Zusammenfassung
- Während Modekonzerne Kleidung in Rekordtempo produzieren, steht Stricken und Häkeln für Entschleunigung und bewussten Konsum.
- Doch Stricken ist nicht gleich nachhaltig: Nicht jedes Garn und jede Methode ist automatisch umweltfreundlich.
- Viola Kucklinski aus Dortmund zeigt, wie nachhaltiges Stricken mit Wollresten, Secondhand-Garnen und kreativen Techniken gelingen kann.
Kleidung wird heute in Rekordtempo produziert – und genauso schnell wieder weggeschmissen. Modekonzerne bringen jährlich mehr als zehn Kollektionen auf den Markt. Ständig gibt es neue Trends, Retro-Comebacks – und genauso schnell ist alles wieder out. Wer in diesem schnellen Kreislauf zu Nadel und Faden greift, um seine Kleidung selbst zu stricken oder zu häkeln, wirkt fast schon radikal langsam. Denn Stricken braucht Zeit – verdammt viel Zeit. Doch Nachhaltigkeit beginnt selbst beim Stricken nicht mit der ersten Masche, sondern beim Material. Lesen Sie hier: Top Strickläden in NRW: Hier kriegt Ihr Wolle und Zubehör
Merinowolle etwa stammt oft aus Australien oder Neuseeland, wo das umstrittene Mulesing – das schmerzhafte Entfernen der Haut rund um das Hinterteil junger Schafe ohne Betäubung – gängige Praxis ist. Hinzu kommen CO2-intensive Transportwege und chemische Behandlungen. Aber: Wer gerade den Trend für sich entdeckt hat – oder schon seit Generationen ein Stricksockenmuster weitervererbt –, findet einen Weg, um umweltschonend zu stricken. Eine, die das zeigt, ist Viola Kucklinski aus Dortmund.
Viola aus Dortmund strickt mit Resten: „Ohne Mangel wäre mir langweilig.“
Die 55-Jährige strickt und häkelt, seit sie ein Kind ist. Ihre erste Häkelnadel – damals von ihrer Mutter für die Schule gekauft – benutzt sie bis heute. „Stillsitzen fiel mir nie leicht. Aber wenn ich stricke, finde ich Ruhe“, sagt sie. Der Rhythmus, das Zählen der Maschen, das Gefühl des Garns – für sie ist das wie Meditation. Und was als Hobby begann, hat sich inzwischen zu einem kleinen Nebenerwerb entwickelt.
Nachhaltig denken beginnt erst dann, wenn du keine anderen Sorgen mehr hast.
Viola Kucklinski
In ihrem Online-Shop „ViolasWollwerk“, auf Etsy und Friendsfair, verkauft sie ihre Strickwaren – Pullover, Mützen, Cardigans. Aber Viola kauft keine neuen Knäuel. Sie sucht über Kleinanzeigen nach Wollresten und hat Kontakte zu einer Weberei aufgebaut. Ihre Arbeiten sind sogenannte „Scrap-Yarn“-Projekte (auch „Scrappy Knitting“ genannt) – Collagen aus gesammelten Fasern. Das heißt: a) Jedes ihrer Produkte ist ein Unikat, und b) es ist nie ganz einfach, alle Materialien zusammenzubekommen.

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„Ohne Mangel wäre mir langweilig“, erklärt Viola. „Ich mache das für mich – für meine Kreativität. Das bin ich. Deshalb mache ich dieses Scrappy Knitting.“
Warum nachhaltige Mode ein Luxus bleibt
Ein Vollzeit-Business ist das für Viola nicht – dafür wirft es schlichtweg zu wenig ab. „Von den Preisen, die ich anbiete, kann man nicht leben.“ In ihrem Shop kostet ein handgestrickter Mohair-Pullover etwa 188 Euro. Dass sich viele so ein Stück nicht leisten können, weiß sie. Aber wer strickt oder häkelt, weiß auch: Es wird schnell teuer, sobald man auf Qualität achtet. Und es dauert – lange. Es ist ein langsamer, bewusster Prozess.

„Viele können sich das schlicht nicht leisten“, gibt Viola zu. Ein Pullover aus ihrem Shop ist ein Luxusgut – etwas, das man sich vielleicht einmal im Jahr gönnt. Für 100 Euro könne man bei Primark die ganze Familie einkleiden, meint sie – Unterwäsche, Socken, Pullover, Jacken. Aber sie macht den Fast-Fashion-Konsumenten keinen Vorwurf. „Kleidung muss erst mal da sein. Nachhaltig denken beginnt erst dann, wenn du keine anderen Sorgen mehr hast.“
„Visible Mending“: Die Langlebigkeit der Kleidung ist wichtig
Was Viola immer schätzt, ist die Reparatur. „Das ist ein Ansatz, den man auch mit wenig Geld umsetzen kann“, sagt sie. Weil ihr die Langlebigkeit ihrer Strickstücke besonders am Herzen liegt, legt sie jedem Kauf extra Garn bei – nicht nur ein kleines Reststück, sondern „sehr, sehr viel“, wie sie betont. Für kleine Unfälle.

