommt, eine andere dringende Operation verschieben müssen.“

Auch Christina Berndt, Wissenschaftsredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“, die sich seit fast zwei Jahren mit nichts anderem mehr beschäftigt als mit Corona-Studien, attestierte der Linken-Politikerin eine „Verdrehung der Tatsachen“: „Nur weil wir so viele Ungeimpfte haben, haben wir jetzt so viele Probleme“, erklärte sie.

Auf den Intensivstationen lagen nur zu 25 Prozent Geimpfte, zumeist hochbetagte Vorerkrankte. Der Anteil an Ungeimpften war weit höher. Zudem belegte jüngere Patienten viel länger die Intensivstationen als die Älteren. „Sie tun so, als wenn die Intensiv-Betten abgebaut worden wären, um die Situation zu verschärfen“, ärgerte sie sich. Dieser Eindruck war falsch, das Personal fiel wegen Erschöpfung aus.

Ende der Corona-Maßnahmen im März?

Trotzdem wollen die Ampel-Koalitionäre die „epidemische Lage von nationaler Tragweite“, die einer Bundesregierung erlaubt, zentrale Maßnahmen zu beschließen, auslaufen lassen, bemerkte Anne Will skeptisch dann noch zum Schluss der lebhaften Diskussion. Prominent in der Bundespressekonferenz platziert, hatten sie vergangene Woche sogar versprochen, spätestens zum 20. März alle Corona-Maßnahmen aufzuheben. Wie ging das zusammen?

Dafür saß Marco Buschmann in der Runde. Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion beeilte sich zu erklären, dass nur das „juristische Konstrukt“ der Pandemie-Bekämpfung zum 24. November, nicht aber die Pandemie selbst beendet würde. „Das Parlament bekommt wieder das Recht zurück, über die notwendigen Maßnahmen zu entscheiden“, erklärte er.

So liberal, wie eben nur ein Liberaler argumentieren kann, hielt er sich bei der medizinischen Einschätzung zurück, hielt aber wenig von 2G oder 3G, da seiner Meinung nach beide Regelungen Sicherheit nur vorgaukelten. Und erst recht hielt er nichts davon, Impf-Unwillige unter Druck zu setzen oder zu beschimpfen. Stattdessen appellierte er an den „gesunden Menschenverstand“ und an Eigenverantwortung: „Sie müssen nicht mir glauben oder Karl Lauterbach, wenn Sie Sorge wegen des Impfstoffs haben – reden Sie mit Ihrem Hausarzt.“

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