Wenn chronische Schmerzen zum ständigen Begleiter werden und herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend helfen, kann die Neuromodulation neue Möglichkeiten eröffnen. Die moderne Therapie setzt unter anderem bei chronischen Nervenschmerzen, Beschwerden nach Rückenmarksverletzungen oder bei Multipler Sklerose und Morbus Parkinson an. Auch bei Harn- und Stuhlinkontinenz sowie einem schwer behandelbaren Restless-Legs-Syndrom kann sie eine Option sein. Bei einer Patientenveranstaltung am 24. September geben Experten Einblicke in die verschiedenen Verfahren, erklären die Möglichkeiten verständlich und beantworten Fragen. Die Redaktion sprach mit Dr. med. Björn Carsten Schultheis, Chefarzt der Fachabteilung Neuromodulation.

Für wen ist das Angebot gedacht?
Dr. Björn Carsten Schultheis: Die Veranstaltung richtet sich vor allem an Patienten mit chronischen Nervenschmerzen, die bereits austherapiert sind. Dafür kann es unterschiedliche Ursachen geben. Zum Beispiel können nach Operationen Nerven verletzt worden sein, sodass ein neuropathischer Schmerz zurückbleibt. Solche Schmerzen sind konservativ nur sehr schwer zu behandeln. Medikamente helfen leider nur bei etwa 30 Prozent der Patienten dauerhaft.
Genau hier liegt eine Domäne der Neuromodulation. Dabei kann man mit sogenannten Schmerzschrittmachern noch einiges erreichen. Interessant ist das zum Beispiel auch für Patienten mit chronischen Nervenschmerzen nach Knieoperationen oder nach größeren Baucheingriffen. Eine wichtige Gruppe sind außerdem Menschen mit Endometriose, die teilweise einen langen Leidensweg hinter sich haben.

Behandlungsansätze bei konservativ Austherapierten

  • chronischen Nervenschmerzen nach Operationen und Eingriffen
  • Rückenmarksverletzungen
  • Multipler Sklerose und Morbus Parkinson
  • Harn- und Stuhlinkontinenz
  • schwer behandelbarem Restless-Legs-Syndrom (RLS)

Ist die Neuromodulation also so etwas wie der letzte Rettungsanker, wenn andere Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind?
Ja, so kann man es sagen. Es ist aber wichtig, das Angebot klar einzugrenzen: Wenn es eine behandelbare Ursache gibt, hat diese immer Vorrang. Wenn etwa an der Wirbelsäule eine Instabilität oder eine hochgradige Verengung vorliegt, die Nerven stark einengt, muss das zunächst operiert werden.
Auch bei Durchblutungsstörungen kann die Neuromodulation eine Rolle spielen. Ein Beispiel ist die periphere arterielle Verschlusserkrankung, kurz PAVK. Dabei führt die Durchblutungsstörung zu einer Sauerstoffunterversorgung des Gewebes und kann dadurch ebenfalls Nervenschmerzen verursachen. Auch diese Patienten können von dem Verfahren profitieren, wenn sie chirurgisch austherapiert sind.

Wie funktioniert ein solcher Schmerzschrittmacher?
Der Wirkmechanismus ist noch nicht zu 100 Prozent geklärt. Vereinfacht gesagt werden elektrische Signale aus der Peripherie über Nerven und das Rückenmark zum Gehirn weitergeleitet. Erst im Gehirn entstehen aus diesen Informationen Schmerzen.
Bei der sogenannten Spinal Cord Stimulation stimulieren wir das Rückenmark. Durch die Stimulation bestimmter Nervenfasern wird die Weiterleitung der Signale, die die Schmerzinformation transportieren, moduliert. Das hört sich sehr mechanistisch an und einfach ist es natürlich nicht. Ziel ist, dass der Schmerz anschließend nicht mehr so stark wahrgenommen wird.
Bei Patienten mit Durchblutungsstörungen kommt noch ein anderer Mechanismus hinzu. Die Gefäße in der Peripherie können sich weiten. Dadurch verbessert sich die Durchblutung und die Sauerstoffversorgung – und damit kann auch der Schmerz zurückgehen.

Schmerz bindet Lebensenergie. Man kann Lebensqualität zurückbekommen und die Funktionalität verbessern.

