Am Kardinal-von-Galen-Gymnasium in Kevelaer sollten Schülerinnen und Schüler im Rahmen einer Unterrichtsaufgabe ein inklusives Bordell konzipieren. Die Achtklässler sollten unter anderem ein „Angebot“ definieren und überlegen, welche „Fähigkeiten und Fertigkeiten“ Beschäftigte in einem solchen Betrieb benötigen, „damit alle möglichen Menschen bedient und zufriedengestellt werden können“. Im Anschluss war eine Diskussion vorgesehen. Zuerst hat der WDR darüber berichtet.

Unter dem Titel „Der neue Puff für alle!“ wurden die Schülerinnen und Schüler konkret aufgefordert, in Gruppenarbeit ein bestehendes Bordell in einer Großstadt auf dem Papier zu modernisieren. Grundlage ist ein vorgegebener Grundriss, der weder erweitert noch in seiner Raumaufteilung verändert werden darf. Aus statischen Gründen sind Umbauten an Wänden ausgeschlossen. Laut der Aufgabe sei lediglich der Einbau von Türen und Treppen erlaubt. Das Ziel besteht darin, ein „Puff für alle“ beziehungsweise ein „Freudenhaus der sexuellen Lebenslust“ zu entwerfen. Laut dem Arbeitsblatt beginnt die Vorgehensweise damit, dass sich jedes Gruppenmitglied zehn Minuten lang einer von vier Leitfragen widmet.

Schule führte konstruktive Gespräche mit den Eltern

Auf Anfrage hat die Schulleitung bestätigt, dass die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe im Unterricht erhalten haben. Das Ziel sei, dass die Unterrichtseinheit bewusst Inhalte aufgreift, denen Jugendliche täglich begegnen könnten. „Die Lehrkraft hat zudem den Eltern und der Klassenpflegschaft die Hintergründe des Unterrichtsmaterials erläutert. Diese Gespräche waren sehr konstruktiv, sodass Irritationen ausgeräumt wurden. Dieses Ergebnis hat die Klassenpflegschaft mir gegenüber auf Nachfrage ausdrücklich bestätigt“, so Leiterin Christina Diehr.

Diehr betonte außerdem, dass der Inhalt der Unterrichtsstunde im Nachgang mit den Schülerinnen und Schülern thematisiert und eingeordnet wurde. „Die Unterrichtseinheit sollte explizit zu Diskussionen anregen und Inhalte aufgreifen, mit denen Jugendliche in den sozialen Medien konfrontiert werden können.“

Die Schulleitung erklärt, dass die Unterrichtseinheit für Unruhe in der Schulgemeinschaft gesorgt hat. „Unter Berücksichtigung der Ergebnisse des intensiven Austauschs mit allen Beteiligten sind alternative Unterrichtseinheiten in Vorbereitung, die das Thema Vielfalt der Lebensformen und der Sexualität in einem anderen Kontext aufbereiten“, so Diehr.

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Bezirksregierung Düsseldorf prüft umstrittenes Unterrichtsmaterial

Das NRW-Schulgesetz sieht vor, dass die Sexualerziehung in der Schule die Aufklärung durch die Eltern ergänzt. Sie soll altersgerecht erklären, was Sexualität biologisch, ethisch, sozial und kulturell bedeutet, und junge Menschen stärken, ihr Leben bewusst, frei und verantwortungsvoll zu gestalten.

Das Schulministerium betonte auf Anfrage, dass die Schule nach Hinweisen der Eltern zügig entschieden habe, das betreffende Unterrichtsmaterial nicht weiter zu verwenden. „Sexualerziehung müsse verantwortungsvoll, sensibel und altersangemessen erfolgen“, hieß es aus dem NRW-Ministerium. Das in der Aufgabe stehende Material genüge laut dem Ministerium diesen Ansprüchen in keiner Weise und sei für den Einsatz im Unterricht nicht geeignet. „Die Bezirksregierung Düsseldorf wird den Fall aufarbeiten“, so das NRW-Schulministerium auf Anfrage.

Kevelaer: Bürgermeister warnt vor vorschnellem Urteil

Kevelaers Bürgermeister Dominik Pichler hat sich zu dem umstrittenen Thema geäußert. Pichler könne gut nachvollziehen, dass die Aufgabe bei Eltern auf Unverständnis gestoßen sei. „Gleichzeitig halte ich wenig davon, vorschnell von einem Skandal zu sprechen.“

Sexualkundeunterricht sei für Pichler selbstverständlich. Gerade in der heutigen Zeit, in der Kinder und Jugendliche früh mit expliziten Inhalten in den sozialen Medien konfrontiert werden, sei es wichtig, dass Aufklärung nicht allein dem Internet überlassen wird. „Gerade bei jüngeren Schülerinnen und Schülern muss dabei besonders sorgfältig abgewogen werden, wie sensible Themen vermittelt werden und welche Aufgabenstellungen dafür geeignet sind.“ Für ihn sei nicht das Thema allein entscheidend, sondern die pädagogische Begleitung. Junge Menschen sollten lernen, Themen einzuordnen und unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten offen zu begegnen.

Sexarbeit im Unterricht: Schulpädagogin warnt vor Verharmlosung

Themen wie Prostitution und sexuelle Dienstleistungen stünden häufig im Zusammenhang mit Macht, Abhängigkeit und Ausbeutung. Die Schulpädagogin Marie-Christin Gerwig hält es grundsätzlich für wertvoll, Schülern mit ungewöhnlichen Aufgaben neue Perspektiven zu eröffnen. Solche „Out of the box“-Themen können den Blick von Kindern und Jugendlichen für unterschiedliche Lebenswirklichkeiten schärfen und ihre Aufmerksamkeit für schulische Inhalte erhöhen.

Gleichzeitig warnt sie deutlich davor, Sexarbeit im Unterricht unkritisch zu behandeln oder gar zu normalisieren. „Sexarbeit ist ein hochproblematischer Bereich, der einen riesigen Zusammenhang mit der Ausbeutung von Frauen hat. Das in irgendeiner Form zu normalisieren, finde ich schwierig“, so Gerwig.

Sie gibt zu bedenken, dass entsprechende Aufgaben Schülerinnen und Schüler emotional belasten können, da manche von ihnen möglicherweise bereits eigene Berührungspunkte mit dem Thema haben. Ohne eine klare pädagogische Zielsetzung, ein Schutzkonzept und eine Sensibilisierung für die Schattenseiten der Sexarbeit hält Gerwig eine solche Aufgabe für sehr problematisch.