Kinderbuch

Die Raupe Nimmersatt wird 50 – satt ist sie noch immer nicht

Die kleine Raupe Nimmersatt

Die kleine Raupe Nimmersatt

Foto: WAZ

Essen.   Seit 50 Jahren durchlöchert „Die kleine Raupe Nimmersatt“ das Bilderbuch. Autor Eric Carle über den Erfolg und seine Kindheit in Deutschland.

Am Montag einen Apfel, am Dienstag zwei Birnen und schließlich am Sonnabend Schokoladenkuchen, Eiswaffel, Gurke..., „aber satt war sie noch immer nicht“. Seit 50 Jahren frisst sich „Die kleine Raupe Nimmersatt“ durch das Bilderbuch, durchlöchert die Seiten, dass es auch heute noch kleinen Kindern eine Freude ist. Der US-Amerikaner Eric Carle, der im Juni 90 Jahre alt wird, erfand die Geschichte und die farbenfrohen Collagen. Er beantwortete Redakteurin Maren Schürmann ein paar Fragen – auch zu seiner Kindheit in Deutschland.

Kindergeschichten hatten vor allem früher oft eine Moral. Ihre Raupe Nimmersatt hilft zwar beim Zählen-Lernen, kommt aber sonst gut ohne erhobenen Zeigefinger aus. Ist das Buch deshalb so erfolgreich?

Eric Carle: Ich weiß nicht, ob es dafür den einen Grund gibt. Ich denke, es ist eine hoffnungsvolle Geschichte, deshalb mögen junge Leser sie nach all den Jahren. Auch habe ich mit allen meinen Büchern versucht, das Kind in mir zu unterhalten. Es beinhaltet ein wenig Erkenntnis. Aber der Lernanteil ist immer getarnt. Es ist nur ein Aspekt des Buches.

Was fördert Ihrer Meinung nach die Kreativität von Kindern?

Ich bin kein Experte für die kindliche Entwicklung, aber ich habe im Laufe der Jahre viele Briefe von Kindern bekommen, die zu meinen Collagen sagen: ,Das kann ich auch!“ Für mich ist das das größte Kompliment. Und vielleicht ist es auch ein Grund dafür, warum so viele junge Leser Freude an meiner Arbeit haben. Ich denke, dieses Gespür fürs Vergnügliche und diese Art der Kunst und Kreativität sind Dinge, die mich bei meiner Arbeit besonders stolz machen.

Ihre Eltern sind aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt, als Sie ein Kind waren. Wenn Sie an diese Zeit zurückdenken, kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs: Inwiefern hat diese Zeit in Stuttgart Sie geprägt?

Ich habe schmerzliche Erinnerungen an die Zeit des Heranwachsens in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Ich empfinde die farbenfrohen Illustrationen in meinen Büchern gewissermaßen als Gegenmittel zu dem ganzen Grau und Braun während meiner Kindheit in Deutschland.

Wer war Ihr größtes Vorbild in der Kindheit? Inwiefern hat dieser Mensch Sie geprägt?

Es gab viele Türöffner in meinem Leben. . . In Deutschland war es mein tapferer Lehrer Herr Krauss. Er nahm ein großes persönliches Risiko auf sich, um mir heimlich Reproduktionen von moderner und expressionistischer Kunst zu zeigen, die damals als „entartet“ galt. Diese Bilder waren so anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Diese Erfahrung hat mich zunächst geschockt und ich fand sie verwirrend. Aber am Ende veränderte dieses Erlebnis meine Sicht auf die Kunst, auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste.

Haben Sie eine Buchidee, die Sie noch unbedingt verwirklichen möchten?

Zurzeit beschäftige ich mich mit einem Projekt, das nicht mit einem Buch verbunden ist. Ich arbeite an einer Serie von abstrakten Stücken. Einer meiner am meisten favorisierten Künstler ist Paul Klee. Ich interessiere mich sehr für seine vielen Engel und ich habe angefangen, eine Hommage an diese Engel zu kreieren. Diese Engel ähneln nicht meinen Buch-Illustrationen oder Klees Stil. Sie sind aus Material, das ich in meinem Studio finde, Farbe und Pappe, Aluminium und Stoff.

>>> AM ANFANG WAR DIE RAUPE NIMMERSATT EIN WURM

Eine Raupe, die Löcher in den Buch-Blättern hinterlässt? Nach langer Suche übernahm eine Druckerei in Japan die ungewöhnliche Arbeit. „The Very Hungry Caterpillar“ erschien am 20. März 1969 in den USA, im Herbst in Deutschland. Bisher wurden nach Angaben des Verlags Gerstenberg über 50 Millionen Exemplare in 64 Sprachen verkauft. Zunächst wollte Eric Carle den Wurm Willi begleiten. Aber der hätte am Ende geschlafen. Bezaubernder ist die Verwandlung der Raupe – in einen wunderschönen Schmetterling.

Der Vorläufer der Raupe Nimmersatt: Willi Wurm. Foto: Verlag Gerstenberg Eric Carle ist Sohn deutscher Einwanderer, die 1935 aus den USA zurückkehrten. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er an der Kunsthochschule in Stuttgart seinen Abschluss, ging mit 22 Jahren in die USA. Der Künstler Leo Lionni vermittelte ihn als Grafiker an die New York Times. Er legte Collagen aus handbemaltem Seidenpapier. 1967 illustrierte er das erste Buch: „Brauner Bär, wen siehst denn du?“ von Bill Martin. Ein Museum für Internationale Bilderbuchkunst eröffnete er in Massachusetts.

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