„Einen Monat lang hat er verheimlicht, dass er wieder trinkt. Dann findet die Partnerin im Kleiderschrank sowohl volle als auch leere Flaschen“, erzählt Judith Lange von einem Klienten. Sie ist Leiterin der Suchtberatungsstelle des Caritasverbands Gladbeck. Aus ihrer Erfahrung als Suchttherapeutin erklärt sie, wie eine Alkoholsucht entsteht, und gibt Tipps, wie das Umfeld damit umgehen kann.

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„Den klassischen Alkoholiker gibt es nicht“, sagt Lange. Und oft fällt er auch nicht auf. Wein zum Abendessen, Bier zum Feierabend – Alkohol gilt im Alltag als normal. Etwa 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen alkoholabhängig.

Nicht nur das Leben der Betroffenen wird davon beeinflusst, auch das des Umfeldes. Herausfordernd werde es vor allem, wenn man mit einem Alkoholiker oder einer Alkoholikerin unter einem Dach lebe, weiß die Expertin.

Feierabendbier oder Warnsignal? Alkoholismus im eigenen Umfeld erkennen

Beim übermäßigen Alkoholkonsum werden zwei Formen unterschieden. Die klassischen Feierabendbiere entsprechen einem chronischen Konsum, also häufigem Trinken, aber nicht in sehr hohen Mengen. Rauschtrinken hingegen sei episodischer Konsum, erklärt die Suchttherapeutin. „Das führt eher zu Kontrollverlust – mit Folgen für andere – etwa, wenn man sich betrunken ans Autosteuer setzt, in eine Schlägerei gerät oder Gewalt gegen Angehörige im Spiel ist.“ Laut einer Befragung des Robert-Koch-Instituts ist fast jeder dritte Erwachsene in NRW Rauschtrinker. Mindestens einmal im Monat trinken sie mindestens sechs alkoholische Getränke.

Seit 2024 rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) komplett vom Alkoholkonsum ab. „Das Risiko für die Gesundheit beginnt schon beim ersten Tropfen jedes alkoholischen Getränks“, erklärte Carina Ferreira-Borges von der WHO. Je mehr Alkohol man trinke, desto schädlicher sei es. Weltweit haben fast neun Prozent der Todesfälle direkt mit Alkohol zu tun. Dazu zählen sowohl Unfälle und Verletzung als auch bis zu 200 Folgeerkrankungen, darunter Leber-, Brust- oder Darmkrebsrisiken.

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Alkohol als soziales Schmiermittel: Die Sucht tritt langsam ein

Haben Menschen ihre Trinkmenge nicht mehr unter Kontrolle und konsumieren Alkohol, um ihre Realität erträglicher zu machen, könne man bereits von einem Alkoholproblem ausgehen, so Lange. „Den erschreckenden Zahlen nach zu urteilen, dürften wir eigentlich gar nicht mehr trinken.“

Doch als soziales Schmiermittel ist Alkohol mehr als nur eine Droge: Gesellschaftlich akzeptiert wird er eingesetzt, um Geselligkeit zu fördern. Auf Geburtstagen, zum Fußballspiel oder in Bars gehört er dazu. Bestellt man eine Limonade statt eines Biers, wird man nicht selten komisch angeschaut und gerät in Erklärungsnot.

Christmas celebration with champagne - group of friends drinking and toasting together
Eine Party ohne Alkohol? Für viele kaum denkbar. Die Droge gehört als soziales Schmiermittel dazu. (Symbolbild).© iStock | Alina Rosanova

„Alkohol führt schleichender in die Abhängigkeit als Kokain oder Heroin“, führt die Expertin aus. Oftmals hat sich die Person bereits über Jahre hinweg an das tägliche Trinken gewöhnt. Das macht es für die Person selbst und für Außenstehende schwierig, zu erkennen, ob der Konsum problematisch ist. „Allmählich steigert sich der Konsum, verankert sich im Suchtgedächtnis und 15 Jahre später merkt der Betroffene, dass er alleine nicht aufhören kann. Bestenfalls wendet er sich dann an eine Beratungsstelle.“​

Auch bei den beliebten Feierabendbieren sollte man sich daher fragen: „Kann ich das selbst stoppen?“

Genuss oder Sucht: Ab wann wird Trinken problematisch?

