Kein Holz-, kein Blech, keine Saite: Das „Instrument des Jahres“ transportiert man nicht im Hartschalenkoffer. Es ist keine Jahrhunderte alte Stradivari, es wird quasi auch den Unbegabtesten frei Haus geliefert - die menschliche Stimme. Lars von der Gönna sprach mit einem, der sie aus ganz verschiedenen Blickwinkeln sehr gut kennt. Philipp Mathmann wird weltweit als Counter-Tenor gefeiert. Zugleich ist der 38-Jährige stellvertretender Klinikdirektor an der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie des Universitätsklinikums Münster . Mehr Experte geht nicht! Ein Gespräch über Macht und Möglichkeit der menschlichen Stimme.
Philipp Mathmann: Stimmarzt und Sänger im Interview

Was war Ihr erster Impuls, als Sie hörten, dass die Stimme „Instrument des Jahres“ ist?
Mathmann: Das fand ich naheliegend. Denn die Stimme ist ein Instrument, sowohl ein Arbeits- als auch ein Musikinstrument. Siebzig Prozent der Menschen in Deutschland arbeiten mit der Stimme als Hauptarbeitsinstrument.
70 Prozent? Wen meinen Sie?
Alle Menschen, die verkaufen, die in Medien arbeiten, im Call-Center, die Lehrer sind… Und: Es ist das am häufigsten gespielte Musikinstrument der Welt! Denken Sie nur an die tausende Chöre! Da find‘ ich die Würdigung in diesem Jahr nur angemessen.

Dafür dass die Stimme so wichtig ist, tun wir im Alltag wenig für sie. Wir nehmen sie als selbstverständlich.
Ja, aber das ist bei der Gesundheit ja generell: Wir pflegen die Sachen nur, wenn sie kaputt zu gehen drohen. Um die Leber und unseren Alkoholkonsum kümmern wir uns auch erst, wenn der Arzt sagt: „Die geht in die Knie“. In der Klinik muss ich jeden Tag Menschen sagen: „Dass die Stimme so funktioniert wie sie funktioniert, ist keine Selbstverständlichkeit!“
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Stimmt es, dass Räuspern ungesund ist?
Tatsächlich unterhält sich ein „Räusperzwang“ selbst. Wer sich ständig räuspert, schadet der Stimme. Aber einen Frosch im Hals loszuwerden, ist nicht gleich tödlich. Aber wenn ich kurz vor Gesangsauftritten etwas im Hals spüre, tue ich wirklich alles, um ein Räuspern zu vermeiden. Denn das Problem würde durch Räuspern garantiert schlimmer.
Unterschätzen wir, was eine gut klingende, geschulte Stimme bei anderen bewirken kann? Angeblich werden Kinder unruhig, ohne zu wissen warum, wenn Lehrer eine vermurkste, nicht gut laufenden Stimme haben…
Das Thema ist vermutlich so alt wie die Menschheitsgeschichte: Stimmen stehen auch für genetische Ressourcen. Eine tiefe, voluminöse, gut geführte Stimme sagt was über die körperliche Verfassung und Kapazität aus. Das kann Schutz signalisieren, Vitalität, Potenz, alle diese Dinge. Ein besonders starker Mann würde jetzt nicht mit einer Piepsstimme assoziiert werden.

Bismarck soll eine Fistelstimme gehabt haben…
Mittlerweile gibt es in der Hochkultur natürlich auch andere Möglichkeiten, wie man sich als Alphatier Geltung verschaffen kann (lacht). Aber Obama etwa ist ein perfektes Beispiel für Wirkung durch Stimme: Stimmfarbe, Modulation, Eloquenz. Besser kann ein Politiker dieses Arbeitsinstrument kaum einsetzen. Eine Stimme kann in Debatten eine Waffe sein.
Welche Signale kommen durch Stimmen an?
Positiv zum Beispiel Vertrauen. Dass man jemandem eine Aufgabe oder Leistung zutraut. Viele Studien sagen, dass unser emotionaler Zustand am allerstärksten über die Stimme übertragen wird, viel mehr als über Gestik und Mimik. Man kann immer noch lächeln, wenn es einem schlecht geht. Aber die Stimme ist nicht so leicht fröhlich zu halten, wenn es einem schlecht geht, das ist ungleich schwieriger.
Kann man daran arbeiten, ohne gleich zum Arzt zu gehen?
Im Grunde hilft Schauspiel- oder Gesangsunterricht in jeder Form: dass wir Zustände einnehmen, die nicht dem entsprechen, was wir tatsächlich gerade sind.
Was mache ich, wenn ich physisch meiner Stimme was Gutes tun will?
Ich empfehle, in Chöre zu gehen. Gesang ist etwas ganz Gutes. Und jeder Mensch kann singen.
Trauma vom Musikunterricht in Deutschland
Regelmäßiges Singen ist fürs Gehirn, das Stimmorgan und die seelische Gesundheit sehr wertvoll.
Dr. Philipp Mathmann, Arzt und Sänger
Viele glauben das überhaupt nicht von sich…
Ich weiß, die Generation der heute 50- bis 70-Jährigen hat teilweise vom Musikunterricht ihrer Kindheit ein richtiges Trauma: Nach vorne kommen, ein Lied vor der Klasse singen, die anderen lachen und der Lehrer sagt: „Wenn du jetzt aufhörst zu singen, kriegst du ne 5!“ Man war blamiert und hat mitgenommen: „Ich sollte im ganzen Leben nicht mehr singen.“ Das ist natürlich maximal schlecht. Regelmäßiges Singen ist fürs Gehirn, das Stimmorgan und die seelische Gesundheit sehr wertvoll. Das sage ich als Arzt und Sänger!
Umso bedauerlicher, dass mit Kindern immer weniger gesungen wird...
Unbedingt! Gemeinsam einen Klang zu schaffen, ein harmonisches Ziel zu erreichen, ist gemeinschaftsstiftend, also ein soziales Erlebnis. Aber klar wird auch das Gehör geschult, die Muskulatur der Stimme.

Sagen Sie, warum geht Frauen bei Tenören das Herz auf?
(lacht) Ich glaube, es ist die Direktheit, die Jugendlichkeit, die leichte Höhe, dazu etwas Metall, die Bruststimme. So klingt der junge, gut funktionierende Mann, dessen Stimme direkt ins Herz schießen kann.
Letzte Frage: Wer Sie an Essens Aalto-Theater in „Kain und Abel“ hören durfte, weiß, dass Sie als Countertenor mit einer wunderschönen Stimme beschenkt sind. Dennoch: Dürften Sie einen Tag mit einem großen Opernsänger tauschen, wessen Stimme hätten Sie gern?
Was Frauen Tenöre sind, sind mir hohe Damenstimmen. Die von Natalie Dessay in ihrer besten Zeit: ein unglaublicher Koloratursopran - da schnall‘ ich wirklich ab, wenn ich die höre.


