46.000 Betriebe, knapp 300.000 Beschäftigte, 36,7 Milliarden Euro Jahresumsatz: „Das Handwerk ist eine tragende Säule für wirtschaftliches Wachstum und wirtschaftliche Stabilität im Ruhrgebiet“, sagt der Regionaldirektor des RVR, Garrelt Duin. Doch das Handwerk hat Probleme, und zwar nicht zu knapp.
„Eine von Zwergen bediente Riesenmaschine“
Da ist zum eine der grassierende Fachkräftemangel, der 19 von 20 Unternehmen belastet. Da ist das, was der französische Autor Honoré de Balzac schon vor 200 Jahren „die einzige von Zwergen bediente Riesenmaschinerie“ nannte: die Bürokratie mit ihren zahlreichen Hürden. Da sind aber auch komplizierte Ausschreibungen und ausbaufähige Zahlungsmoral bei öffentlichen Aufträgen. Da ist ein großer Flächenbedarf, besonders in Innenstädten. Und da sind Probleme bei der Mobilität, der Digitalisierung und dem klimagerechten Wandel.
Es besteht dringender Handlungsbedarf
Kurzum: Es besteht dringender Handlungsbedarf. Das ist vermutlich niemandem so klar wie Garrelt Duin selber. Als früherer
NRW-Wirtschaftsminister, als ehemaliger Leiter der Handwerkskammer Köln und als amtierender RVR-Direktor kennt der 57-Jährige so ziemlich alle Facetten des komplexen Themas. Das Resultat ist nun ein „Masterplan Handwerk“, den der Regionalverband Ruhr gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Handwerk Region Ruhr im Juli vorgestellt hat. In dem Netzwerk bündeln die Handwerkskammern Dortmund, Düsseldorf und Münster sowie neun Kreishandwerkerschaften ihre Interessen und
politischen Standpunkte.

Die zentrale strategische Initiative basiert maßgeblich auf einer umfassenden Struktur- und Potenzialanalyse, die das Ranstädter Forschungsinstitut Edipa GmbH im Auftrag von RVR und Handwerk Region Ruhr 2024 veröffentlicht hat. Der 60 Seiten starke Masterplan gibt zahlreiche Handlungsempfehlungen und nennt 18 konkrete Umsetzungsprojekte. Alle zielen darauf ab, das Handwerk und den Mittelstand im Ruhrgebiet zu stärken und zukunftsfähig aufzustellen. Enthalten ist auch ein konkretes Arbeitsprogramm für die kommenden fünf Jahre, dessen Fortschritte bis 2030 regelmäßig überprüft und veröffentlicht werden sollen. Was aber sind die wichtigsten Bausteine des Masterplans? Diese fünf Themenfelder betrachten die Organisatoren als zentral.
1.: Mittelstandskultur und Innovation
Markus Hartmann, Geschäftsführer Wirtschaftsförderung der Handwerkskammer Münster, sagt es so: „Das Handwerk ist Rückgrat unserer mittelständischen Wirtschaft und zugleich zentraler Akteur der regionalen Transformation.“ Um dies zu stärken, empfehlen die Macher des Masterplans niedrigschwellige Förderprogramme, vereinfachte Ausschreibungen sowie einen verstärkten und (bezogen aufs Handwerk) kompetenteren Einsatz kommunaler und regionaler Wirtschaftsförderungen, was zum Beispiel Digitalisierung und Innovationstransfer angeht. Der RVR will dies konkret unterstützen, etwa durch eine „Praxiskonferenz Vergabe Ruhr“, ein neues Verwaltungsnetzwerk „RuDi“ (Ruhr Digital) und einen „Practical Innovators Day“, der Handwerk und Hochschulen zusammenführt.
