Gertrud Bäumer ergreift den einzigen Beruf, der für Frauen ihrer Generation als anerkannt gilt: 1873 als Tochter eines Pfarrers in Hagen-Hohenlimburg geboren, wird sie besonders von den Jahren als Lehrerin an einer Volksschule in Kamen geprägt. Dort übernimmt sie 1892 eine Doppelklasse mit 70 Schülerinnen und Schülern, vielfach aus einfachen Verhältnissen. „Ich wurde gerade 19 Jahre alt, als ich – für 980 Mark im Jahr – die Stelle antrat“, schreibt sie später über die Zeit, die für sie anfangs schwierig war.

Sie habe den Dialekt der Kinder zunächst ebenso wenig verstanden wie die Schülerinnen und Schüler ihr Hochdeutsch. Bäumer erkennt früh, dass es für gute Pädagogik mehr braucht als die eigene hohe Bildung. Sie verwächst mit ihrem Umfeld, wird zu Familienfeiern eingeladen „und in schwierige landwirtschaftliche Gespräche über Ferkelzucht verwickelt“, wie sie in ihrem Text „Im Licht der Erinnerung“ schreibt. Sie sei mit hinausgegangen „ins Zechengelände, als Bergleute verschüttet waren und angstvolle Trupps von Frauen und Kindern auf den Erfolg der Bergungsarbeiten warteten“.

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Intensive Freundschaft: Bis 1930 lebt Gertrud Bäumer mit Helene Lange zusammen

Nicht nur ihre Tätigkeit als Lehrerin legt den Grundstein für ihr späteres Engagement in der Frauenbewegung. An ihrer Schule lernt sie durch eine ältere Kollegin den von Helene Lange gegründeten Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein kennen. Zu Lange entwickelt sich eine intensive Freundschaft, die beiden leben bis zum Tod von Helene Lange 1930 zusammen.

In den folgenden Jahren steigt Bäumer zur zentralen Figur der organisierten Frauenbewegung auf. Gemeinsam mit Helene Lange ruft sie in der Kaiserzeit reformpädagogische Selbsthilfeprojekte ins Leben. Anerkennung bringt ihr das 1906: Bäumer wird in eine 45-köpfige Kommission zur Reform des Höheren Mädchenschulwesens berufen. Außerdem übernimmt sie Vorstandsfunktionen im Bund Deutscher Frauenvereine (BDF), gründet die Deutsche Demokratische Partei mit und zieht als eine der ersten Frauen ins Parlament ein. 1920 wird sie Ministerialrätin im Reichsinnenministerium, zuständig für Jugendfürsorge und Schulwesen. Damit schreibt sie gleich dreifach Geschichte: als Vorkämpferin der Frauenbewegung, als liberale Parteigründerin und als Parlamentspionierin.

Trotz Gleichschaltung bringt Bäumer bis 1936 „Die Frau“ heraus

Mit der Machtübernahme suspendieren die Nationalsozialisten Bäumer 1933 und entlassen sie mit einer Volksschullehrerinnenpension. Trotz Gleichschaltung gibt sie noch bis 1936 die Zeitschrift „Die Frau“ heraus, das Organ der bürgerlichen Frauenbewegung. Danach ist Gertrud Bäumer vor allem als Schriftstellerin aktiv, ehe sie 1954 verstirbt. Der Zweite Weltkrieg und die Jahre danach machen Bäumer bis heute zu einer umstrittenen Figur. Bäumer folgt den nationalsozialistischen Vorstellungen eines großdeutschen Reiches bis zuletzt. Und obwohl sie sich gegen Antisemitismus ausspricht, pflegt sie zugleich antijüdisch gefärbte Vorurteile. Bereits 1919 verhindert sie die Wahl von Alice Salomon als BDF-Vorsitzende – offiziell mit dem Verweis auf die antisemitische Grundstimmung in der Öffentlichkeit.

Ihr Verhalten nach 1933 beschreibt die Forschung als Lavieren: Ihre Anpassungsstrategien führten bereits zu Lebzeiten zu Kritik, auch schon vor dem Nationalsozialismus. Allen voran Kurt Tucholsky, der Bäumer als „Old Bäumerhand“ verspottete. Bäumer hatte sich 1926 zusammen mit ihrem Fraktionskollegen Theodor Heuss für ein Gesetz stark gemacht, das die Jugend vor „Schund- und Schmutzschriften“ bewahren sollte. Künstler, Schriftsteller und die linksliberale Presse gingen auf die Zinne, da sie Zensur befürchteten.

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit dem Projekt „Frauen.Ruhr.Geschichte“ entstanden. Weitere Informationen auf www.frauenruhrgeschichte.de.