Lad mich aus, und ich öffne einen Sekt: Mit Blick auf mehr als eine Million Youtube-Aufrufe in knapp fünf Tagen müsste Danger Dan dem ZDF-Intendanten Norbert Himmler eigentlich dankbar sein. Weil der Sänger seinen neuen Antifa-Song „Keine Angst“ nicht in der ZDF-Satiresendung „Die Anstalt“ aufführen durfte, diskutiert halb Deutschland über das mehr als sieben Minuten lange Musikstück. Mehr mediale Aufmerksamkeit für ein politisches Lied geht nicht.

75 Minuten vor der Ausstrahlung besagter „Anstalt“ im linearen Fernsehen haben Danger Dan und der Pianist Igor Levit am Dienstagabend zu einer „musikalischen und politischen Ersatzveranstaltung“ ins Berliner Columbia-Theater geladen. Die ausverkaufte Show wird ab 21 Uhr auch live bei Youtube gestreamt, die feine Schlusspointe sieht allerdings nur das Saalpublikum, als die Kameras schon ausgeschaltet sind.

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Vorsicht, Satire: In Bangkok verprügelt Danger Dan die Sextouristen

Als Zugabe singt Danger Dan nämlich „Ich verprügelte die Sextouristen in Bangkok“, was nur als ironischer Kommentar zu den Gewalt- und Selbstjustiz-Debatten um den inkriminierten Song „Keine Angst“ verstanden werden kann. Mit den launigen Zeilen „‚Der Nächste kriegt eine aufs Maul‘, hat Penélope Cruz gesagt“ endet der Abend, den Blixa Bargeld mit einer kurzen Brecht-Rezitation eröffnet hat. „In den finsteren Zeiten / Wird da auch gesungen werden?“, fragt Blixa. Und gibt die Antwort: „Ja, da wird gesungen werden von den finsteren Zeiten.“

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Dunkeldeutsche Zeiten sind solche, in denen das Bundesamt für Verfassungsschutz in seinem Jahresbericht 2025 fast 1400 rechtsextreme Gewalttaten auflistet. Danger Dan und Igor Levit sagen zur Begrüßung, dass die Frage, ob ihre Ausladung aus der ZDF-Sendung okay war oder nicht, eigentlich unwichtig sei. Entscheidender seien doch andere Fragen: „Wie gehen wir um mit rechter Gewalt? Mit Faschistinnen und Faschisten in den Parlamenten und auf der Straße? Wie helfen wir und ermutigen wir Menschen, die sich bedroht und alleingelassen fühlen?“

Militanz als letztes Mittel: Davon sang Danger Dan schon 2021

Eine „turbulente Woche“ liege hinter ihm, sagt Danger Dan. „Es war auf eine absurde Weise aber auch sehr schön“, weil er so viel Solidarität und Zuspruch erfahren habe. „Ich gehe da gestärkt raus.“ Den Zoff mit dem ZDF-Intendanten erklärt Danger Dan dann für abgehakt, und leitet über zu seinem bekanntesten Song „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, der von den etwa 600 Zuschauern hundertprozentig textsicher mitgesungen wird. Eigentlich müsste Norbert Himmler auch bei diesem Lied Schnappatmung bekommen haben.

Igor Levit und Danger Dan
Igor Levit und Danger Dan vor dem Columbia-Theater.© Bastian Bochinski | Bastian Bochinski

Danger Dan singt darin unter anderem: „Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein. Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt.“ Später heißt es im Song: „Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst, ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz.“ Das durften Danger Dan und Igor Levit im April 2021 bei Jan Böhmermann im „ZDF Magazin Royale“ unzensiert aufführen.

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Fünf Jahre und drei Monate später stuft der Sender-Chef den neuen Song nun als Verstoß gegen die Programmrichtlinien ein, und man kann diesen Reflex insofern verstehen, weil „Keine Angst“ unlustiger, unerbittlicher und weniger verspielt daherkommt als der „Kunstfreiheit“-Hit, der stellenweise ins Alberne kippt (etwa bei der Frage, ob Alexander Gauland eher Reptilienmensch oder Nationalsozialist sei). Aber die Zeiten sind eben auch härter geworden seither.

Wortbeiträge über Nazi-Gewalt im Osten und die Mitschuld der AfD

Davon künden im Columbia-Theater die Wortbeiträge der Journalistin Heike Kleffner und der Strafverteidigerin Kristin Pietrzyk. Sie benennen das Ausmaß der rechten Gewalt vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, wo sich Neonazis mancherorts nahezu ungestört im öffentlichen Raum bewegen könnten. Sie stellen auch linksradikale Militanz, die sie ausdrücklich nicht gutheißen, in diesen Kontext. „Stichwortgeber für diesen Flächenbrand rassistischer, rechter und antisemitischer Gewalt ist die verfassungswidrige AfD“, betont Kleffner.

Während Igor Levit zwei Stücke solo am Klavier spielt (eine Beethoven-Sonate und das „Peace Piece“ des US-Jazzers Bill Evans), vertonen Levit und Danger Dan zusammen das Tucholsky-Gedicht „Rosen auf den Weg gestreut“ (mit dem Kehrvers „Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“). Auch hier lohnt ein Blick auf die Zeitleiste: Tucholsky schrieb den Text 1931. Zwei Jahre danach war Hitler Reichskanzler, vier Jahre später nahm der Satiriker im schwedischen Exil eine Überdosis Schlaftabletten.

Danger Dan und Igor Levit aber wollen bei diesem Auftritt von Resignation nichts wissen: Mit der Ansage „Wir sind nicht ohnmächtig!“ leiten sie um 22.19 Uhr die Fernsehpremiere von „Keine Angst“ ein, die die Welt nun eben nicht im Zweiten anschauen kann, sondern bei Youtube.