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Dr. med. Björn Carsten Schultheis, Chefarzt der Fachabteilung Neuromodulation

Welche Bedeutung hat eine solche Behandlung für Menschen, die schon lange unter Schmerzen leiden?
Schmerz bindet Lebensenergie. Schmerz ist eine emotionale Sinneserfahrung, die man sich nicht einfach vorstellen kann. Niemand bildet sich Schmerzen ein.
Chronische Schmerzen führen häufig zu enormer Frustration und zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität und Funktionalität. Wenn der Schmerz durch die Therapie besser wird, kann diese durch den Schmerz gebundene Lebensenergie wieder für andere, konstruktive Dinge zur Verfügung stehen.
Darum geht es letztlich bei Lebensqualität. Man wird durch die Behandlung als 70-Jähriger natürlich nicht zum Rennpferd. Aber man kann Lebensqualität zurückbekommen und die Funktionalität verbessern. Wenn die Schmerzen nachlassen, fällt beispielsweise auch Bewegung und Physiotherapie wieder leichter.

Bei welchen Erkrankungen kann Neuromodulation noch infrage kommen?
Entscheidend ist immer, um welche Art von Schmerz es sich handelt. Es geht vor allem um Nerven- beziehungsweise neuropathische Schmerzen und um bestimmte Schmerzen aufgrund von Durchblutungsstörungen.
Ein Beispiel aus dem rheumatologischen Bereich ist Morbus Raynaud. Dabei verengen sich bei Kälte die Gefäße, die Finger werden weiß und es können erhebliche Schmerzen auftreten. Auch hier kann die Neuromodulation helfen. Menschen mit einer schweren Arthritis profitieren dagegen nicht davon.
Eine weitere wichtige Patientengruppe sind Frauen mit Endometriose. Auch hier erleben wir Patientinnen mit einem langen Leidensweg und mehrfachen Operationen, bei denen medikamentöse Therapien nicht ausreichend geholfen haben. Mit speziellen Fragebögen kann zunächst eingeschätzt werden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Nervenschmerz beziehungsweise die neuropathische Komponente ist. Wenn diese erhöht ist, kann ein Therapieversuch sinnvoll sein.

Was bedeutet Therapieversuch in diesem Zusammenhang?
Das ist tatsächlich ein großer Vorteil des Verfahrens. Bei den meisten Patienten kann zunächst eine Testphase durchgeführt werden. Normalerweise können wir die Stimulation neun bis zwölf Tage ausprobieren. In dieser Zeit muss der Schmerz mindestens um die Hälfte zurückgehen. Wenn das nicht der Fall ist, funktioniert es nicht – dann sollte man sich das auch nicht schönreden.
Der Vorteil ist, dass das gesamte System anschließend wieder rückstandslos entfernt werden kann. Im schlimmsten Fall bleiben zwei bis drei kleine Narben zurück. Damit hatte der Patient zumindest noch einmal eine realistische Therapieoption.

Neues aus der Neuromodulation

Neue Perspektiven bei chronischen Schmerzen, Inkontinenz und Gangstörungen
Donnerstag, 24. September 2026
um 18 Uhr
Konferenzloft Kempen, Wiesenstraße 4

Anmeldungen:
https://www.krankenhaus-kempen.de/detailansicht/neues-aus-der-neuromodulation

Wie muss man sich das Implantat vorstellen?
Das ist zunächst ein dünnes Kabel, ungefähr 1,2 Millimeter dick. Je nach Hersteller befinden sich am Ende acht bis zwölf Elektroden. In den meisten Fällen wird die Elektrode in den Epiduralraum gelegt – ähnlich wie ein Epiduralkatheter bei einer Entbindung, nur dass wir kein Medikament, sondern Strom verwenden.
Die Position hängt davon ab, wo das Schmerzgebiet liegt. Der Eingriff erfolgt normalerweise in einer sogenannten Analgosedierung. Der Patient befindet sich also im Dämmerschlaf. Die Sonde wird so positioniert, dass bei der Stimulation möglichst genau im Schmerzgebiet ein Kribbelgefühl entsteht.
Es gibt unterschiedliche Vorgehensweisen für die Testphase. In unserem Fall bleibt die Sonde normalerweise dauerhaft liegen. Unter der Haut wird ein Verlängerungskabel verlegt, das zunächst nach außen geführt wird. Während der Testphase wird daran ein provisorischer Schrittmacher angeschlossen. Wenn der Patient profitiert, muss anschließend nur noch der Generator implantiert werden.
Bei unseren Patienten liegt die sogenannte Trial-to-Perm-Ratio, also der Anteil der getesteten Patienten, bei denen am Ende ein dauerhaftes System implantiert wird, bei etwa 90 Prozent.

