„Die Deutschen überfordern sich“

Essen.   Niemand kennt sich im deutsch-jüdischen Neurosengarten besser aus als Rafael Seligmann (69). Der Journalist, Politologe und Schriftsteller sehnt sich nach Normalität für Juden in Deutschland – und weiß nur zu gut, warum es sie nicht geben kann. Mit seinem neuen Roman „Deutsch meschugge“ treibt er sein liebstes Stilmittel auf die Spitze: die Provokation.

Niemand kennt sich im deutsch-jüdischen Neurosengarten besser aus als Rafael Seligmann (69). Der Journalist, Politologe und Schriftsteller sehnt sich nach Normalität für Juden in Deutschland – und weiß nur zu gut, warum es sie nicht geben kann. Mit seinem neuen Roman „Deutsch meschugge“ treibt er sein liebstes Stilmittel auf die Spitze: die Provokation.

Herr Seligmann, in Ihrem Roman wird 2019 ein jüdischer Opportunist zum rechtsradikalen Führer und dann auch Bundeskanzler. Haben Sie da den Teufel an die Wand gemalt oder heutige Entwicklungslinien nur verlängert?

Rafael Seligmann: Es gleicht einer Wettervorhersage. Dabei weiß man nicht genau, ob es in Potsdam regnen wird oder in Berlin. Doch es gibt in Europa und Deutschland Tendenzen, die mich beunruhigen. Als Politologe, Historiker und Schriftsteller – das kann ich nicht trennen – habe ich diese zu einem denkbaren Szenario verlängert.

Es erinnert an Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, in dem ein gemäßigter Islamist französischer Präsident wird.

Da sind Sie auf der richtigen Spur. Ich glaube allerdings nicht, dass in Frankreich oder Deutschland ein Muslim gewählt würde, deshalb wird in meinem Roman ein charismatischer jüdischer Faschist Bundeskanzler.

Das Judentum ist der Schutzmantel für seinen Aufstieg…

Ja, und das hat eine ganze Reihe von Verlegern abgeschreckt. Ich hätte alles Böse über die Rechten schreiben können – aber ein rechtsradikaler Jude, da habe ich ein Tabu berührt. Das darf offenbar nicht wahr sein.

Nach Donald Trump müssen wir aber auch das für möglich halten.

Das ist die Wirklichkeit. Wer davor seine Augen verschließt, ist noch zu sehr in seinem Glauben an politische Vernunft gefangen. Zum Glück sind die führenden Figuren der AfD alt oder politisch dumm, doch wenn da ein echter Charismatiker auftaucht… Ich musste allerdings auch eine Passage in meinem Roman umschreiben. Da begegnete mein „Held“ der amerikanischen Präsidentin. Die Realität ist manchmal absurder und dümmer als man ahnt.

In Ihrem Roman sagt jemand, 70 Jahre Erziehung zu Demokratie in Deutschland hätten nichts bewirkt.

Sie haben etwas bewirkt, aber wir sind Menschen geblieben, mit all unseren guten und schlechten Eigenschaften. Überall helfen Menschen Schnorrern. Doch es gibt kein Land, in dem Menschen nicht bereit wären, andere umzubringen, wenn ein Führer ihnen sagt: Ihr müsst Leute beseitigen, erst recht, wenn die Kirchen, Moscheen, Synagogen dies unterstützen.

Aber der Holocaust…

… hat nach seinem Ende in den Deutschen das Bedürfnis erzeugt, nie wieder schlecht zu sein, nur noch Gutes zu tun, immer anständig zu sein. Wir bauen die besten Waschmaschinen, wir können den Confed-Cup gewinnen, wir sind moralisch perfekt: Damit haben sich die Deutschen überfordert. Wir sind nicht besser oder schlechter als andere.

Sie beschreiben in Ihrem Roman, wie der jüdische Opportunist Paul Levite innerparteiliche Mechanismen nutzt, um sich an die Spitze der Rechtsradikalen zu lavieren. Haben Sie Erfahrungen damit?

Als Student habe ich mich in einer Nachwuchs-Organisation zum Vorsitzenden wählen lassen. Bald musste ich feststellen, dass ich alle um mich herum als Mittel zum Zweck ansah – und sie mich. Was nützt mir der? Was nütze ich ihnen? Das wollte ich nicht und trat zurück.

Eine typische Deformation durch den Beruf?

Ja, wie bei Vorstandsvorsitzenden, die nach einiger Zeit der Überzeugung sind, das Unternehmen gehöre ihnen. Auch Angela Merkel meint, sie allein weiß, was das Beste für Deutschland ist.

Weshalb sie Entscheidungen gegen die Beschlusslage ihrer Partei trifft. Ist das noch demokratisch?

Frau Merkel ist theoretische Physikerin, keine Historikerin. Manchmal muss ein Staatsmann Entscheidungen gegen den Willen der Mehrheit herbeiführen, Schröder mit der Agenda 2010, de Gaulle beim Rückzug der Franzosen aus Algerien, Adenauer bei der Wiedergutmachung. Politiker und Bürger müssen Verantwortung übernehmen, sonst wird Deutschland meschugge.

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