Jennifer Sieglar hat ihr Leben umgekrempelt. Nach einem Klimagipfel der Vereinten Nationen in Paris, wo sie als Reporterin für die Sendung „logo!“ war, sagte sie sich: Ich möchte etwas ändern. Weniger Plastikmüll produzieren. Weniger Kleidung kaufen. Weniger Auto fahren.
Ein Jahr lang nahm sie sich jeden Monat etwas anderes vor. Dann schrieb sie das Buch „Umweltliebe“. Und noch ein zweites Buch für Kinder und Jugendliche: „If I could save the world“ (übersetzt: Wenn ich die Welt retten könnte). Im Interview erzählt Jennifer Sieglar (37), was sie in ihrem Leben geändert hat, um die Umwelt und das Klima zu schützen.
Es war bestimmt nicht einfach, ein Jahr lang den Selbstversuch zu machen, umweltfreundlich zu leben, oder?
Jennifer Sieglar: Das stimmt. So etwas ist kein Projekt, das man mal kurz ausprobiert. Man muss wirklich sein Leben ändern. Deswegen habe ich mir das vorher auch gut überlegt. Ich habe aber nicht zu 100 Prozent geahnt, was da auf mich zukommt.
Sie haben eine Challenge, also eine Herausforderung, pro Monat gemacht. War das nicht ein bisschen viel auf einmal?
Viele Dinge, die man ändert, tun gar nicht so weh, sondern machen das Leben besser. Meine Ernährung umzustellen, hat mir so gut getan und macht mir auch immer noch sehr viel Spaß. Ich esse regional, saisonal und tierproduktearm. Ich habe viele neue Produkte entdeckt und der Geschmack ist auch ein ganz anderer.
Was bedeutet saisonal essen?
Ich kaufe im Winter keine Tomaten, sondern esse zum Beispiel ein Schwarzkohl-Risotto. Das hätte ich mir vorher niemals gemacht, es schmeckt aber super lecker. Oder Rote-Bete-Pasta. Und im Sommer bekommt man dann die supersüßen, aromatischen Tomaten und denkt sich: „Wow, so sollten Tomaten schmecken!“ Das sind schöne Erlebnisse!
Wie schafft man eine solche Ernährung in der Familie?
Man kann sich einen Saisonkalender im Internet ausdrucken und in die Küche hängen. Darauf kann man sehen, welches Gemüse und welches Obst gerade Saison hat. Danach kann man dann einkaufen gehen. Man kann sich auch als Familie überlegen, ob man eine Bio-Kiste abonniert. In dieser Kiste ist immer genau das drin, was gerade wächst. Es ist auch für Kinder schon sehr einfach, wenig oder gar kein Fleisch zu essen oder statt Kuhmilch eine Pflanzenmilch, etwa Hafermilch, zu trinken.
Sind Sie selbst Vegetarierin?
Ich esse Käse und Eier. Wir sind an einem Hühnermobil beteiligt, das hier in der Nähe steht. Ich esse auch ganz selten mal Fleisch. Früher habe ich jeden Tag Wurst gegessen, das mache ich gar nicht mehr.
Was tun Sie, um beim Einkaufen Plastikmüll zu vermeiden?