Selbst die Reparaturen – wie das Stopfen von Socken – ist heute ein Trend: Beim „Visible Mending“ werden Risse oder Löcher in der Kleidung nicht verborgen, sondern bewusst hervorgehoben. Mit bunten Flicken, groben Stichen oder der japanischen Sashiko-Technik wird Imperfektion zum Stilmittel. Wie beim Scrap-Yarn gilt auch hier: Schönheit entsteht durch Brüche.
Tipps für nachhaltiges Stricken:
- Wenn dir ein Kleidungsstück nicht mehr gefällt, trenne es auf und verwandle das Garn in etwas Neues.
- Wirf kein Garn weg – selbst kleinste Reste lassen sich aufbewahren und später für kreative Scrap-Yarn-Projekte verwenden.
- Kaufe Wolle nur dann, wenn du ein konkretes Projekt im Kopf hast – das verhindert unnötige Vorräte und spart Ressourcen.
- Halte Ausschau nach Secondhand-Garnen, zum Beispiel auf Flohmärkten oder Online-Plattformen.
„Scrap Yarn“ und „Visible Mending“: Der Wunsch nach Individualität?
Scrap Yarn und Visible Mending sind längst mehr als nur Techniken – sie sind zu ihrem eigenen Stil geworden. Irgendwo zwischen Slow Fashion, Upcycling, Boho, Craftcore und Grannycore. Ein bisschen chaotisch, ein bisschen heimlich. Vielleicht genau das, wonach sich viele sehnen. Denn irgendwann wird das Polierte, Beigefarbene, Perfekte zu viel – zu glatt für einen hektischen Alltag. Dann wächst die Sehnsucht nach dem Imperfekten, dem Langsamen. Nach Authentizität und nach Individualität.

„Ich sehe die Menschen in der Stadt – und wie sie in ihrer Individualität alle gleich aussehen“, erzählt Viola. Ihre Arbeiten sind Reaktionen auf diese Uniformität. Keine Trends, keine Magazine, keine Einkaufsstraßen mehr. Stattdessen Farbe, Wolle, Chaos mit System. Sie verknüpft bis zu zehn verschiedene Fäden und knotet sie zu Knäueln zusammen. „Meine Handarbeit hat sich mit meiner Persönlichkeit entwickelt“, sagt sie. „Ich will nichts machen, das aussieht wie bei Zara oder H&M.“
Viola Kucklinski: Stricken ist feministische Frauenpower
Für Viola ist Stricken weit mehr als nur ein Handwerk – es ist „feministische Frauenpower“ und ein klares Zeichen gegen den schnellen Konsum. Seit Beginn der Corona-Pandemie erleben Stricken und Häkeln ein Comeback – besonders unter jungen Menschen. Auf TikTok hat sich daraus sogar ein eigenes Genre entwickelt: „Crochet-Tok“. Wer dort nach Begriffen wie „Crochet“ oder „Knitting“ sucht, stößt auf eine bunte Community kreativer Nutzerinnen, die voller Stolz ihre Werke präsentieren, sich beim Handarbeiten filmen, Tipps austauschen und Anleitungen teilen.
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Stricken ist generationsübergreifend – und mittlerweile vor allem weiblich geprägt (Stricken war früher Männersache). Viele Frauen lernen es von ihren Müttern, Omas, Freundinnen oder von anderen Frauen im Internet, die auf YouTube erklären, wie man eine verlorene Masche rettet. „Ich erinnere mich an Situationen, in denen eine Bekannte meinte: ‚Das würde ich auch gerne machen‘ – woraufhin ihr Partner sagte: ‚Nee, wie eine Oma hier sitzen und stricken? Das will ich nicht.‘“
Viola beobachtet seit rund 40 Jahren, wie Menschen auf das Stricken reagieren – und wie auch viele Frauen die Tätigkeit lange selbst als etwas „Oma-mäßiges“ empfanden, im negativen Sinne. „Dass solche femininen Tätigkeiten heute positiv bewertet werden – als bedeutungsvoll und mit echtem Mehrwert – finde ich toll.“