Wer auf einem Geburtstag ein Bier trinkt oder zum Fisch den passenden Weißwein genießt, handelt in der Regel nicht aus einem Mangel heraus, sondern aus Genuss. „Der problematische Konsum tritt dann auf, wenn Alkohol dazu genutzt wird, um negative Gefühle wie Trauer, Langeweile oder Einsamkeit zu betäuben“, so Lange. „Manche Klienten sagen auch: ‚Alkohol ist mein bester Freund, weil er mir hilft, mich zu beruhigen und mich gut fühlen lässt.‘“

>>> Lesen Sie auch: „Flasche Wein am Tag: Wie eine Bochumerin die Sucht bekämpfte“

„In den meisten Fällen fragen sich die Betroffenen: ‚Warum gerade ich?‘“, berichtet sie aus ihrer Beratungspraxis. Schließlich konsumierten viele Freunde, Kollegen und Kommilitonen ebenfalls regelmäßig und sind nicht abhängig geworden.

Es seien vor allem jene, die bereits eine genetische Veranlagung haben. Manchmal habe die Person auch eine psychische Erkrankung wie eine Depression oder Angststörung. Trotz vorangegangener Affinität zu Alkohol seien eine Krise, Dauerstress oder ein traumatisches Erlebnis meist ausschlaggebend. Das können sein: eine Scheidung, der Tod eines geliebten Menschen, eine schwere Krankheit oder Arbeitsplatzverlust. Die vermeintliche Lösung: Alkohol.

Alkoholismus in NRW: Warnsignale für Alkoholabhängigkeit

Wenn jemand immer häufiger und regelmäßiger trinke, falle es Angehörigen oft schwer, das Verhalten des Betroffenen einzuschätzen und entsprechend zu handeln. Die Alarmglocken, so die Suchttherapeutin, sollten läuten, wenn neben der zunehmenden Regelmäßigkeit kein noch so fadenscheiniger Grund mehr ausgelassen werde, um den Alkoholkonsum zu rechtfertigen.

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Warnsignale für Alkoholabhängigkeit sind mitunter zunehmende Regelmäßigkeit, häufige Filmrisse und Versuche, den Konsum zu vertuschen und zu rechtfertigen. (Symbolbild)© Getty Images/iStockphoto | RgStudio

Weitere Anzeichen für einen problematischen Konsum: Versuche, den Konsum zu vertuschen, häufige Filmrisse, schnelle Rechtfertigung und die Unfähigkeit, den Konsum zu reduzieren oder zu stoppen. Ebenfalls ein sozialer Rückzug oder Interessenlosigkeit sollten aufmerksam machen.

Alkoholabhängigkeit: Das können Angehörige tun

Was kann nun aber das Umfeld tun? Es sei wichtig, behutsam mit der Person zu sprechen, ohne sie zu verurteilen, empfiehlt die Beraterin Lange. Denn für Betroffene sei das Thema oft schambesetzt und mit Angst verbunden, als „Alki“ abgestempelt zu werden. Manchmal öffne sich schon eine Tür, wenn Angehörige fragten, wie es gehe. Anstelle von Vorwürfen können sie ihre Beobachtungen und Sorgen in „Ich-Botschaften“ formulieren. Doch die Expertin mahnt: „Man muss aufpassen, dass kein Machtgefälle entsteht, indem man versucht, die Rolle eines Therapeuten oder Seelsorgers zu übernehmen, sondern weiterhin Freund, Bekannter, Kollege oder Partner ist.“

Häufig werde der Konsum von der betroffenen Person heruntergespielt, verdrängt oder geleugnet. Hier können Hilfsangebote, aber auch Aufklärung und Information helfen – auch über professionelle Unterstützung. In Suchtberatungsstellen werden erste Schritte zur Bewältigung aufgezeigt. In vielen Fällen sei jedoch eine stationäre Therapie notwendig, um den Kreislauf der Sucht zu durchbrechen, langfristige Abstinenz zu erreichen und typischen Folgen wie dem Verlust des Führerscheins, des Arbeitsplatzes, finanziellen Ruin oder Trennungen vorzubeugen.

