950 Millionen.

Das ist die Zahl der Menschen, die weltweit auf eine Brille angewiesen wären – sich aber keine leisten können. (Quelle: WHO-Studie von 2019). Die Folge: All diese Menschen haben kaum Chancen, eine qualifizierte Arbeit aufzunehmen – oder dem Unterricht folgen zu können.

1. In Worten: ein Dollar.

So hoch (oder besser: niedrig) sind die Materialkosten für eine „EinDollarBrille“. Diese ganz spezielle Brille hat der damalige Mathematik- und Physiklehrer Martin Aufmuth aus Erlangen vor 14 Jahren erfunden. Sie besteht aus einem leichten, aber hochstabilen Federstahlrahmen – und aus vorgeschliffenen Gläsern aus bruchsicherem Kunststoff (Polycarbonat), die in passender Stärke in den Rahmen eingesetzt werden können. Dazu gibt es ein Sortiment von über 30 Gläserstärken, die ein Spektrum von minus zehn bis plus acht Dioptrien abdecken.

1.010.000, also: eine Million und zehntausend.

So viele Menschen – sie leben in Südamerika (Kolumbien, Brasilien, Paraguay), Afrika (Liberia, Burkina Faso, Kenia, Malawi) und Asien (Indien und Nepal) – können dank der Initiative des gemeinnützigen Vereins „EinDollarBrille e.V.“ und seiner zahlreichen Spender wieder richtig sehen und selbstbestimmt am Leben teilnehmen.

"EinDollarBrille e.V." kostenlose Augenuntersuchung in Brasilien
In 18 Monaten wurden in der 20-Millionen-Stadt São Paolo in Brasilien durch das lokale Team der „EinDollarBrille“ über 230.000 Schüler einem Sehtest unterzogen. Es war das das vermutlich größte Projekt dieser Art weltweit. © "EinDollarBrille e.V." | Martin Aufmuth

Drei Zahlen, die für so viele Schicksale stehen. Martin Aufmuth selbst sagt: „Die vergangenen Jahre waren ein Kampf gegen vielfältigste Widerstände, aber auch voll von vielen spannenden und herzerwärmenden Geschichten. Die Großmutter von 54 Enkeln im Amazonas, die wieder nähen kann. Der kleine Junge im Slum, der das erste Mal seine Mutter sieht und vor Glück weint. Der Zwiebelhändler in Indien, der wieder das Wechselgeld zählen kann …“

„Manche Menschen wissen gar nicht, dass es so etwas wie eine Brille überhaupt gibt.

Martin Aufmuth, Gründer des Vereins „EinDollarBrille e.V.“

Vor allem auf dem Land treffe man oft Menschen, so erzählt er, die gar nicht wissen, dass es so etwas wie eine Brille überhaupt gibt. „Man muss dann erst einmal Aufklärungsarbeit leisten und mit den Menschen sprechen.“ Erst beim Durchschauen kommt der Aha-Effekt: „Das sind ganz abgefahrene Geschichten, wenn ein Mann zum Beispiel zum ersten Mal richtig seine Frau sieht.“ Er erinnert sich auch an den Lastwagenfahrer in Burkina Faso, der seinen Lkw lange mit sechs Dioptrien fast blind durch die Gegend steuerte – bis eine EinDollarBrille das haarsträubende Sicherheitsrisiko ein für alle Mal stoppte.

EinDollarBrille: Ashok der Zwiebelhändler (Indien)
Ashok Sah, Zwiebelhändler in Indien.© EinDollarBrille e.V. | Antje Christ

Oder nehmen wir Ashok Sah, den besagten indischen Zwiebelhändler. Früh am Morgen erscheint er beim Augencamp der „EinDollarBrille“. Sein Problem: Er kann seine Ware kaum noch sehen. Beim Blick durch die neue Sehhilfe ist er schier begeistert: Er möchte sie unbedingt kaufen, hat aber kein Geld. Ashok Sah bittet herzlich darum, dass er die Brille dennoch mitnehmen darf. Gesagt, getan. Am Abend kommt der Gemüsehändler lachend zurück. Er hat seine Zwiebeln verkauft und bezahlt stolz seine Brille.

So kann man das Projekt unterstützen

Spendenkonto: Sparkasse Erlangen, IBAN: DE56 7635 0000 0060 0444 15.

Wenn Sie ehrenamtlich tätig werden wollen - Infos hier.

Weitere Infos unter www.eindollarbrille.de, Tel. 09131 / 913 9431 oder info@eindollarbrille.de

"EinDollarBrille e.V."
So (wie hier in Uganda) werden die "EinDollarBrillen" hergestellt - es ist kinderleicht.© EinDollarBrille e.V. | Martin Aufmuth

Martin Aufmuth beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit dem Thema Entwicklungshilfe. Daher kommt sicher der Gedanke einer nachhaltigen Unterstützung – was ihm bereits ein knappes Dutzend Auszeichnungen und Preise eingebracht hat (zuletzt auch den Marion-Dönhoff-Preis 2025 - die Laudatio hielt Eckart von Hirschhausen). „Unser Ziel lautet, eine augenoptische Grundversorgung aufzubauen, die weniger abhängig ist von Spendengeldern“, sagt der 52-Jährige: „Klar, natürlich brauchen wir das Geld zum Aufbau von Strukturen. Aber die Brillenproduzenten sollen die Brillen vor Ort selbst herstellen. Wir bauen ein Social Business auf.“ Die Brille ist erschwinglich auch für Menschen, die vielleicht nur einen Dollar pro Tag verdienen.

2024 wurde in der brasilianischen Metropole São Paulo ein Großprojekt gestartet, bei dem 230.000 Schulkinder an 567 Schulen durch zehn Fachteams kostenlose Augenuntersuchungen erhielten. Bei Bedarf (in gut 49.000 Fällen) wurden direkt Brillen angepasst – oder weitergehende Behandlungen eingeleitet. Es war die größte augenärztliche Aktion dieser Art weltweit. Mittlerweile gibt es auch noch weitergehende Initiativen wie den Kampf gegen den Grauen Star, eine Eintrübung der Augenlinse. Dazu werden Fachkräfte ausgebildet, die bei Bedarf Operationen durchführen können.

Martin Aufmuth, "EinDollarBrille e.V."
Martin Aufmuth erklärt die Funktionsweise - das Bild entstand 2017 in Indien.© EinDollarBrille e.V. | Antje Christ

Es war ein echter Meilenstein, als der Verein im September 2025 die einmillionste Brille ausgeben konnte – „eine Million Kinder, die wieder lernen, und Erwachsene, die arbeiten und für ihre Familien sorgen können“. Mittlerweile sind es schon weitere zehntausend. So viele Menschen. So viele Brillen. Und so viele Schicksale, die durch eine kleine, aber clevere Erfindung und eine große Vision zum Guten gewendet wurden.