Ich kaufe Milch und Joghurt in Mehrweg-Glasbehältern. Man kann auch Dinge in einem Unverpackt-Laden kaufen. Im Supermarkt achte ich zum Beispiel darauf, dass ich die unverpackte Paprika kaufe und nicht die eingeschweißte Dreier-Paprika. Ich nehme mir immer ein kleines Netz mit. Oder man lässt alles auf dem Kassenband herumkullern, das geht auch.
In Ihrem Buch können Kinder und Jugendliche auch immer selbst eintragen, was sie in ihrem Leben umsetzen. Welche Rückmeldungen bekommen Sie da?
Viele schreiben mir, dass es ihnen Spaß macht, ihre eigenen Ideen aufzuschreiben.
Das Thema Mobilität ist auch eine Herausforderung. Sie haben einen Monat aufs Auto verzichtet. Wie sieht es heute aus?
Ich wohne eher ländlich und auf einem Berg. Bei mir ist es nicht so einfach mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich laufe zum Markt, obwohl es super steil ist. Ich laufe auch zu einem Hundeladen, um Futter zu kaufen. Ich kann aber nicht ohne Auto zur Arbeit kommen, da wäre ich pro Tag vier Stunden unterwegs. Deswegen haben mein Mann und ich ein E-Auto und laden es mit Ökostrom.
Und wie ist Ihre Einstellung zum Fliegen?
Ich finde, man darf noch fliegen. Es wäre absurd, von sich selbst zu verlangen, komplett aufs Fliegen zu verzichten und alle anderen fliegen noch in der Weltgeschichte herum. Ich selbst wäre dann einfach zu traurig. Man kann aber genau auswählen. Früher bin ich von Frankfurt auch mal nach Paris geflogen. Das würde ich heute nicht mehr machen. Auch Inlandsflüge, etwa von Köln/Bonn nach Berlin, finde ich unnötig. Solche Strecken mache ich mit dem Zug. Ich finde es total angenehm, mit dem Zug zu reisen. Ich möchte aber auch noch etwas von der Welt sehen. Man muss ja nicht vier Tage Mallorca, fünf Tage Paris und eine Fernreise in einem Jahr machen.
Sie werben für die Aktion #2minutebeachclean. Was ist das?
Es ist eine coole Sache, weil man etwas für die Umwelt tut und sich bewusst macht, wie viel Müll überall herumliegt. Das mache ich an jedem Strand, an dem ich bin. Ich sammle mindestens zwei Minuten Müll auf, meistens sogar länger, man hat ja im Urlaub Zeit. Ich war bisher erst an einem einzigen Strand, an dem ich nichts gefunden habe, das war in Sankt Peter-Ording. Wenn das jeder machen würde, könnten wir viel Plastikmüll vermeiden, der von den Stränden ins Wasser gespült wird und vielleicht in den Mägen von Tieren landet.
Und wie kann man in Sachen Energie umweltfreundlich leben?
Als Familie kann man sich für einen Anbieter von Ökostrom entscheiden. Und man kann zu Hause Energie sparen, zum Beispiel indem man immer das Licht ausmacht, wenn man aus dem Raum geht.
Was entgegnen Sie Menschen, die sagen, dass man als Einzelner in Deutschland das Klima nicht retten kann?

In meinem Buch „Umweltliebe“ habe ich deswegen nach jedem Kapitel geschrieben, was die Politik tun müsste. Die Politikerinnen und Politiker haben eine große Verantwortung. Ich denke aber, wenn viele Menschen viele kleine Dinge tun, wird es eine große Sache. Wenn Politikerinnen und Politiker merken, dass die Bevölkerung umweltbewusster denkt, treffen sie auch eher entsprechende Entscheidungen. Deswegen ist es gut, wenn alle mitmachen.
Sie schreiben „Jeder kann sein Bestes geben“…
Ich denke, es kann nicht jeder alles machen. Nicht jeder kann eine Solaranlage auf sein Hausdach bauen. Menschen, die beruflich viel fliegen müssen, können das vielleicht reduzieren, aber nicht völlig drauf verzichten. Kinder, die auf dem Land wohnen, können nicht mit der Straßenbahn zum Sport fahren, aber Kinder, die in der Stadt wohnen, schon. Sie müssen sich nicht mit dem Auto fahren lassen. Jeder kann für sich selbst gucken, was möglich ist. Wenn Eltern keine Bio-Kiste wollen, können Kinder trotzdem sagen: „Ich esse kein Fleisch mehr.“ Dann werden Eltern auch weniger Fleisch kaufen.
Führen Sie heute ein glücklicheres Leben?

Ja, ich lebe vor allem viel mehr an der Natur. Ich laufe viel mehr und achte darauf, wie ich mich ernähre. Wenn man mit dem Zug irgendwo hinfährt, ist man auch nicht mehr so gestresst, man kommt ja langsamer an. Die Zeit, die es braucht, irgendwo hin zu kommen, weiß man viel mehr zu schätzen. Ich bin aber auch nicht zu streng mit mir, denn sonst macht es auch keinen Spaß mehr. Man sollte da nicht zu verbissen herangehen.


