SCHAUSPIEL

„Atlas“ in Mülheim – ein komplexer Kommentar zur Weltpolitik

„Atlas“ von Thomas Köck, inszeniert von Philipp Preuss: Hier eine Szene mit Marie Rathscheck (liegend) und Ellen Hellwig.

„Atlas“ von Thomas Köck, inszeniert von Philipp Preuss: Hier eine Szene mit Marie Rathscheck (liegend) und Ellen Hellwig.

Foto: Rolf Arnold

Mülheim.   Thomas Köcks „Atlas“ zeigt Migrationserfahrungen. Der Text ist eine Wucht. Ebenso wie die Mülheimer „Stücke“-Inszenierung von Philipp Preuss.

Bitteres politisches Theater trifft auf einen beschwingten Mülheimer Feierabend: Vom Schicksal vietnamesischer Boatpeople Ende der 70er Jahre erzählt der Autor Thomas Köck in „Atlas“, einem Auftragswerk fürs Schauspiel Leipzig, das beim Dramatiker-Wettbewerb „Stücke“ für Aufsehen sorgt.

Der Text ist mindestens ebenso klug gebaut wie die Inszenierung von Philipp Preuss, die sich eines einfachen und doch effektiven Tricks bedient: Er verortet die Szenerie direkt vor unserer Haustür. Die Zuschauer sitzen in der „Dezentrale“, einer Begegnungsstätte mitten in der Innenstadt, und schauen durch eine große Fensterfront hinaus auf die belebte Straße. Alles, was während des 90-minütigen Spiels hier geschieht, wird unwillkürlich zum Teil der Aufführung: eilende Autos, knatternde Motorräder, ein Passant schimpft mit seinem Hund, eine andere macht Fotos von ihrem Baby, dazu gleitet die Linie 135 majestätisch Richtung Nordhafen. So werden ganz normale Straßenszenen zum heimlichen Hauptdarsteller.

„Atlas“ ist tatsächlich eine Wucht

Wer sich jetzt bei dem Gedanken ertappt, das endlose Schlendern draußen vor dem Fenster könnte fast spannender sein als das Stück selbst, der tut dem Autor grob Unrecht. Denn „Atlas“ ist eine Wucht: ein forderndes, 90-seitiges Textgebinde, verfasst auf Deutsch und Vietnamesisch, das viel Konzentration verlangt und bei bloßem Zuhören kaum zu entschlüsseln ist.

Auf mehreren kunstvoll ineinander verschränkten Erzählebenen widmet sich der 33-jährige Köck darin einem Thema, das im Theater bislang kaum Einzug hielt: den Migrationserfahrungen von Vietnamesen, die 1979 vor dem kommunistischen Vietcong aufs offene Meer flohen. Dort hinein webt er das Schicksal Tausender vietnamesischer Vertragsarbeiter, die bis Ende der 80er Jahre im „Bruderland“ DDR in der Textilindustrie schufteten. Verzweifelte Schwangerschaftsabbrüche wurden mit dem Kleiderbügel besorgt. All dies mischt er mit dem Rassismus und dem Leiden ertrinkender Flüchtlinge heutiger Tage, und die Parallelen sind bestechend.

Die Regie lässt die Vorlage fast unberührt

Die sorgfältige Regie lässt die sprachlich erstklassige Vorlage beinahe unberührt. Zu sanften Elektro-Beats graben sich die vier weiß gekleideten Schauspieler tief in die Erzählung hinein. Mal stehen sie dabei auf der Bühne, öfter auch draußen vor dem Fenster oder hinten auf der anderen Straßenseite. Schlafwandlerisch, wie ferngesteuert wirkt ihr Gang, während sich der abendliche Verkehr weiter durchs Bild schiebt. Insbesondere Ellen Hellwig, der Ältesten im Bunde, gelingen eindringliche Szenen von Flucht und Vertreibung.

Wenn am Ende ein blauer Trabi um die Ecke biegt und die Darsteller von einer Kutsche abgeholt werden, scheint es Regisseur Preuss etwas zu übertreiben. Dennoch: Viel Beifall gibt‘s vom Publikum, das angesichts dieses komplexen Kommentars zur Weltpolitik aber auch etwas erschlagen wirkt. Im vergangenen Jahr räumte Thomas Köck bei den „Stücken“ den Dramatikerpreis ab. Ob ihm heuer das Double gelingt, entscheidet sich bei der mit Spannung erwarteten Jurydebatte am Samstagabend im Theater an der Ruhr.

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