„Ich bin total durch den Wind und weiß gar nicht, was ich als Erstes denken, fühlen oder machen soll. Ich steh’ so neben mir, dass nicht mal eine Träne fließt.“ Ein Gefühl, das viele kennen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Nicht ohne Grund steht das Zitat auf einer der ersten Seiten des neuen Buchs „Ich bin todesmutig. Vom Umgang mit Trauer im Leben“, das am 30. September im Klartext-Verlag erscheint. Denn trotz allen Unterschieden in der Trauer, ist es das Gefühl von Chaos und Leere, das viele Angehörige eint. Mit ihrem Buch wollen Mechthild Schroeter-Rupieper und Benni Bauerdick Wege zeigen, sich im „Trauer-Dschungel“ zurechtzufinden.
Während Schroeter-Rupieper als eine der Wegbereiterinnen der Familien-Trauerbegleitung in Deutschland gilt, fand Moderator und Reporter Benni Bauerdick durch seinen Zivildienst im Kinderhospiz zu seinem Engagement. In Schroeter-Rupiepers Praxisräumen in Gelsenkirchen bildete er sich zum Trauerbegleiter weiter. Die Chemie zwischen beiden stimmte sofort, seither veröffentlichen sie regelmäßig ihren Podcast „Todesmutig“, in dem sie offen über Trauer und Bewältigungsstrategien sprechen.
Im Trauerfall die ganze Familie mit einbeziehen
Auch in ihrem gemeinsamen Buch geben die beiden tiefe Einblicke in ihre Arbeit mit Trauernden und die Bedeutung eines offenen Umgangs mit Verlust und Trauer. Trauerbegleitung ermögliche es Betroffenen, eine Art „Drohnenperspektive“ einzunehmen. Dabei empfehlen beide, sich Hilfe von außen zu suchen: „Viele Trauernde fühlen sich isoliert, weil sie immer an das gleiche Thema denken und das nicht mit Freunden oder Verwandten teilen wollen, um niemanden zu belasten“, so Mechtild Schroeter-Rupieper.
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Ein großer Bestandteil ihrer Arbeit ist die Familientrauerbegleitung. Zusammen mit ihrem Team unterstützte sie in Haltern etwa die Angehörigen nach dem Germanwings-Absturz im Jahr 2015. Dabei werden nicht nur Einzelpersonen, sondern alle betroffenen Familienmitglieder einbezogen. Diese Form der Unterstützung fördere einen bewussten Umgang mit Trauer über Generations- und Gefühlsgrenzen hinweg. Kinder trauerten beispielsweise anders als Erwachsene. „Kinder weinen kurz über den Verlust, freuen sich aber kurz darauf an einem Schokoriegel – und das ist völlig normal“, erklärt Schroeter-Rupieper und spricht von „Trauerpfützen“, in die Kinder beliebig oft rein und raus hüpfen.
Nicht der Tod, sondern die Trauer ist das Tabuthema unserer Gesellschaft
Lesung am 1. Oktober
Ihr Buch „Ich bin todesmutig. Vom Umgang mit Trauer im Leben“ stellen die beiden am Mittwoch, 1. Oktober, ab 19 Uhr im Medienhaus der FUNKE Mediengruppe, Jakob-Funke-Platz 1, in Essen vor. Dabei geht es nicht nur um das Buch, sondern auch um den Austausch zum Thema Trauer. Über Trauer zu sprechen, bedeute auch, über das Leben zu lernen. Einlass ist ab 18.30 Uhr, Tickets für die Lesung kosten 10€, inklusive Softgetränke. Tickets gibt es auf wir-lieben-tickets.de.
Das Buch erscheint in der neuen Sachbuchreihe #weileswichtigist, mit der der Klartextverlag vor allem bei Themen Hilfe geben möchte, um die oft auf die lange Bank geschoben werden. In der Reihe sind bislang die Titel „Das will ich“ zum Thema letzte Wünsche sowie „Ich habe vorgesorgt“ zum Thema Vollmacht erschienen.
Dabei sei nicht der Tod, sondern die Trauer das eigentliche Tabuthema in unserer Gesellschaft. Trauernde Menschen fühlten sich oft schwach oder fehl am Platz: „Wir leben in einer Gesellschaft, die auf Funktionieren ausgelegt ist. Dass es Zeit braucht, Trauer zu verarbeiten, wird oft ignoriert“, bedauert Benni Bauerdick. Nicht zuletzt würden Gefühlsausbrüche von Kindesbeinen an zurückgedrängt – trotz ihrer oft reinigenden Wirkung. Auch die abnehmende Präsenz spiritueller und kirchlicher Angebote verstärke das Problem, das viele Menschen sich in Trauerzeiten zurückziehen. „Gerade junge Menschen zwischen 20 und 50 sprechen uns immer wieder an, weil sie in Kirchenkreisen keine für sie passenden Angebote finden“, berichten die beiden.
Mit ihrem Buch wollen sie den Leserinnen und Lesern Hilfsmittel an die Hand geben: Dazu gehören Checklisten, Reflexionsfragen und kreative Impulse, die helfen sollen, die eigene Trauer zu verstehen und zu bewältigen. Und es gibt praktische Tipps, die anderen Menschen geholfen haben: „Trauernde berichten oft, dass es gut tut, Rituale zu verändern. Vielleicht etwas beizubehalten, aber eben auf eine neue, persönliche Weise“, so Mechthild Schroeter-Rupieper. Eine junge Frau habe nach dem Tod ihres weihnachtsverrückten Mannes zwar keinen Baum mehr zu Hause aufstellen können – stattdessen schmücke sie seither aber jedes Jahr einen Baum am Grab.
Das Wichtigste in ihrer Arbeit sei die Geduld: „Trauer lässt sich nicht mal eben so nebenbei abarbeiten.“
Ich bin todesmutig, ab 30. September, 200 Seiten, ISBN 978-3-8375-2707-0, 19,95€






