Klassik

Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla beginnt Residenz in Dortmund

Start des Künstlerresidenz von Mirga Gražinytė-Tyla am Konzerthaus Dortmund. 

Start des Künstlerresidenz von Mirga Gražinytė-Tyla am Konzerthaus Dortmund. 

Foto: Pascal Amos Rest / Handout

Dortmund.  Auch bei Orchideen blüht Mirga Grazinyte-Tylas Erfolg. Das Publikum in Dortmund feiert die Dirigentin, die seit Samstag Residenzkünstlerin ist

Dass die Briten in einem Land ohne Musik lebten, hat 1914 der deutsche Schriftsteller Oscar A. H. Schmitz in einem Essay behauptet. Ein Vorurteil, das auf Heine und Brahms zurückgeht, heute indes ad acta gelegt ist. Und doch: Hierzulande sind Werke wie Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ oder gar Michael Tippetts großformatiges Oratorium „A child of our time“ ausgesprochen selten zu hören.

Musizieren auf hohem Niveau: Mirga Grazinyte-Tyla startet in Dortmund

Das Dortmunder Publikum aber gibt sich ganz diesen Raritäten hin, zumal Mirga Grazinyte-Tyla dirigiert, die frisch gekürte Residenzkünstlerin des Konzerthauses. Mit oft energischer, dann wieder sanft ausgeformter Zeichengebung leitet sie das City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO), dessen Chefin sie seit 2016 ist. Im Ergebnis wird auf hohem Niveau musiziert.

Beide Stücke sind aus der pazifistischen Grundhaltung ihrer Schöpfer entstanden, wirken als in Töne gegossene Mahnung. Brittens Sinfonia erschüttert durch die wuchtigen Schläge des „Lacrymosa“, durch die höchst angespannte Raserei des „Dies irae“. Erst der „Requiem“-Satz sendet mit feiner Lyrik, ins Hymnische gesteigert, tröstende Signale.

So modern, packend dramatisch, zudem leidenschaftlich interpretiert Brittens Werk daherkommt, so konventionell, oft nur oberflächlich spannend, ziemlich gleichförmig präsentiert sich Tippetts Oratorium. Aufgerüttelt durch die Ermordung eines deutschen Diplomaten in Paris, die zur „Reichskristallnacht“ führte, wollte der Brite die Themen Terror, Verfolgung und Trostsuche im Glauben gewissermaßen musikalisch abstrahieren.

Starke Dirigentin, schwaches Stück: Grazinyte-Tylas Residenz fehlt zum Start ein Werk von Format

Doch tonale Wohlfühlatmosphäre mit nur gelegentlichen, kaum markigen Ausbrüchen, oder die Verwendung von Gospels (teils darf das Publikum mitsingen) offenbaren ein eher schwaches Stück. Stark indes die Dirigentin, die den fulminanten CBSO-Chorus, ein engagiertes Solistenquartett und das sehr klangdifferenzierte Orchester souverän zusammenhält.

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