Co-Abhängigkeit: Wenn das Umfeld die Sucht mitträgt

„Die Sucht kann sehr belastend für eine Beziehung sein“, erklärt Lange. Es gebe zwei Extremformen: Die einen versuchen, den Suchtverlauf zu kontrollieren und den Partner zu überwachen, indem zum Beispiel der Kleiderschrank nach Flaschen durchforstet wird. Andere tolerieren das Suchtverhalten, verstecken es, spielen es herunter, rechtfertigen die Alkoholexzesse vor Bekannten oder unterstützen es sogar. Bei dieser Co-Abhängigkeit bauen sie ihr Leben um die Sucht des Partners herum. Sie machen beim Versteckspiel mit.

Sucht
Alkoholsucht: die Rückfallquote ist hoch. Vor allem Partner und Partnerinnen können in eine Co-Abhängigkeit geraten. (Symbolbild)© DPA Images | Silas Stein

Entgiftung, stationäre und ambulante Therapie und Nachsorgegruppen: Der Weg sei lang, die Rückfallquote hoch, ob nach kurzer Zeit oder nach vielen Jahren. Lange: „Auf diesem langen Weg kommen die Bedürfnisse der Angehörigen oft zu kurz.“

Der Sucht Grenzen setzen, aber wie?

Die Herausforderung für Angehörige: Wie kann ich meinem Partner helfen, ohne mich selbst zu verlieren? „Das ist oft ein dünner Grad. Bei einem Pärchen aus der Beratung war es zum Beispiel so, dass er oft trinkt, wenn sie nicht da ist. Trotzdem geht sie arbeiten und trifft Freundinnen. Wenn er in der Zeit gefährdet ist, ist das seine Verantwortung, findet sie.“ Sich abzukapseln, sei auf Dauer nicht gesund.

Angehörige müssen daher abwägen, wie weit sie diesen Weg mitgehen, betont die Expertin. „Spätestens wenn Kinder betroffen sind und Gewalt im Spiel ist, sollten klare Grenzen gesetzt werden.“ Statt einer Trennung gehen Partner und Partnerinnen auch Kompromisse ein: „Bei einem jungen Paar wollte sie zwar mit ihm zusammen sein, aber solange er die Alkoholabhängigkeit nicht im Griff habe, wolle sie keine Kinder mit ihm.“

Ich habe meine Identität die letzten 15 Jahre für meinen Partner aufgegeben, wer bin ich eigentlich ohne ihn?

Judith Lange, Leiterin der Suchtberatungsstelle des Caritasverbands Gladbeck

„Selbsthilfe-, Angehörigengruppen, Beratungen oder auch Psychotherapie können helfen, die eigene Situation besser zu verstehen, sich zu sortieren und zu überlegen, welche Schritte folgen.“ Dabei stellen sich auch existenzielle Fragen: „Ich habe meine Identität die letzten 15 Jahre für meinen Partner aufgegeben, wer bin ich eigentlich ohne ihn?“

Suchthilfe in NRW: Welche Unterstützung gibt es bei Suchtproblemen?

  • Bundesweites Sorgentelefon für Angehörige von Menschen mit Suchtproblemen beim Deutschen Roten Kreuz unter 06062 60767 (Freitag bis Sonntag und an gesetzlichen Feiertagen von 8 bis 22 Uhr)
  • Infotelefon zur Suchtvorbeugung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unter 0221 89 20 31 (Montag bis Donnerstag von 10 bis 22 Uhr, Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr)
  • Einrichtungen mit Suchthilfeangeboten in der Nähe unter suchthilfeverzeichnis.de – zum Beispiel Beratungsstellen von Caritas, Deutschem Roten Kreuz und der Diakonie.
  • Unterstützung beim Hausarzt oder der Hausärztin suchen: Der Hausarzt kann feststellen, ob körperliche Schäden entstanden sind und an andere Stellen verweisen. Oftmals werden Betroffene auch dort erst wegen schlechter Blut- oder Leberwerte, Bluthochdruck, Magenschleimhautentzündung sichtbar.
  • Trinktagebuch-App der deutschen Hauptstelle für Suchtfragen