2.: Bildung und Ausbildung von Fachkräften
„Wenn wir die wirtschaftliche Zukunft der Region sichern wollen, müssen wir junge Menschen wieder stärker für das Handwerk begeistern“: Davon ist Dr. Axel Fuhrmann, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf, überzeugt. Die Mittel dazu seien „moderne Ausbildungsformate, mehr Sichtbarkeit und echte Gleichwertigkeit zur akademischen Bildung“. Konkret nennt der Masterplan unter anderem einen „Ausbildungspreis Ruhrgebiet“, mit dem jährlich drei vorbildliche Betriebe ausgezeichnet werden sollen, und verbesserte Netzwerkarbeit im Kontext der beruflichen Bildung. Eine gemeinsame Fachkräftereihe dazu wurde bereits im März gestartet. Ebenso sollen Daten zur Ausbildung systematisch ausgewertet und in den „Bildungsbericht Ruhr“ des RVR integriert werden.
3.: Flächenbedarf und Planungsrecht
Geeignete Standorte und Flächen sind essenziell – es braucht aber auch ein entsprechendes Planungsrecht, um dem Handwerk langfristig Raum zur Entfaltung zu geben, heißt es im Masterplan. Nochmals Fuhrmann: „Bezahlbare Flächen sind heute Mangelware. Hier wollen wir mit klaren Planungsinstrumenten und neuen Standortstrategien gegensteuern.“ So soll ein Leitfaden zur Entwicklung von Handlungszentren bis Ende 2027 konkrete Lösungen aufzeigen und Leitlinien für Projektentwickler und Investoren aufzeigen. Ebenfalls geplant sind ein umfassendes regionales Info-System für Handwerksstandorte und eine regionale Allianz zur Aktivierung von Gewerbeflächen.
4.: Mobilität
„Handwerksbetriebe sind auf funktionierende Mobilitätsketten angewiesen – von Arbeitswegen bis zum Gütertransport“, erklärt Carsten Harder, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Dortmund. Und dies betreffe gleichermaßen die Beschäftigten, den Materialtransport und den Kundenzugang. „Doch Staus, fehlende Ladeinfrastruktur und Stellplatzprobleme gefährden zunehmend die Effizienz handwerklicher Leistungen.“ Um das Handwerk mobil und damit zukunftsfähig zu halten, soll der Masterplan verlässliche Verkehrswege, wirtschaftsfreundliches Parkraummanagement und gezielte Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur sicherstellen. Dies soll Eingang in die Mobilitätskonferenz.Ruhr (MOKO) des NRW-Verkehrsministeriums finden. Zudem möchten die Organisatoren handwerkliche Wirtschaftsverkehre in das bestehende regionale „Verkehrsmodell für das Ruhrgebiet“ integrieren, das von der TU Berlin als Instrument zur strategischen Verkehrsplanung entwickelt wurde.
5.: Klimaschutz und Resourceneffizienz

Klimarelevante Gewerke leisten wichtige Beiträge zum Klimaschutz und spielen eine zentrale Rolle in der Kreislaufwirtschaft. Deshalb soll das Handwerk stärker als bisher in kommunale und regionale Klimapläne eingebunden werden. Etwa in das Projekt „Klimafit Ruhr“, mit dem der RVR etwa durch Solarenergie und Energiesparhäuser attraktive Angebote schaffen möchte – besonders auch für mittelständische Betriebe. Zudem möchten Handwerk Region Ruhr und Regionalverband Tools (samt Schulungen) zur Verfügung stellen, die eine einfache Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten und Energiebilanzen ermöglichen. Damit, so die Hoffnung, können sich Handwerksbetriebe besser bei Kunden und Banken positionieren.
Der Masterplan
Auf 60 Seiten fasst der Strategieplan Fakten, Probleme und Lösungsansätze zusammen. Der Regionalverband versteht ihn als Selbstverpflichtung, die Interessen des Handwerks verstärkt in seinen laufenden Aktivitäten zu berücksichtigen. Er richtet sich aber auch an die Kommunen der Region.
Gerade auf lokaler Ebene würden viele für das Handwerk relevante Entscheidungen getroffen. Künftig solle die Zusammenarbeit zwischen Handwerk und den verbandsangehörigen Kommunen verbessert werden, um mittelständische Strukturen zu stärken.
In den Plan flossen Ergebnisse einer Struktur- und Potenzialanalyse ein, die seit Ende 2023 vorliegt.


