Einen Wettbewerb um den schönsten Namen würden viele Wildpflanzen wahrscheinlich nicht gewinnen. Oft steht das Wort „gewöhnlich“ voran, wie beim Natternkopf, Dost oder Gundermann. Auch Dorniger Hauhechel, Schleuchzer Teufelskralle oder Kriechender Günsel klingen wenig vertrauenserweckend. Doch dabei handelt es sich um heimische Heilpflanzen und Insektenmagneten, die trockenresistent und pflegeleicht sind. Ganz zu schweigen davon, dass sie zauberhaft blühen.
Das sind unterschätzte Alleskönner, sagen Rainer und Doris Born, weswegen sie den Pflanzen den wunderschönen Namen Wilde Talente verliehen haben. Eine Handvoll haben sie vor fünf Jahren ins Sortiment ihres Gartenbaubetriebs aufgenommen. Inzwischen sind es über 50. Tendenz steigend. „Wir merken, dass die Leute viel mehr an Artenvielfalt interessiert sind“, sagt Doris Born. Und das bedeutet eben auch, dass die oft als Unkraut verschmähten Wildpflanzen ihren Weg zurück in die Gärten finden.

Noch sind es Mini-Pflanzen, die in den Gewächshäusern am Boekholter Weg in Reih und Glied stehen. Blühen sollen sie hier auch gar nicht, klärt Doris Born auf: „Wir wollen ja dem Insekt vor Ort etwas anbieten. Deswegen ist es besser, wenn die Pflanze nicht hier oder im Gartencenter, sondern erst an ihrem endgültigen Standort blüht.“ Die Borns liefern an die Erzeugergenossenschaft Landgard und an den hiesigen Großhandel.
Auch Löwenzahn und Brennnesseln? Ja auch die! „Probieren Sie mal“, Rainer Born pflückt ein Brennnesselblatt am Stiel ab und rollt es zwischen den Fingern, „schmeckt nach Walnuss!“ Stimmt, es schmeckt frisch und nussig und brennt auch gar nicht auf der Zunge. Denn beim Einrollen verschwinden die Brennhärchen auf der Oberseite des Blattes. „Das schmeckt auch gut in einer Kräuterbutter.“ Das und viele andere Rezepte hat Doris Born schon ausprobiert. Wofür sich die Wilden Talente eignen, findet sich auf den Etiketten und auf der Homepage: Die Schleuchzer Teufelskralle macht sich zum Beispiel gut in einem grünen Smoothie. Der Gewöhnliche Dost ist die heimische Oregano-Art und damit ein Küchengewürz.
Die Borns setzen auf Vielfalt im Gewächshaus
Vieles davon sei auch für sie vor fünf Jahren neu gewesen, erzählt Doris Born beim Gang durch die Gewächshäuser. Hier werden gerade Farne für die Großhändler verpackt, die sind neben Topfpflanzen ein wichtiges Standbein des Betriebs. Draußen genießt buntes Sedum den Sonnenschein. Die Sukkulenten sind pflegeleicht, winterhart und ein Steckenpferd von Doris Born.

Zierpflanzen-Experten sind die beiden Straelener schon eine halbe Ewigkeit. Rainer und Doris Born führen den Familienbetrieb in der sechsten Generation, und haben vor 30 Jahren gemeinsam die Meisterprüfung abgelegt. Auch Nachhaltigkeit, etwa bei der Bewässerung, ist schon lange ein Thema, beschreibt Rainer Born: „Wenn wir gießen, wird das überschüssige Wasser aufgefangen und in großen Tanks gesammelt und wiederverwendet.“ Es gibt ein Blockheizkraftwerk, die Blumentöpfe sind aus recyceltem Material, die Wildpflanzen gedeihen torffrei, der Rest ist auf dem besten Weg dahin.
„Angefangen hat alles mit Erdnüssen“
Dass zu Beginn der Coronazeit die Wilden Talente Einzug hielten, sei auch der Tatsache geschuldet, „dass wir gerne Sachen ausprobieren. Angefangen hat alles mit Erdnüssen“, erinnert sich Doris Born schmunzelnd. Die gibt es hier zum Selbstanbau, genauso wie den Grill- und Popcornmais.
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Die Borns haben zwei Töchter und einen Sohn. Als Tochter Hannah mit der Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Angestellten anfing, wurden die Wild- und Heilpflanzen plötzlich ein Thema. „Sie hat die Saatpröbchen mitgebracht und wir haben gesagt, wir probieren das mal aus.“

Das war dann so ungewöhnlich, dass viele Kolleginnen und Kollegen den Kopf schüttelten. Das macht inzwischen niemand mehr. Im Gegenteil, viele Naturgartenplaner kommen, um sich inspirieren zu lassen. Auch auf der Landesgartenschau in Neuss und der Internationalen Gartenausstellung im Ruhrgebiet im nächsten Jahr werden die Wilden Talente aus Straelen blühen, unter anderem in einem essbaren Hochbeet. Im Trend seien sogar naturnahe Grabbepflanzungen, weiß Doris Born: „Die Leute mögen es einfach, wenn es dort summt und brummt.“
Dass ihre ungewöhnlichen Ideen so gut ankommen, gibt wiederum die Sicherheit, sich weiterhin an Neues zu wagen. Seit diesem Jahr sind heimische Gräser wie der Wiesenschlingel oder der Goldhafer palettenweise im Angebot. Sind die denn auch insektenfreundlich? Schließlich haben sie naturgemäß wenig Blüten . . . „aber Versteckmöglichkeiten“, kontert Doris Born prompt.
Beliebt und trockenresistent
Die Wilden Talente gibt es zum Beispiel in vielen Hagebaumärkten oder im Gartencenter Breuer in Kevelaer. Wer Wildpflanzen eine Ecke in seinem Garten gönnen will, könnte zum Beispiel mit Oregano, Thymian oder Wilder Möhre anfangen, sagt Doris Born. Besonders beliebt und trockenresistent ist auch die Wegwarte wegen ihrer schönen blauen Blüten. Mehr Infos zu den Wilden Talenten gibt es hier: gartenbau-born.de
Wichtig sei ohnehin die richtige Mischung im Garten. „Klar sieht eine gefüllte Blüte gut aus, tut aber vielleicht nichts für die Insekten. Aber wenn jemand sie mag, warum sollte sie dann verschwinden?“ Als insektenfreundlicher Ausgleich dazu könnte ja der blau blühende Natternkopf dienen, ein Schmetterlingsfreund und für die Natternkopf-Wildbiene der einzige Ort, an dem sie Nahrung findet.
Ob noch weitere Wildpflanzen folgen werden? Das kann gut sein. Denn wenn die Borns mal nicht in den eigenen Gewächshäusern unterwegs sind, besuchen sie in ihrer Freizeit gerne alte Klostergärten, um zu schauen, welche Wilden Talente dort vielleicht noch darauf warten, entdeckt zu werden.



