Tata Ronkholz, das klingt fast nach einem gezielt gewählten Pseudonym. Und tatsächlich hieß die Fotografin gleichen Namens bei ihrer Geburt im Krefeld des Jahres 1940 noch Maria Juliana Tölle. Der spätere Rufname leitete sich von ihrem dritten Vornamen Roswitha ab, der Nachname lief ihr durch die elf Jahre währende Ehe mit dem Düsseldorfer Grafiker „Coco“ Ronkholz ab 1969 zu.

Durch ihn, der ein Buch für Bernd Becher gestaltete, lernte sie auch eben jenen Professor kennen, der gerade an der Düsseldorfer Kunstakademie den ersten Fotografie-Studiengang einrichtete. Mit Andreas Gursky, Thomas Struth und Thomas Ruff gehörte Tata Ronkholz zu der ersten Klasse, die dort das Studium aufnahm.

Tata Ronkholz liebte das „graue, diesige und meist bedeckte“ Wetter

Dabei hatte diese 37-jährige Studienanfängerin ein Jahrzehnt zuvor schon ein Studium der Innenarchitektur an der Werkkunstschule in Krefeld absolviert. Und längst als Produktdesignerin gearbeitet. Und doch sollte niemand aus der Becher-Klasse sollte so getreu die Prinzipien der Lehrmeister umsetzen wie sie. Bloß keine Menschen auf dem Bild, die vom Motiv ablenken könnten! Höchstens mal Spuren von Leben wie ein zurückgelassenes Fahrrad. Und: Immer in Augenhöhe fotografiert, schwarz-weiß, mit der Großbild-Plattenkamera, vor einem wolken- und aussagelosen Himmel: „Grau, diesig und meist bedeckt“, das machte sie nicht trübsinnig, sondern froh über ideale Foto-Bedingungen.

Und während die Bechers Industriemonumente wie Gasometer in den Fokus nahmen und Förder- wie Wassertürme in Serie ablichteten, richtete Tata Ronkholz ihr Objektiv auf so etwas Alltägliches wie Trinkhallen. Und zwar lange bevor sie durch erweiterte Ladenöffnungszeiten und die Konkurrenz von Supermärkten mit Zapfsäulen zur bedrohten Art wurden.

Andreas Rossmann hat einen klugen, eloquenten Essay für das Trinkhallen-Buch von Tata Ronkholz geschrieben

Wer die Trinkhallen-Fotos von Tata Ronkholz sieht, merkt schnell, welche Übertreibung in der zweiten Worthälfte steckt: Sie sind immer irgendwo hineingequetscht und -gezwängt. Und immer quellen sie über vor Zeitschriften, Süßkram und Reklame. Die kleinen Schaufenster vollgestellt mit Dingen, auf die eine Kundschaft jeder Körpergröße zur Not auch einfach nur zeigen muss.

Buch "Tata Ronkholz: Trinkhallen"
Tata Ronkholz: Oberhausen (Altstadt), Hermann-Albertz-Straße 60.© Walther und Franz König | Van Ham Art Estate/Galerie Zander

Zum ersten Mal sind nun über 100 dieser Bilder jetzt in einem nach bestem Standard gedruckten Band versammelt. In seinem Essay „Dorfplatz in der City“ umkreist Andreas Rossmann, der langjährige Kulturkorrespondent der FAZ, so klug wie eloquent und perspektivenreich beide, die Fotografin und ihren Gegenstand, der vielleicht zutreffender „Bude“ genannt werden könnte; Rossmann erhebt ihn zu „Manifesten des Imperfekten und Symbolen und Statthaltern eines freieren, weniger reglementierten Lebens“. Was denn auch erklärt, was Kinder an einer „Gemischten Tüte“ fanden, obwohl die Salinos oft das Aroma von Zigarrentabak atmeten und die Groschen fürs Brausetütchen vom Munde abgespart waren.

Die Kölner SK-Stiftung im Mediapark zeigt eine Ausstellung mit Fotos von Tata Ronkholz

Tata Ronkholz zeigt den Mythos, ja den Sehnsuchtsort Trinkhalle in aller Sachlichkeit. Die Sympathie liegt im Auge derer, die hingucken. Und in der Summe: Jede, aber wirklich jede Trinkhalle ist ein Individuum, manche gar ein Unikum. Die Typologie, auf die Bernd und Hilla Becher immer aus waren, ist ja eine Abstraktion, die erst unterm Strich entsteht. Und erst die Abweichung vom Standard macht Trinkhallen schon von außen so liebenswert.

Lesen Sie auch diese Beiträge aus dem Ressort Kultur & Freizeit

Die Trinkhallen bilden auch einen Schwerpunkt der Ronkholz-Retrospektive „Gestaltete Welt“, die von der SK Stiftung Kultur nun im Kölner Mediapark gezeigt wird. Hier sind aber auch Serien von Industrietoren zu sehen, türkischen Lebensmittelgeschäften und vom Düsseldorfer Rheinhafen. Diese Serie, die den Zustand vor dem Areal-Umbau zum schicken Medienhafen zeigt, hat dokumentarischen Charakter: Ronkholz‘ damaliger Kommilitone Thomas Struth gewann sie 1979 für das Projekt. Ergänzend präsentiert die Kölner Ausstellung ihre Entwürfe für Büro- und Mensamöbel oder Leuchten. Die zeichnen sich durch klare Formen und eine funktionale Eleganz aus wie bei der gemeinsam mit dem Künstler Adolf Luther entwickelten „Sphärische Leuchte“.

Tata Ronkholz: Trinkhallen. Mit einem Essay von Andreas Rossmann. Verlag der Buchhandlung Walther König, 192 S., 120 Abb., 49,80 €. Zur Kölner Ausstellung erschien das Katalogbuch Tata Ronkholz: Gestaltete Welt. Eine Retrospektive. Schirmer/Mosel. 272 S., 49,80 €.