Knapp 130 Jahre Emscher-Geschichte in vier Sätzen, die es in sich haben: Ein Sozialäquator, der das Ruhrgebiet in einen reichen Süden und einen „dreckigen“ Norden teilt, bevölkert überwiegend von polnischen Einwanderern. Und dies bewusst herbeigeführt vor knapp 130 Jahren, in einem Schulterschluss von mächtigen Politikern und Bergwerksdirektoren. Ein Fluss, der als Kloake „geopfert“ wurde, um die Hoch- und Schmutzwasser-Misere samt grassierender Seuchen kostengünstig zu beenden – was die neue Emschergenossenschaft als „Bad Bank“ umzusetzen hatte. Diese wiederum entdeckte (neben ihrem Auftrag der Wasser-Ver- und -entsorgung) erst ab den 1950er- und verstärkt 1970er-Jahren ihre „grüne Seite“ – was mit dem Emscher-Umbau und der Abwasserfreiheit im Jahr 2022 einen spektakulären Höhepunkt fand.
Forscher liefern provokante Thesen
Keine Frage: Es steckte Zündstoff in dem, was Prof. Dr. Eva-Maria Roelevink und Dr. Lutz Budrass da im Technologie- und Gründerzentrum Wattenscheid ausführten (und was sie in ihrem Buch „Die Macht der Entwässerung“ ausführlich niedergeschrieben haben). Auf dem Gelände der früheren Zeche Holland eröffneten die beiden am Donnerstag vor der Bundestagswahl eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion. Thema des Abends, zu dem die Emschergenossenschaft eingeladen hatte: „Die (Neu-)Erfindung des Ruhrgebiets.“ Konkret: Wo liegen Chancen und strukturelle Mängel? Wo stehen wir 2030 und darüber hinaus?
Eine Antwort vorweg gab Dr. Frank Obenaus, der den kurzfristig verhinderten Vorstandsvorsitzenden Prof. Uli Paetzel auf dem Podium vertrat: „Die Perspektive auf die Umwelt hat sich radikal verändert“, sagte der Technik-Vorstand der Emschergenossenschaft. „Unser Kernauftrag ist heute, gestalterisch tätig zu werden. Wir tragen zu Hochwasserschutz und zu maximaler Klima-Resilienz bei. Dafür wünsche ich mir ein starkes Mandat.“

Vor der eigentlichen Diskussion schlug Jörg Peter Schräpler, Professor für sozialwissenschaftliche Datenanalyse an der Ruhr-Uni Bochum, die Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart. In einem zweiten Impulsvortrag beleuchtete er die Region anhand von kleinräumigen Zensusdaten wie mit einem Brennglas. Auch seine Befunde hatten es in sich: Fast alle wichtigen Sozialindikatoren weisen weite Teile des nördlichen Ruhrgebiets als Problemzone aus. Man könnte sagen: Was uns da in den 1890er-Jahren eingebrockt wurde, es wirkt bis heute kräftig nach.
„Die Situation brennt in diesen Bezirken“
Kaufkraft, Arbeitslosenquote, Kinderarmut, Bedarf für Grundsicherung, Bildungsgrad von Kindern und Erwachsenen, Anteil am Bruttoinlandsprodukt – all das zeichnete für die Metropole Ruhr insgesamt (im Vergleich zu anderen Metropolregionen) und ganz besonders für große Teile die Emscher-Region ein wenig glorreiches Bild. Schräpler wörtlich: „Die Situation brennt in diesen Bezirken, daran muss man arbeiten.“ Konkret nannte er als Handlungsbedarf die dringend notwendige Steigerung des Qualifikationsniveaus, den Abbau von Altschulden und die Steigerung der Frauenerwerbsquote, die nur bei gut 53 Prozent liegt.

