In friedlicheren Zeiten als heute können die heutigen Kriegsparteien gut über die Deutschen lachen: „Israelis und Palästinenser haben einen ähnlichen Sinn für Humor. Wir schmunzeln gerne über die Deutschen, eine Nation mit 80 Millionen Nahostexperten. Aber die meisten von ihnen haben nicht die leiseste Ahnung von der Situation vor Ort.“
Der Mann, der das schrieb, stand vor Monaten bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse allerdings immer noch sichtlich unter dem Schock. Das Massaker der Hamas-Terroristen war erst neun Tage her, und er erzählte mit bebender Stimme, dass unter den Toten auch Basketballfreunde seiner Jugend waren: Meron Mendel, Historiker und Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Jahrzehntelang hatte er für ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern gekämpft, auch gegen Widerstände in Israel. Nun stand er da, doppelt entsetzt und wie verloren im Zelt zwischen den Messehallen. Und dann tat Claudia Roth, die in ihrem Amt als Kultur-Staatsministerin bisher nicht unbedingt überzeugt hat, mal das einzig Richtige: Sie ging auf Meron Mendel zu und umarmte ihn. Fast stumm.
Michel Friedman vermisste Gesten der Solidarität wie die von Claudia Roth
Gesten wie diese hätte sich Michel Friedman in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem palästinensischen Zivilisationsbruch sehr viel häufiger von den Deutschen gewünscht, ja massenhaft. Aber: „Solidarische Gesten“ seien „die Ausnahme, nicht die Regel gewesen“, notiert Friedman nun in seinem Lang-Essay „Judenhass“. Friedman macht darin seiner Enttäuschung Luft. Die Deutschen seien dem Antisemitismus, der von Rechtsextremen, Linksextremen und Islamisten auf Juden niedergehe, nicht entschieden genug entgegengetreten. Und erinnert an die „Je suis Charlie“-Parole nach dem islamistischen Mordanschlag auf die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ oder die Demonstrationen nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine.
Wie für Meron Mendel kam auch für Michel Friedman und andere die „Kontextualisisierung“ der bestialischen Morde, ihre Erklärung aus dem Palästina-Konflikt, viel zu früh, statt eines Innehaltens in Trauer, Entsetzen und Mitgefühl. Dass der Antisemitismus nun in Schmierereien, tätliche Angriffe und Demonstrationsparolen mündet, enttäuscht Friedman zutiefst. Mittlerweile frage auch er sich, ob es richtig sei zu bleiben. Die Hoffnung, dass Hass und Hetze schwächer würden, habe sich als Illusion herausgestellt.
„Typisch jüdisch“ – das hören Juden heute wieder häufiger, sagt Michel Friedman
Friedman lässt die Mentalitätsgeschichte von Juden in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Revue passieren. Eine Weile schien „ein selbstverständlicheres jüdisches Leben in Deutschland“ möglich zu sein, nachdem es hierzulande seit 1990 durch die Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen UdSSR wieder aufgeblüht sei; die Generation der um die 40-Jährigen hält Friedman für die emanzipierteste seit langem. Doch heute gingen Juden wieder einen „Schritt zurück in die Unsichtbarkeit“, die schon die Generation von Friedmans Eltern als Überlebende unter dem Eindruck des Holocaust gewählt hätten.

Sie seien heute wieder den vielfältigsten Antisemitismen ausgesetzt. Wenn sich ein Jude über einen antisemitischen Vorfall beschwert, sieht Friedman in den Blicken der anderen den Vorwurf: „Jetzt stell dich nicht schon wieder in den Mittelpunkt. Als Opfer. Typisch jüdisch“. Die Verschwörungserzählung von der jüdischen Weltherrschaft. Die Unterstellung von Geldgier, die Fürsten, Kaiser und Könige in die Welt gesetzt hätten, um Juden zu töten, denen sie die Schulden nicht zurückzahlen konnten. Alles wieder da. „Die Hitze des Hasses gegen Jüdinnen und Juden“, mahnt Friedman, „ist nur das Symptom dafür, dass der Angriff auf die Freiheit immer erfolgreicher wird.“ Hinzu kommt, dass, wenn es um Israel geht, auch er als deutscher Jude bis heute auch von Bundesministern so angesprochen werde, „als wäre ich auch Israeli“. Deutsche Juden werden so völlig ungerechtfertigt haftbar gemacht für das, was in Israel passiert.
David Grossman: Israelis müssen noch lernen, die Mehrheit zu sein
Dabei können sie es fast so wenig beeinflussen wie nichtjüdische Deutsche. Abgesehen vom mangelnden Sachverstand wird ohnehin niemand in Israel auf Deutsche hören, betonte noch jüngst der Journalist Richard C. Schneider, langjähriger Israel-Korrespondent der ARD, bei einem Podiumsgespräch in Essen: „Dort hört man höchstens auf die Amerikaner. Wenn überhaupt.“ Und leider hören auch nur wenige auf David Grossman, jenen Schriftsteller, der den Tod seines Sohnes bei einem Militäreinsatz im Westjordanland mit dem schrecklich schöne, wahren und guten Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ verarbeitet hat, ohne von seinem Plädoyer für ein friedliches Zusammenleben von Palästinensern und Israelis abzulassen.

In dem Bändchen „Frieden ist die einzige Option“ mit sehr klugen, weitsichtigen Reden und Essays zum Thema weist Grossman nun darauf hin, dass die Israelis nach Jahrhunderten als Minderheit noch lernen müssten, die Mehrheit zu sein und damit, welche Verpflichtungen die Mehrheit gegenüber den verschiedenen auf ihrem Gebiet lebenden Minderheiten hat. Er kritisiert die israelische Gewöhnung an die Besatzung palästinensischer Gebiete, sie würdige deren Einwohner zu Menschen zweiter Klasse herab: „Die Eroberten werden irgendwann als von Natur aus minderwertig eingeschätzt.“ Grossman sieht, dass die Komplexität des Konflikts durchaus lähmend wirkt – aber auch, „dass Stärke allein keinen Sieg garantiert“.
Das sind die Bücher
Michel Friedman: Judenhass. Berlin Verlag, 105 Seiten, 12 €.
David Grossman: Frieden ist die einzige Option. Hanser, 63 Seiten, 10 €.
Meron Mendel: Über Israel reden. Eine deutsche Debatte. Kiepenheuer & Witsch, 217 Seiten, 22 €.