Und wie groß ist dieser Generator?
Er hat ungefähr die Größe eines Herzschrittmachers. Dabei gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Herstellern. Bei der Patientenveranstaltung besteht auch die Möglichkeit, sich die Implantate an den Ständen einmal anzusehen und in die Hand zu nehmen. Das hilft vielen Menschen dabei, sich besser vorstellen zu können, wie das Ganze tatsächlich aussieht.

Es gibt neben Schmerzpatienten noch weitere Patientengruppen, bei denen Neuromodulation eingesetzt werden kann?
Ja. Dazu gehören beispielsweise Patienten mit anhaltenden Gangstörungen bei Morbus Parkinson, obwohl sie bereits eine tiefe Hirnstimulation haben. Dazu gibt es erste Erkenntnisse, dass sich das Gangbild durch eine Rückenmarksstimulation noch einmal deutlich verbessern kann.
Eine weitere Möglichkeit ist die sogenannte pharmakologische Neuromodulation mit Schmerzpumpen. Das ist im Prinzip die nächste Stufe, wenn die normale Neuromodulation nicht mehr gewirkt hat. Auch Patienten mit einem austherapierten Restless-Leg-Syndrom können davon profitieren.

Kann Neuromodulation auch bei Kontinenzproblemen helfen?
Ja, auch Patienten mit Stuhl- und Urinkontinenz gehören zu einer wichtigen Gruppe. Die Ursachen können ganz unterschiedlich sein. Bei Männern können beispielsweise große Bauchoperationen oder eine Bestrahlung eine Rolle spielen. Frauen sind besonders häufig betroffen.
Das ist für die Betroffenen eine enorme Belastung und kann weitreichende Folgen für das soziale Leben haben. Auch hier gilt allerdings: Die Patienten müssen wirklich austherapiert sein. Erst wenn beispielsweise der Chirurg oder Proktologe keine weiteren sinnvollen Möglichkeiten sieht, ist eine Vorstellung zur Neuromodulation sinnvoll.
Auch hier gibt es eine Testphase. Früher waren bei der Inkontinenz vier Wochen üblich. Wenn aber bereits nach zehn, zwölf oder 14 Tagen ein deutlicher Erfolg sichtbar ist, kann das ein enormer Zugewinn sein. Wenn ein Patient beispielsweise statt drei Sekunden bereits fünf Minuten den Urin halten kann, ist das im Alltag ein großer Unterschied.
Die Verbesserung wird mit einem Inkontinenz-Tagebuch dokumentiert, bei Schmerzpatienten entsprechend mit einem Schmerztagebuch.

Wie werden solche Therapien finanziert?
Die Verfahren sind sehr teuer. Deshalb haben wir auch eine Verantwortung gegenüber unserem Solidarsystem. Es ist wichtig, dass die Patienten wirklich austherapiert sind und – wenn es sinnvoll ist – eine multimodale Schmerztherapie hinter sich haben. Dazu gehört normalerweise auch eine psychologisch-psychiatrische Beurteilung.
Danach werden die Kosten normalerweise von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Auch bei Privatpatienten werden die Kosten übernommen. Wir empfehlen Privatpatienten trotzdem, die Kostenübernahme vorher mit ihrer Versicherung zu klären. Der Vertrag wird immer zwischen Krankenhaus und Patient geschlossen. So lässt sich vermeiden, dass jemand am Ende auf hohen Kosten sitzen bleibt.

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Chefarzt Dr. med. Björn Carsten Schultheis und Oberärztin Sabine Straeten informieren verständlich und praxisnah über aktuelle Behandlungsmöglichkeiten. © artemed.de | artemed.de

Was ist das wichtigste Ziel der Patientenveranstaltung?
Es geht darum, Menschen anzusprechen, für die Neuromodulation tatsächlich eine sinnvolle Option sein könnte. Gleichzeitig ist wichtig, vorab realistisch einzuordnen, für wen die Behandlung infrage kommt.
Die Veranstaltung soll deshalb auch die Möglichkeit geben, Fragen direkt vor Ort zu klären: Ist das etwas für mich oder nicht? Welche Voraussetzungen gibt es? Wie funktioniert das Verfahren? Und wie sieht das Implantat überhaupt aus?

Ich werde die Veranstaltung gemeinsam mit meiner Oberärztin Sabine Straeten gestalten. Auch die Möglichkeit, die beteiligten Personen und ihre Funktionen kennenzulernen, ist dabei wichtig. Die Patienten sollen wissen, wer ihnen gegenübersteht und mit wem sie sprechen können.

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Hospital zum Heiligen Geist GmbH & Co. KG Von-Broichhausen-Allee 1 47906 Kempen www.artemed.de© www.artemed.de