Die wahren Geschichten der Oper stehen ihren Mantel-und-Degen-Stories kaum nach. Elisabeth Schwarzkopf, zu dieser Zeit schon Sängerin von Weltrang, hört 1953 in Verona die „Traviata“. Was da aus der Kehle der Titelheldin zum Ohr der superkritischen Sopranistin vordringt, hat Konsequenzen: Schwarzkopf beschließt: „Ich werde diese Rolle nie mehr singen.“
So machtvoll und übermächtig in Stimme (über drei Oktaven!) und Präsenz war Maria Callas – ob als Norma, Lucia, Leonora oder Amina – dass sie die Größten mit ihrer Kunst einschüchterte. Selbst ein Weltstar wie Christa Ludwig konnte nicht zum Ausruhen in die Garderobe gehen, wenn sie mit Maria Callas in einer Oper besetzt war. Ludwig stand in der Bühnengasse und hörte nicht auf, elektrisiert zu sein, manchmal musste sie weinen.
100 Jahre Maria Callas - ein Leben zwischen Triumph in der Oper und privaten Krisen
„Die Tigerin“, nannte man Maria Callas, die am 2. Dezember 100 Jahre alt geworden wäre. Und natürlich war das allenfalls die medial tauglichere Hälfte einer Frau, die alles für ihre Karriere tat, und dabei auf eine Weise verarmte, von der einer ihrer letzten Briefe sprach: „Kein Kind, keine Familie, kein einziger Freund.“ Dazwischen lagen Aufstieg und Fall einer Stimme, die in ihrer glühenden Dauer-Ekstase Millionen berauschte.

Am Anfang steht eine Chancenlose: ein dickes, bebrilltes Einwandererkind (Dioptrien: Minus 14) aus Manhattan. Die Familie zerbricht. Zurück in Athen fälscht Callas, eigentlich Mariana Kalogeropoulou, ihren Ausweis, weil sie fürs Konservatorium viel zu jung ist: 14! Nur fünf Jahre später ist sie Puccinis „Tosca“, eine mörderische Partie, Säule ihres Ruhms, dessen Kürze (schon mit 41 sang sie das letzte Mal in der Oper, die Stimme nahezu ruiniert, eine Comeback-Tournee in den frühen 1970ern wird abgebrochen) den Mythos Callas nie aushöhlen konnte. Zu groß ihre Gabe, zu einzigartig ein Sopran, in dem stets der Abgrund der Schicksalsgeprüften klaffte, nicht weniger jene vibrierende Sinnlichkeit, die kaum noch von dieser Welt war. Großen Partien Verdis und Puccinis stellte Callas kühne Interpretationen gegenüber: Lange verkannte Belcanto-Dämchen befreite sie aus der Voliere der Koloraturvögelchen, plötzlich hörte die Welt Hochdramatische bei Bellini und Donizetti.
Maria Callas privat: Diäten, Allüren, falsche Männer und am Ende Einsamkeit
Hinter den Kulissen des Triumphs: falsche Männer (vom 27 Jahre älteren, schwerreichen Gatten bis zur fatalen Affäre mit Onassis), radikale Diäten, um ihrem Idol Audrey Hepburn zu gleichen (Callas fiel von 92 Kilo auf 52), Allüren in der Kunst, dazu ein glanzvoll-leeres Jetset-Leben mit Hündchen und Juwelen.
Als Elisabeth Schwarzkopf Maria Callas zum letzten Mal sieht, rührt sie die große Tragödin auf einer anderen Bühne an. Beim Besuch in der Pariser Wohnung der einst Gefeierten trifft sie auf das Gespenst einer Diva: Nur noch von „ihr“ spricht da Callas über Callas, umgeben von Roben aus den Tagen, da ihr die Opernwelt zu Füßen lag. „Ein armes Wesen!“ Im September 1977 starb die große Griechin an Herzversagen, nur 53 Jahre alt.