„Unsere Kinder sind nicht dümmer als die in München“
Moderatorin Sara Bildau schloss die provokante Frage an: „Warum sollte man dann überhaupt im Ruhrgebiet bleiben?“ Dr. Frank Dudda, OB von Herne und Ratsvorsitzender der Emschergenossenschaft, musste nicht lange nachdenken. „Ich wäre gerne noch einmal 20. Mein Sohn wächst heute in einem ganz anderen Ruhrgebiet auf als ich damals.“ Das Potenzial der Metropole Ruhr, die sich zu einer starken Wissensregion entwickelt hat, sei beträchtlich. „Wir haben die Chance, die Rückstände aufzuholen.“
Das sah Bärbel Bergerhoff-Wodopia (RAG-Stiftung) nicht anders. „Wir wissen, was das Ruhrgebiet leisten kann. Unsere Kinder sind nicht dümmer als die in München. Allerdings muss jedes Kind die Möglichkeit haben, einen Schulabschluss zu machen.“ Oder wie es Elke Kappen in einer Wortmeldung unterstrich: „Bildung ist der Schlüssel zu allem!“ Die Bürgermeisterin von Kamen saß als Gast im Plenum.
„Wir können Wandel, hier bleibt alles anders“
Was aber zeichnet das Revier eigentlich aus? Sicher auch eine spezielle Identität, wie Garrelt Duin meint: „Anpacken, Mentalität, Optimismus.“ Nicht umsonst habe man als Motto der aktuellen Standortmarketing-Kampagne frei nach Herbert Grönemeyer den Claim „Hier bleibt alles anders“ ausgewählt. Der Regionaldirektor des Regionalverbandes Ruhr ist überzeugt: „Wir können Wandel. Das Ruhrgebiet 2025 strahlt Internationalität aus.“ Duin, mit Blick auf hohe Altschulden und die Forderung nach einem Schuldenschnitt, sagte aber auch: „Wir müssen uns neu erfinden und nicht allein auf Düsseldorf und Berlin gucken.“
Auch Oliver Wittke, Vorstandssprecher des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR), glaubt: „Wir müssen mehr über unsere Erfolge reden, statt immer nur verzagt zu sein.“ Der VRR, der es geschafft habe, den Streit über Tarife zu beenden, sei eine solche Erfolgsgeschichte. Wie auch das Deutschlandticket, das „nicht leichtfertig aufgegeben werden darf“. Die Vielfalt der Zentren im Ruhrgebiet sei Stärke und Fluch zugleich. Da brauche es Geld für Infrastruktur und Ausbau, denn: „Mobilität ist wie das Herz-Kreislauf-System in einem Organismus: Wenn sie nicht funktioniert, funktioniert der ganze Körper nicht.“ Ähnlich wie Duin glaubt aber auch Wittke: „Wir müssen als erstes unsere Hausaufgaben machen, Strukturen ändern, effizienter werden – bevor wir mit Forderungen nach Düsseldorf, Berlin und Brüssel fahren.“

„Verbesserung der Lebensqualität für alle“
Apropos Hausaufgaben: Die Emschergenossenschaft, so Frank Obenaus, werde die ökologische Sanierung der Region vorantreiben. Übrigens inklusive Aufholprozess im nördlichen Revier. „Wir haben schon 350 Kilometer an Gewässern umgestaltet, weitere werden in Angriff genommen.“ Beim Hochwasserschutz und der Klimaresilienz werde man in den nächsten Jahren maßgebliche Erfolge erreichen. „Das bedeutet eine Verbesserung der Lebensqualität für alle.“
Der erfolgreiche Emscher-Umbau, glaubt Frank Dudda, müsse eine Blaupause für andere Strukturprojekte werden. „Wo wir früher im Matsch versackt sind, gibt es heute Wohnviertel, die teuer vermarktet werden.“ Mit Blick auf die an diesem Abend sehr präsente Bildungs-Thematik forderte Dudda eine soziale Transformation. „Die Emschergenossenschaft kann dabei helfen.“

„53 Städte können eine große Kraft entwickeln“
Eine Vorlage, die Garrelt Duin gerne aufnahm: „Wir brauchen den solidarischen Gedanken. Jeder Einzelne ist es wert, dass wir uns um ihn kümmern.“ Was bei den Grundkenntnissen der deutschen Sprache beginne, ende bei der Exzellenz: So gebe es etwa beim Thema Datensicherheit nirgendwo mehr Kompetenz als im Ruhrgebiet.
Nicht von ungefähr habe die RAG-Stiftung ihr Budget für Bildung, Wissenschaft und Kultur kontinuierlich ausgebaut, entgegnete Bärbel Bergerhoff-Wodopia. Entlang der gesamten Bildungskette und in allen Altersstufen treibe man entsprechende Projekte voran. Stipendienprogramme wie die „Ruhr-Talente“ für Kinder aus nichtakademischen Haushalten oder für Lehrer, die an Problemschulen gehen, sind nur zwei Beispiele. Ihr Fazit: „Wir haben eine Menge zu tun – und es lohnt sich!“
Kein Widerspruch von Frank Dudda, ganz im Gegenteil: „Diese Region hat eine gute Zukunft. 53 Städte (so viele Kommunen und Kreise sind im Regionalverbandorganisiert, die Red.) können eine große Kraft entwickeln, wenn es um erneuerbare Energien, alternative Mobilität und Klimaneutralität geht. Wir sind auf dem Weg zur grünsten Industrieregion der Welt.“ Oder – trotz aller Hemmnisse und Fußangeln – in einem einzigen Satz formuliert: „Diese Region hat eine gute Zukunft!“


