Dieser Reiseschriftsteller, der seine Gedichte für besser hielt als alles andere aus seiner Werkstatt, war ein Romancier, der mit allen Tugenden eines Reporters arbeitete. Und ein Journalist, der Romane in einem ganz eigenen Duktus schrieb: Sie sind von lauter guten, originellen Gedanken durchdrungen, die aber nicht etwa in Lesearbeit ausufern, sondern spielerisch bleiben, mehr Erwägungen, vorsichtige Probebohrungen und freundliche Vorschläge als kühne Thesen. Das galt bereits für sein Debüt „Das Paradies ist nebenan“ (1955) und erst recht für sein bekanntestes Buch „Rituale“ (1980). Nun ist Cees Nooteboom im gesegneten Alter von 92 Jahren „auf seiner geliebten Insel Menorca“ gestorben, wie uns seine Witwe Simone Sassen wissen ließ.

Cees Nootebooms Buch für die Deutschen: „Berliner Notizen“

Der Mann, der seine Vornamen Cornelis Johannes Jacobus Maria zu einem leichtfüßigeren Cees zusammengezogen hatte, war in Deutschland vielleicht sogar bekannter als in seiner niederländischen Heimat – nicht zuletzt wegen seiner „Berliner Notizen“, die zu einem Glücksfall für die Deutschen wurden, weil Nooteboom ihnen in diesem Reportage-Essay über die Wiedervereinigung Dinge sagte, die sie sich selbst lieber verschwiegen. Er kam im März 1989 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes nach Berlin und konnte den Fall der Mauer mit dem Blick des Auswärtigen in einem historischen Bogen verfolgen, weil er 1961 auch ihre Errichtung in Berlin miterlebt hatte.

Nooteboom war euphorisiert vom Tempo der Veränderung und fühlte sich präziser in die Gedanken- und Lebenswelt der Ostdeutschen ein, als das die Wessis taten, deren Intellektuelle lieber eine Konföderation der beiden Staaten gesehen hätten als eine Wiedervereinigung. Dass dieser Begriff trog und tückisch über zählebige Bewusstseinsgräben zwischen Ost und West hinwegtäuschte, hat der Niederländer in einer zweiten und dritten Fortschreibung der „Notizen“ feststellen müssen.

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Andere mögen in der Erinnerung ein unverlierbares Paradies sehen, für Cees Nooteboom dagegen war sie eher „wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will“. Dagegen ist überhaupt eine Grundmelodie im Schreiben dieses Niederländers, was vielleicht damit zu tun hat, dass er von der katholischen Minderheit seines zutiefst protestantischen Landes geprägt war.

Cees Nootebooms geliebter Garten auf Menorca

Überhaupt: Von der Leichtigkeit des Nooteboomschen Schreibens ließen sich allzu viele allzu leicht täuschen: Er blieb stets ein melancholisches Schriftsteller-Glückskind. „Die Welt“, heißt es in einer seiner Erzählungen über Bangkok, „ist eine bittere Waage.“

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In seinem vielleicht bekanntesten Buch, der Novelle „Die folgende Geschichte“, die bei uns nicht zuletzt durch den Lobgesang des Literarischen Quartetts um Marcel Reich-Ranicki berühmt wurde, stecken wie in einem Nukleus die stets wiederkehrenden Motive seines Schreibens: Uneindeutige Umstände, die Grenzen zwischen Leben und Tod, das Reisen und die Liebe. Da erinnert sich jemand auf seiner Todesfahrt an sein Leben und einen fast vergessenen Herzensmenschen.

Zu seinen eigenen Geburtstagen hat Nooteboom, der bis ins hohe Alter produktiv blieb, sein Lesepublikum mit einem neuen Buch beschenkt. Vor zweieinhalb Jahren war es eines über den mit schlichten Naturmaterialien arbeitenden Arte-povera-Künstler Giuseppe Penone, den er kennengelernt hatte, weil der Installationen nach seinen Gedichten schuf. Penones eigenwilligen Werken spürte er mit allen Sinnen und Gedanken nach. Selbst den eigenen Garten auf Menorca sah er anders, wenn er darüber nachdachte, warum der Künstler in ein kahles Baum-Geäst Steine drapiert. Er sah darin Leben und Vergänglichkeit zugleich, eine ganz besondere Form von Ewigkeit. In die ist nun auch Cees Nooteboom eingegangen.